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DOK Ein Solarflugzeug als Botschaft an die Welt

Kurz nach Sonnenaufgang: Bertrand Piccard steht mit Tränen in den Augen auf dem Flugfeld in Abu Dhabi. Soeben ist Solar Impulse 2 zur langersehnten Weltumrundung abgehoben – doch sein Pionierprojekt wird bald einen schweren Rückschlag erleben. Der «DOK» über das Drama in luftiger Höhe.

Legende: Video Bertrand Piccard: Von Träumen, Rückschlägen und grossen Abenteuern abspielen. Laufzeit 49:00 Minuten.
Aus DOK vom 25.02.2016.

Piccards Solarflugzeug Solar Impulse, oder kurz Si1, hat bereits reihenweise Rekorde gebrochen. Es flog höher, länger und weiter als jedes mit Sonnenenergie betriebene Flugzeug. Doch Si1 war nur die Vorstufe für das ganz grosse Ziel, die Weltumrundung. Dazu bauten Bertrand Piccard und sein Team Solar Impulse 2.

Legende: Video Pioniere der Luftfahrt abspielen. Laufzeit 1:18 Minuten.
Aus DOK vom 25.02.2016.

Piccard auf Mission

März 2015, Abu Dhabi. Si2 steht im mobilen Hangar, rund herum arbeiten Ingenieure, Techniker, Meteorologen, Social-Media-Redaktoren, Köche – und ich mittendrin. Das Team hat sich ganz offensichtlich eine temporäre Einsatzbasis geschaffen. Und ich spüre eindeutig: Hier herrscht ein besonderer Spirit. Es muss der Pioniergeist sein.

Bertrand Piccard nutzt die letzten Tage vor dem geplanten Start unter anderem für Interviews. Solar Impulse ist auf «Goodwill» und Geld angewiesen. Denn Bertrand Piccard ist auf einer Mission. Immer wieder erklärt er, Solar Impulse sei nicht einfach ein Flugzeug, sondern eine Botschaft. Er will Regierungen weltweit dazu bringen, sauberer Energien zu fördern und einzusetzen.

Alles kommt anders

Wenn Bertrand Piccard über die Zukunft und die Chancen unserer Gesellschaft spricht, dann kann man fast nicht anders, als sich mitreissenzulassen. Der studierte Psychologe ist bekannt für seinen eindringlichen Blick und seine Fähigkeit, Menschen für eine Sache zu begeistern. Aber er weiss auch, dass die Begeisterung schnell schwindet, wenn Wolken am Horizont auftauchen.

Legende: Video Bertrand Piccard: «Stress bis zum letzten Moment.» abspielen. Laufzeit 1:26 Minuten.
Aus DOK vom 25.02.2016.

Am 9. März 2015 jedoch scheint die Sonne. Nach mehrmaligem Verschieben hebt Pilot André Borschberg mit Solar Impulse 2 im Morgengrauen nach Osten ab. Bejubelt von dutzenden Gästen aus Politik und Wirtschaft, Familienangehörigen und Journalisten aus aller Welt. Die Erleichterung und Begeisterung des Teams schwappt auf alle über. Bertrand Piccard ist gelöst wie nie in den vergangen Tagen. Er umarmt und wird umarmt. Mit Tränen in den Augen zeigt Bertrand Piccard in Richtung Westen und sagt zu mir: «Wenn alles gut geht, dann landet das Flugzeug in fünf Monaten aus dieser Richtung wieder hier.»

Doch es kommt anders. Der Flug von China nach Hawaii verzögert sich immer wieder. Zu schwierig ist es, das Wetter für die weite Strecke über den Pazifik vorherzusagen. Si2 muss nämlich fünf Tage und Nächte in der Luft verbringen. Wenn sich mitten auf der Reise ein Unwetter entwickelt, das Flugzeug zu wenig Sonnenlicht erhält oder die Winde zu stark werden, ist das Abenteuer vorbei. Dieses Risiko scheint dem Team wochenlang zu gross.

Als das Flugzeug dann schliesslich doch abhebt muss es prompt in Japan zwischenlanden. In der Öffentlichkeit kommt zunehmend Skepsis an der Machbarkeit auf. Bertrand Piccard pflegt in diesem Zusammenhang zu sagen: «Wenn es einfach wäre, dann hätte es schon jemand anderes getan.»

Legende: Video Pilot André Borschberg über die schwierigste Etappe abspielen. Laufzeit 1:35 Minuten.
Aus DOK vom 25.02.2016.

