Gamescom 2013: Playstation will spielen, Xbox will mehr

Als die letzte Konsolen-Generation auf den Markt kam, spielte noch keiner «Angry Birds» auf seinem Smartphone. Heute sind mobile Geräte ernst zu nehmenden Konkurrenten für die Gamekonsolen. Microsoft und Sony zeigen an der Gamescom ganz unterschiedliche Wege, auf diese Herausforderung zu reagieren.

In den letzten Monaten machte es den Anschein, Microsoft versuche nach Kräften, den Launch seiner neuen Xbox selbst zu sabotieren. Die Vorstellung der Xbox One geriet zum PR-Debakel und statt über die Stärken des Geräts, diskutierten Gamer und Fachpresse bald nur noch über Restriktionen wie Gebrauchtspiel-Sperre, Online-Zwang und die mögliche Überwachung der Benutzer mittels Kinect-Kamera.

Konkurrent Sony sah nicht nur die Wunde, sondern streute auch kräftig Salz hinein: Die Japaner liessen schnell verlauten, die neue Playstation kenne keine solchen Einschränkungen. Und den Preis von 499 Dollar für die Xbox One konterte Sony umgehend mit der Ankündigung, die Playstation 4 werde für 399 Dollar in die Läden kommen.

Kein Traumstart für Microsoft

Doch Microsoft hatte noch genug Munition, sich weiter ins eigene Bein zu schiessen: Selbst die Kehrtwende in Sachen Benutzer-Restriktionen sorgte für wenig Goodwill. Denn zusammen mit Online-Zwang und Co. fielen einige gute Features weg – etwa die Möglichkeit, heruntergeladene Spiele auch auf anderen Konsolen als der eignen zu spielen.

Schliesslich verabschiedete sich mit Don Mattrick auch noch das «Gesicht» der neuen Xbox, um künftig beim Farmville-Betreiber Zynga zu arbeiten. Und um den schlechten Nachrichten noch eine speziell für Schweizer Xbox-Fans draufzusetzen, wurde der Start der Xbox One in acht europäischen Ländern von November 2013 auf ein frühes Datum im Jahr 2014 verschoben. Neben Belgien oder Finnland gehört auch die Schweiz zu den betroffenen Regionen. Die Playstation 4 hingegen soll hier pünktlich am 29. November in die Läden kommen.

Nach dieser Serie von Pleiten, Pech und Pannen sahen viele Beobachter etwas vorschnell schon Sony als Sieger aus dem grossen Kampf der Konsolen hervorgehen. Spannend also, wie Microsoft an der Gamescom in Köln auf die Herausforderung reagieren würde, der immerhin grössten Games-Messe Europas, wo die Xbox One und die Playstation 4 zum ersten Mal dem europäischen Publikum präsentiert werden.

Gamer-Maschine vs. Multifunktions-Kiste

Spannender noch aber ist die Frage, welche Strategien Microsoft und Sony an der Gamescom präsentieren würden, um ihre Konsolen auch in Zukunft relevant zu halten. Denn im Gegensatz zum Start der letzte Konsolen-Generation vor gut acht Jahren buhlen heute mit Smartphones und Tablets mobile Geräte um die Gunst der Gamer. Geräte, die sich in Sachen Grafik- und Rechnerleistung kaum mehr vor den in die Jahre gekommenen Playstation 3 und Xbox 360 zu verstecken brauchen und vor allem Gelegenheitsspieler mit Spielspass für wenig Geld locken.

Was sich schon nach der Vorstellung der neuen Konsolen in der ersten Jahreshäfte abzeichnete, verdeutlichte sich jetzt an der Gamescom in Köln: Die beiden Unternehmen reagieren ganz unterschiedlich auf die mobile Konkurrenz. Während Sony die Playstation zum einzig wahren Gerät für echte Gamer machen will, sieht Microsoft die Xbox als zukünftige Hightech-Kiste im Wohnzimmer, mit der sich weit mehr anstellen lässt als bloss «Halo» zu spielen.

Kinect schaut genau auf die Finger

Natürlich standen auch an den Xbox-Messeständen neue Games im Vordergrund. «Ryse: Son of Rome» etwa, ein im alten Rom angesiedeltes Action-Adventure, das exklusiv für die Xbox One erscheinen wird. Oder die Spiele-Sammlung «Kinect Sports Rivals», die den Spieler mit Unterstützung der Kinect-Sensorleiste Klettern oder Tennisspielen lässt. Kinect reagiert nun auch auf kleine Bewegungen wie etwa das Beugen und Strecken der Finger.

In der Demonstrations-Vorstellung der neuen Xbox diente derselbe Kinect-Sensor dann aber vornehmlich dazu, dem Benutzer den Umgang mit der Konsole – und anderen Geräten im Wohnzimmer – angenehmer zu machen. Etwa indem per Sprachsteuerung der Fernseher kontrolliert oder ein Film gestartet wird. Vom Gamen war wenig die Rede, aber umso mehr davon, die Xbox One zum Multimediazentrum zu machen, in dem alle Unterhaltungs-Stränge zusammenlaufen.

Mehr Inhalte, mehr Probleme

Microsofts verfolgt damit eine langfristige Konsolen-Strategie und trägt dem Umstand Rechnung, dass die meisten Medien heute digital konsumiert werden. Es ist aber auch ein riskantes Vorgehen: Wenn die Xbox nun auch Settop-Box, Recorder und Bluray-Player sein soll, erwachsen Microsoft neue Konkurrenten, die ebenfalls das eine Gerät fürs Wohnzimmer herstellen wollen.

