Bankberatung: Fehlender Schutz vor Abzockern

Spätestens seit dem Lehman-Debakel stehen Bankberater und Vermögensverwalter in der Kritik. «Kassensturz» zeigt: Selbst Postfinance und Grossbanken haben schlecht beraten und Kunden ins Verderben gestürzt. Jetzt sollen neue Regeln vor Finanzberatern schützen, die nur an sich selbst denken.

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Bankberatung: Fehlender Schutz vor Abzockern

10 min, aus Kassensturz vom 4.5.2010

Auf Drängen der Postfinance hat Mirella Caviglia fast die Hälfte ihres Ersparten, 100'000 Franken, in einen einzigen Anlagefonds investiert. Sie hatte ihr Geld immer auf einem Sparkonto gehabt, bis im Herbst 2007 eine Postfinance-Mitarbeiterin anrief und in Grossbank-Manier das Ersparte von Mirella Caviglia investieren wollte. Schon bei der ersten Besprechung hatte die Mitarbeiterin einen fixfertigen Vorschlag auf dem Tisch und das Kundenprofil von Mirella Caviglia ausgefüllt.

Nichts zu verlieren ...

Die Postfinance ermittelt die Risikobereitschaft der Kunden mit einem Formular. Mirella Caviglia war mit ihrem Profil nicht einverstanden, sie wollte nur in Anlagen mit möglichst tiefem Risiko investieren. Deshalb lehnte sie den vorgeschlagenen Fonds ab. Die Beraterin überredete sie nachträglich doch noch, in den Clariden Leu Total Return Fonds zu investieren. Mirella Caviglia: «Um den Fonds zu verkaufen, versprechen sie alles Mögliche.» Es gebe überhaupt kein Risiko, man könne mit dem Total Return Fonds nicht verlieren, sondern eventuell bloss nichts verdienen, wenn es schlecht laufe.

Der Total Return Fonds verlor in den Jahren 2008 und 2009 fast 30 Prozent. Das ist ein grösserer Verlust als bei vergleichbaren Produkten. Die Postfinance bestreitet die Schilderung von Mirella Caviglia. Die Tochterfirma der Post schreibt «Kassensturz», die Beratung sei in guter Qualität erfolgt und «zudem bestätigen die Kundinnen und Kunden mit ihrer Unterschrift auf dem Fondsauftragsschein, dass sie über die Risiken und den Anlagecharakter des Fonds aufgeklärt worden sind».

Kredit aufgenommen

Falsche Versprechungen und fehlende Hinweise auf Risiken, das sind die häufigsten Klagen von Kunden. Im Streitfall können Anleger eine falsche Beratung nur schwer belegen. In den meisten Fällen gibt es kein verbindliches Gesprächsprotokoll und die Unterlagen sind für Laien schwer zu verstehen. Der Verdacht: Berater drehen Kunden Produkte an, die vor allen für sie selber lukrativ sind.

Erwin und Marlies Steinmann, Kunden eines unabhängigen Vermögensverwalters, haben 50'000 Franken verloren. «Ich bin masslos enttäuscht. Ich hatte grosses Vertrauen in den Mann», sagt Erwin Steinmann. Mit ihrem Ersparten wollten Steinmanns kein Risiko eingehen. Das Geld haben sie auf die Seite gelegt für den Fall, dass sie krank oder pflegebedürftig werden. Anfangs 2004 übergaben sie ihr Vermögen einem Finanzberater. Als erstes hat er für Steinmanns einen Kredit in der Höhe von 400'000 Franken aufgenommen. Das Ehepaar war überrascht. «Wir wussten nicht, wieso das sein musste», sagt Erwin Steinmann. Doch der Vermögensverwalter habe argumentiert, das sei steuerlich attraktiv.

