Trauerspiel um «Anti»: Ist Rihanna am Ende?

460. So viele CDs hat Superstar Rihanna letzte Woche in den USA verkauft. Das klingt nach einem totalen Absturz, einer kolossalen Pleite. Ist das der Anfang vom Ende für Rihanna?

Nein, ist es nicht. Auf den lange propagierten Tod der CD als Musikträger will ich hier gar nicht erst eingehen. Dieses tote Pferd reitet schon lange keiner mehr.

Ich selber kaufe schon seit Jahren keine CDs mehr. Wie auch der grosse Teil meines Umfelds streame ich die meiste Musik und kaufe ausgewählte Vinyl-Platten. Darum überrascht mich diese Zahl von 460 verkauften CDs überhaupt nicht. Wie aber kommt es dann, dass Rihanna mit ihrem neuen Album «Anti» auf Platz 27 der amerikanischen Billboard Charts liegt und gar mit Platin ausgezeichnet wird?

Lächerliche 460 CDs

Um das zu erklären, müssen wir kurz etwas in die komplizierte Welt der Veröffentlichungspolitik eintauchen. Und hier kommen vier Player ins Spiel: Samsung,Tidal, die Billboard Charts und die Amerikanische RIAA (Record Industry Association of America).

Laut der RIAA muss ein Album für den Platin-Status eine Million Mal verkauft werden oder 1.5 Millionen Mal müssen mehrere Songs des Albums gestreamt werden. Dagegen sind Rihannas 460 verkaufte CDs geradezu absurd. Aber halt, wir fangen erst richtig an.

Auftritt Samsung und Tidal

Genau da kommt Samsung ins Spiel. Der südkoreanische Konzern kaufte von Rihannas Label über eine Million digitaler Alben. Also jene Zahl, welche für eine Platin-Auszeichnung benötigt wird.

Diese Alben wurden von Mittwoch auf Donnerstag gratis via Tidal (dem Musik-Streaming-Dienst des US Rapstars Jay Z) zum Download angeboten. Tidal selbst durfte «Anti» erst ab Donnerstag zum normalen Download-Verkauf anbieten, worauf wiederum über 484'833 Alben heruntergeladen wurden.

Tidal ist die einzige Streaming-Plattform, welche «Anti» in der ersten Woche anbieten darf. Bis letzten Dienstag (02.02.2016) verzeichnete die Plattform 5.6 Millionen komplette Album-Streams. So, und jetzt wird's richtig gut!

Rihannas schlechtester Chart-Einstieg aller Zeiten

Diese Album-Streams via Tidal können aber nicht auf die USA alleine gezählt werden, da Tidal in 44 Lädern verfügbar ist. Darum sind nicht alle Streams in den USA erfolgt. Der RIAA reichen diese Zahlen aber aus, um den Platinstatus für die USA zu vergeben.

In den USA werden neue Alben immer freitags veröffentlicht. Das heisst: Tidal konnte gerade mal die Verkäufe und Streams eines einzigen Tages zur relevanten Chart-Woche rechnen. Und in dieser Woche liegt Rihanna in den USA nun auf Platz 27. Was bei 5.6 Millionen kompletter Album-Streams, über einer Million Direktdownloads via Samsung und den über 400'000 digitalen Albumkäufen von Tidal nicht aufgeht. Rihanna müsste viel weiter vorne platziert sein!

Aber: Im Gegensatz zu der RIAA zählen die Billboard-Charts Verkäufe aus Sponsoring- oder Werbeaktionen nicht zu den offiziellen Verkäufen, auch wenn Samsung die Alben von Rihannas Plattenfirma abgekauft hat. Daher reicht es für Rihanna «nur» auf den 27. Platz der amerikanischen Billboard Charts.

Das Resultat der ganzen Rechnerei?

Alles klar? Qualmt der Kopf? Keine Sorge, meiner tat das auch. Zu viele Player hatten beim Release von «Anti» ihre Finger im Spiel. Für mich zeigt es vor allem eines auf: Wie schwierig es im Streaming-Zeitalter ist, den Erfolg von Musikern und Musikerinnen exakt zu messen.

Und dass in diesem kuriosen Zahlensalat wohl niemand so richtig den Überblick behalten kann. Ich glaube, Rihanna wird das herzlich egal sein. Mit zig Millionen Album-Streams ist «Anti» bereits jetzt, einen Tag vor der weltweiten Veröffentlichung, ein voller Erfolg. Und ich wage sogar eine Prognose: Nach dem wirren Veröffentlichungs-Chaos wird Anti in der nächsten, «normalen» Release-Woche in den USA auf Platz 1 der Charts stehen.

Rihanna am Ende? Pustekuchen!

Infografik: Warum «ANTI» doch erfolgreich ist.

Autor: Dominique Marcel Iten

Autor: Dominique Marcel Iten

Dominique Marcel Iten ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

Twitter: @dominique_iten