Die Mär von der Herkunft von Taurin

Aus Stierhoden soll ein Stoff in Energy Drinks gewonnen werden. Dies ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält. «Espresso Aha!» räumt damit auf.

Energy Drinks geben immer wieder Anlass zu Diskussionen: Insbesondere der hohe Zucker- und Koffein-Gehalt sind umstritten. Weit unproblematischer scheint ein weiterer Stoff zu sein, der ebenfalls in vielen Energy Drinks enthalten ist: Taurin, ein Stoff, der erstmals im 19. Jahrhundert entdeckt worden ist und von dem auch heute noch viele glauben, er werde aus Stierhoden gewonnen.

Den Stier im Namen

Dieser Mythos hält sich derart hartnäckig, dass der bekannteste Hersteller von Energy Drinks, Red Bull, dazu einen Eintrag auf seiner Internetseite hat: «Viele Menschen sind sich sicher, dass es von dem empfindlichsten Teil des stärksten und potentesten Bullen der Welt stammt. Das Taurin in Red Bull Energy Drink ist jedoch eine rein synthetische Substanz.»

Tatsächlich wird Taurin heute künstlich hergestellt. Als grösster Produzent bezeichnet sich die chinesische Firma Changshu Yudong Chemical.

Erstmals wurde Taurin aus Stiergalle gewonnen. Daher auch der Name des Stoffs, der an das lateinische Wort Taurus (Stier) erinnert. Mit den Fortpflanzungsorganen des Stiers hat Taurin aber herzlich wenig zu tun. Vielmehr ist es ein Stoff, der natürlicherweise auch im menschlichen Körper vorkommt. Und zwar in ausreichender Menge, denn unser Körper produziert Taurin selbst.

Funktion ist unklar

Und wie wirkt Taurin in unserem Körper? François Verrey, Physiologie-Professor an der Universität Zürich, sagt: «Der Stoff hat keine klare Funktion.» Man wisse zwar, dass Taurin für den Menschen wichtig sei – es gebe auch wissenschaftliche Studien, die auf eine positive Wirkung von Taurin auf Gehirn und Herz hinweisen würden. Eine leistungssteigernde Wirkung habe bisher aber nicht bewiesen werden können.

Was genau Taurin in unserem Körper mache, sei schwierig zu sagen. Eine Funktion sei beispielsweise, dass Taurin beim Abbau gewisser Stoffe im Körper helfe. Zum Beispiel von Gallsäuren.

Taurin – weil‘s so gut tönt

Wir haben es also mit einem Stoff zu tun, der unser Körper in ausreichender Menge selbst produziert und dessen Funktion selbst für die Wissenschaft nicht völlig klar ist. Dennoch ist Taurin fester Bestandteil vieler Energy-Getränke. Warum das so ist, kann Professor Verrey nur vermuten: «Ein Grund könnte sein, dass Taurin günstig und ungefährlich ist.»

Die Vermutung liegt nahe, dass Taurin vor allem zu Marketingzwecken eingesetzt wird: Ein Stoff, der seinen Namen vom Bullen hat, muss ja stark machen. Die Hersteller mögen dies zwar nicht so klar bestätigen.

Bei Migros und Coop beispielsweise heisst es aber auf Anfrage, die Beigabe von Taurin zu ihren Energy Drinks sei auf das Image von Taurin zurückzuführen – dieses besage, dass Taurin die körperliche Leistungsfähigkeit und die Konzentrationsfähigkeit positiv beeinflusse. Red Bull hat auf die Anfrage nicht reagiert.

«Espresso Aha!»

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