Alles auf eine Karte

Der Berater setzte alles auf eine Karte: das Ersparte von Steinmanns plus das Darlehen. Total 700'000 Franken investierte er in ein einziges komplexes Anlageprodukt, in eine 125 Prozent Capital Guaranteed Note. Das ist eine Hochrisikostrategie – dazu noch mit geliehenem Geld. Steinmanns waren sich der Risiken nie bewusst. Diese abenteuerliche Strategie hat sich für sie nicht gelohnt: Allein die Zinsen für den Kredit und die Bankgebühren kosteten sie in den letzten fünf Jahren über 100'000 Franken. Heute haben sie 50'000 Franken weniger auf dem Sparkonto als am Anfang.

Riskante Investments mit dem Geld von ahnungslosen Anlegern, das will die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) in Zukunft verhindern. «Der Kunde muss nicht nur über Gewinnchance, sondern auch klar und transparent über Verlustrisiken informiert werden», sagt Finma-Sprecher Alain Bichsel. Zudem fordert er eine Diversifikation der Risiken. «Man muss noch mehr schauen, dass man Kunden die passenden Produkte verkauft.»

Altersguthaben verzockt

Auch die UBS-Kunden Arcangelo und Anna Luongo haben Geld verloren – insgesamt 110'000 Franken. Arcangelo Luongo fährt Taxi in Bern. Vorher hat er 35 Jahre bei Vonroll gearbeitet, bis ihm gekündigt wurde. Sein Pensionskassenguthaben konnte er im Frühjahr 2007 beziehen. Zum ersten Mal in seinem Leben musste Arcangelo Luongo eine grosse Summe angelegen. Er ging zur UBS, weil ein Bekannter von ihm dort als Berater arbeitete. Arcangelo Lunogo: «Ich habe gesagt, ich will kein Risiko. Er sagte, ich lege das Geld so an, wie ich es für meine Eltern anlegen würde.»

Mit dem Kapital aus der Pensionskasse müssen die Luongos nach der Pensionierung leben. Sie vertrauten dem UBS-Berater. Der investierte die ganze Summe, 272'000 Franken, in den UBS Bond Fund Absolute Return. Kurze Zeit nach dem Kauf begann der Fonds an Wert zu verlieren, obwohl die UBS gesagt hatte, die Anlage sei absolut sicher.

Und es kam noch schlimmer: In der Finanzkrise verloren die Luongos 40 Prozent ihres Geldes. Von ursprünglich 272'000 Franken sind noch 159'000 Franken übrig geblieben. Unglaublich: Der Fonds hatte in hochriskante amerikanische Schrottpapiere investiert. Der massive Verlust macht Anna Luongo Sorgen: «Ich habe Angst, wenn wir in Pension gehen. Wir können nicht mit den 3000 Franken der AHV leben.» Um zu überleben, müssten sie im schlimmsten Fall die Wohnung verkaufen.

Obligatorisches Protokoll

Die UBS argumentiert, dass der Fonds breit investiert habe in Branchen und Märkten, um so eine Diversifikation zu erreichen. «Die Wertverluste waren nicht auf eine falsche Strategie des Fonds oder ein unzulängliches Management des Fonds zurückzuführen, sondern allein auf die nicht vorhersehbaren Verwerfungen an den Kreditmärkten.» Arcangelo Lungo versteht nicht, wie die UBS so ein Produkt als sichere Anlage verkaufen konnte. «Das ist, wie wenn man einem Freund das Portemonnaie stehlen würde. So etwas macht man nicht.»

Hochrisikopapiere, mangelnde Diversifikation – ohne dass die Kunden sich dessen bewusst sind. Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, will das ändern: Sie fordert jetzt ein obligatorisches Protokoll, das den Inhalt des Beratungsgesprächs zusammenfasst. Das ist in Deutschland seit anfangs Jahr Pflicht. Sara Stalder: «Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Leute, die falsch beraten wurden, das zwar erzählen, aber nicht beweisen können.» Das muss sich ändern: Kunden zahlen heute teuer für das Versagen ihrer Banken und Anlageberater.

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