Botox-Mäuse: Qualvoller Tod für weniger Falten

Nirgendwo auf der Welt spritzen Ärzte gegen Falten mehr Botox pro Kopf als in der Schweiz. Bevor das Präparat verkauft wird, testen es Hersteller an Mäusen – jährlich Tausende Nager müssen qualvoll sterben. Dabei gäbe es Alternativen.

Mäuse müssen für Botox sterben

Bildlegende: Mäuse müssen für Botox sterben Colourbox

Hautärztin Daniela Kleeman zieht eine Spritze mit Botox auf. Seit zehn Jahren glättet sie damit die Falten ihrer Kundinnen. Keine Behandlung in der Schönheitsmedizin wird so häufig gemacht wie Injektionen mit Botox. Vor allem Frauen lassen sich ihre Falten wegspritzen.

20 bis 30 Prozent mehr Anfragen

Die Behandlung dauert eine halbe Stunde. Kostenpunkt: 300 bis 1000 Franken. Besonders beliebt: Das Glätten von Krähenfüssen, Stirn- und Zornesfalten. Die Entspannung der Gesichtsmuskeln hält drei bis fünf Monate. Wer sich einmal spritzen lässt, kommt immer wieder. «Das Interesse an Botulinumtoxin nimmt deutlich zu. Der Zuwachs bei ästhetischen Anfragen, insbesondere im Faltenbereich, steigt jährlich um 20 bis 30 Prozent», sagt die Zürcher Dermatologin Daniela Kleeman.

Mitten in Zürich können sich Kurzentschlossene ohne Voranmeldung verjüngen lassen. Eine Botox-Praxis zum Reinspazieren, Schönheit auf die Schnelle – das Konzept kommt an. «Wir haben sehr viele Walk-In-Kunden und sind selbst überrascht, dass viele sich überwinden und einfach reinkommen, um sich behandeln zu lassen», sagt Dan Iselin, ärztlicher Leiter bei Smoothline.

Wenn Tiere sterben, stimmt Dosis

Das Problem: Für die Herstellung von Botox müssen Tausende Mäuse in Tierversuchen qualvoll sterben. Den Nagern wird das Gift in den Bauch gespritzt. In vier Tagen muss die Hälfte der Tiere tot sein, dann stimmt die Dosis. Diese alte Prüfmethode heisst LD50. Damit testen Hersteller jede Produktionseinheit. Das ist Vorschrift.

In der Schweiz dürfte Botox zur Faltenbehandlung nicht hergestellt werden. Das sagt der Baselbieter Kantonstierarzt Ignaz Bloch, Mitglied der eidgenössischen Tierversuchskommission: «Ein solcher Tierversuch würde bei uns nie bewilligt werden, weder von mir noch von der kantonalen Tierversuchskommission.»

Schmerz und Tod ungerechtfertigt

Der Grund dafür sei laut Bloch ganz einfach: «Ein LD-50-Test ist für die Tiere mit erheblichen Leiden und Schmerzen verbunden und führt letztlich zum Tod.» Wenn man daran denke, dass die Präparate auch zu kosmetischen Zwecken eingesetzt werden, seien Leiden und Sterben der Tiere nicht gerechtfertigt, so der Baselbieter Kantonstierarzt.

Führend auf dem schnell wachsenden Botox-Markt ist die amerikanische Firma Allergan. Knapp eine Milliarde Dollar setzt die Firma mit Botox um. Seit fünf Jahren hat sich der Umsatz mehr als verdreifacht. Allergan betont: Der Nutzen von Botox in der Medizin sei gross.

Fast Hälfte des Umsatzes mit Kosmetik

Doch ein Blick in die Geschäftsberichte der letzten vier Jahre zeigt: Der Umsatz von Botox macht im kosmetischen Bereich fast die Hälfte aus. 2003 produzierte Allergan 40 Prozent für die Schönheitsindustrie, 42 Prozent im Jahr 2004, 43 Prozent 2005 und letztes Jahr bereits 48 Prozent. Wie viele Mäuse Jahr für Jahr sterben müssen, verschweigt der Hersteller.

Allergan schreibt, sie hätten 40 Millionen Dollar in die Erforschung alternativer Testmethoden investiert: «Wir unternehmen seit Jahren grosse Anstrengungen, um die Tierversuche zu minimieren und trotzdem den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden.»

Alternative Methode erspart Leiden

Im toxikologischen Institut an der Universität Hannover arbeiten Wissenschafter an einer alternativen Testmethode. Die Forscher betäuben die Maus, bevor sie getötet wird. Am Zwerchfell testen sie in wenigen Stunden die Konzentration des Nervengiftes. Dieses Prüfverfahren soll in einem Jahr den Herstellern zur Verfügung stehen.

«Der entscheidende Vorteil ist wohl, dass die Tiere in unserem Testverfahren nicht leiden, die Tiere werden narkotisiert, entblutet und dann wird das Organ entnommen. Das Experiment wird am Organ durchgeführt. Im Tierversuch werden die Tiere vergiftet und ersticken im schlimmsten Falle. Und ein Erstickungstod ist nicht sehr schön», betont Toxikologie-Professor Hans Bigalke.

Anzahl getöteter Mäuse ist geheim

Ein weiterer Vorteil der alternativen Methode: Nur zehn Prozent der Versuchstiere müssten sterben. Die Anzahl Mäuse, die heute an Botox Jahr für Jahr verenden, kann Hans Bigalke nur schätzen: «Die Firmen rücken mit den Zahlen nicht raus, das ist Firmengeheimnis. Grob geschätzt könnten es weltweit 100 000, aber auch 200 000 oder
 300 000 sein.

Hunderttausende Mäuse müssen an Botox sterben – das ist die hässliche Seite der Schönheitsindustrie.