Rekordflug, gefolgt von Scheitern

Der Flug nach Hawaii sorgt dann weltweit für Schlagzeilen. Erneut hat Solar Impulse einen Rekord gebrochen. Mehrere Tage und Nächte mit einem Solarflugzeug über den Pazifik zu fliegen. Noch nie ist dies jemandem zuvor gelungen. Es ist der bislang grösste Erfolg für die Pioniere.

Doch der Rekordflug über den Pazifik fordert seinen Tribut. Die Batterien des Flugzeugs wurden während der Reise irreparabel beschädigt. Unterdessen ist es zu spät für Solar Impulse, um die Reise bis Abu Dhabi rechtzeitig zu beenden. Das Team entscheidet sich, auf Hawaii zu überwintern. Medien berichten über ein Scheitern des Projekts, über Millionenbeträge, die dem Team fehlen würden. Doch es ist nicht Bertrand Piccards Art, den Kopf hängen zu lassen. Sein Enthusiasmus ist ungebremst.

Winterschlaf ist vorbei

In diesen Tagen erwacht Solar Impulse auf Hawaii aus seinem Winterschlaf. Die Techniker bereiten das Flugzeug für die ersten Testflüge vor. Und im April startet Bertrand Piccard mit Si2 in Richtung US-Festland. In den USA gibt es viel Überzeugungsarbeit zu leisten betreffend sauberer Energie.

Um die Aufmerksamkeit der Regierungen und Grossfirmen zu gewinnen ist Bertrand Piccard aber auf den Erfolg angewiesen. Die Weltumrundung muss klappen. Die Herausforderungen bleiben enorm. Aber wie würde Bertrand Piccard sagen? «Wenn es einfach wäre, dann hätte es schon jemand anderes getan.»

Zum Autor

Zum Autor

Michael Weinmann (*1981) arbeitet seit 2009 für das Schweizer Fernsehen. Er ist Moderator der Sendung «Schweiz aktuell» und aktiver Privatpilot. Im März 2015 berichtete er für SRF aus Abu Dhabi über den Start von Solar Impulse 2.

Ein Film von «RTS»

Eine längere Version des Films sehen Sie bei RTS: «Solar Impulse, l'exploit suisse de l'année».

20 Kommentare

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  • Kommentar von l werner, st.gallen
    keine ahnung warum ihr meinen kommentar von gestern nicht aufgeschaltet habt. egal es war mein letzter. srf.ch war mal meine anlaufstelle im internet. nun bin ich nur noch wegen der programm-voraussicht hier. das liegt daran, weil ihr eure inhalte mit proprietärer (flash)software verteilt, was mich gewaltig nervt, und weil die kommentarspalten immer schlimmer werden. so kann ich gut auf srf.ch verzichten.
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  • Kommentar von christine schlapbach, 3074 muri
    Obwohl ich grosse Achtung vor Pionieren habe, so erstaunte mich doch, dass sich die beiden Piloten gegen die Ratschläge der Ingenieure durchgesetzt haben. Als Ehefrau hätte ich mich dafür eingesetzt, dass deren Meinung ernst hätte genommen werden müssen. Dass es dennoch (bis Hawaii) gut ausgegangen ist, ist für alle erfreulich, aber gar nicht selbstverständlich.
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  • Kommentar von l werner, st.gallen
    @Büchle und co.; Es sind Leute, die mit selbstgebastelten Flügeln den Hang hinunter liefen und auf die Schnauze flogen, die den heutigen Flugbetrieb ermöglichten. Zu Hause auf dem Sofa sitzen, über Kosten jammern, obwohl es einem gut geht und alles schlecht reden kann jeder. So ist noch nie etwas angestossen oder erfunden worden. Ohne diesen Abenteuer-und Pioniergeist würden wir heute noch in Höhlen leben...
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    1. Antwort von Dieter Büchle, Liestal
      Sorry, werner und Co: Heute gibt's fortgeschrittene Naturwissenschaften, aufgrund deren man einigermassen exakt ausrechnen kann, wo man mit den selbstgebastelten Flügeln auf die Schnauze fliegt. Als Ingenieur kann ich dies jedenfalls. Und als solcher kann ich auch beurteilen, dass Solarantrieb (mit und ohne Akkus an Bord) für Aviatik (und Seeschiffahrt) schlicht und ergreifend total unbrauchbar ist. Bei einem derart depperten Projekt den Kostenaspekt ins Spiel zu bringen, ist naheliegend.
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