Zum anderen ist eine Welt, in der es neben Games auch Fernseh- Film- und Musikangebote gibt, eine komplizierte Welt: Microsoft muss sich nun mit Rechtefragen und Inhalte-Deals herumärgern, die wohl auch bei der Verschiebung des Starttermins in der Schweiz mit eine Rolle gespielt haben. Dabei besteht immer die Gefahr, die zu vergraulen, die mit der Xbox vor allem spielen wollen – das ist immer noch der allergrösste Teil der Kundschaft.

Für Gamer und Game-Entwickler

Im Vergleich dazu fährt Sony eine deutlich einfachere Strategie: Eine Maschine nach Wünschen der Gamer zu bauen und es den Entwicklern möglichst einfach zu machen, Spiele dafür zu produzieren. Das zeigte sich nicht nur an Sonys Gamescom-Konferenz, während der kein Redner müde wurde, seine Liebe zu Gamern und (Indie-)Entwicklern zu betonen. Es war auch vorher schon, aus dem Wechsel der Chip-Architektur ersichtlich geworden: Im Gegensatz zum Vorgängermodell wird die Playstation 4 von einem AMD-Prozessor angetrieben, der dasselbe System verwendet wie ein PC-Prozessor.

Für Spiele-Entwickler bedeutet das, dass sie sich nicht erst mit einem neuen Chip herumschlagen müssen (was beim Cell-Prozessor der Playstation 3 noch der Fall war), sondern von ihrer Erfahrung bei der Entwicklung von PC-Spielen profitieren können. Damit dürften nicht nur die Entwicklungskosten sinken, es sollte auch schneller gehen, bis erste Games die Möglichkeiten des neuen Systems voll ausreizen. Das wird allerdings nicht nur bei der Playstation 4 so sein: Auch Microsoft gibt sich mit der Xbox One Mühe, es den Entwicklern so einfach wie möglich zu machen.

Grafisch tut sich noch nicht viel

Bei den an der Gamescom gezeigten Games für die neuen Konsolen waren aber noch keine grossen Sprünge auszumachen. Wer etwa grafische Verbesserungen erkennen wollte, musste schon ganz genau hinsehen – auf die Unterarme der Game-Protagonisten zum Beispiel, die nun die Haare schön haben. Oder auf Wellen und Gischt im PS-4-Piraten-Opus «Assassin’s Creed IV: Black Flag», die sehr realitätsnah animiert sind.

Beim Übergang von der Xbox zur Xbox 360 beziehungsweise von der Playstation 2 zur Playstation 3 war das noch anders: Die Fortschritte in der Grafik waren dank dem Wechsel auf HD-Bilder sofort sichtbar. Weil es diesmal keine solche Umstellung gibt, wird es etwas länger dauern, bis Unterschiede zur Vorgänger-Generation ins Auge fallen. Die deutlich gesteigerte Rechen- und Grafikleistung der neuen Maschinen wird eine Verbesserung aber zweifellos möglich machen.

Besucher spielen Need for Speed

Bildlegende: Rund 250'000 Besucher wollen an der Gamescom neben den neuen Konsolen auch die neusten Games sehen und testen. Reuters

Software und Features statt technische Details

Interessant aber, dass keiner der Hersteller versucht, gross mit der Hardware-Leistung seines Geräts zu punkten – anders als das noch bei der letzten Konsolen-Generation der Fall war. Zwar wird allenthalben erwähnt, wie viel Kraft in den neuen Geräten steckt, doch ins Detail mag keiner gehen. Stattdessen war an den Konferenzen und Präsentationen der Gamescom immer wieder die Rede von der Software: Nicht nur den Games selber, sondern auch den Funktionen und Diensten rund um diese Spiele.

So gibt es bei der Xbox One etwa die Möglichkeit, die letzten 30 Sekunden eines Games mittels Sprachbefehl als Videodatei zu speichern und verschicken und so besondere Spielmomente mit Freunden zu teilen. Und die Playstation 4 lässt den Spieler live am Gameplay von Freunden teilhaben und per Knopfdruck selbst in Geschehen hereinspringen, falls das Spiel es erlaubt.

In absehbarer Zeit schon veraltet

Dass solche Features nun zum wichtigsten Verkaufsargument werden, hat seinen Grund in der langen Einsatzdauer der Konsolen: Vergingen von der letzten Generation bis zur neuen gut acht Jahre, dürfte es bis zur nächsten noch länger dauern. Schliesslich ist die Entwicklung der neuen Geräte sehr teuer für Microsoft und Sony und auch die Spiele-Entwickler müssen ihre Kosten für die Umstellung auf eine neue Umgebung erst amortisieren.

Die Hardware einer Konsole lässt sich im Gegensatz zu Software und Betriebssystem aber kaum upgraden und wird mit der Konsole alt. Noch bevor die neue Konsolengeneration also in der Mitte ihres Lebens steht, wird ihre Hardware den dann aktuellen technischen Möglichkeiten weit hinterherhinken. Kein Wunder also will kein Hersteller die in absehbarer Zeit schon kläglich wirkenden technischen Details an die grosse Glocke hängen.