Experten fordern Antibiotika-Verbot in Tierhaltung

In Schweizer Spitälern kommt es immer häufiger zu Komplikationen, weil Keime gegen Antibiotika resistent sind. Die eidgenössische Kommission für Biosicherheit fordert deshalb den langfristigen Verzicht in der Tierhaltung. Für den Schweizer Bauernverband ist diese Forderung «unrealistisch».

Immer wieder kommt es in Schweizer Spitälern zu Fällen, wo ernsthaft erkrankte Patienten nicht mit Antibiotika behandelt werden können, weil die Keime dagegen resistent sind.

Medizinisch zurück ins Mittelalter

Auch die eidgenössische Fachkommission für Biologische Sicherheit warnt vor drastischen Folgen. Die resistenten Keime seien «die grösste biologische Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz». Wenn man mit dem Antibiotika-Einsatz so weitermache, falle die Gesellschaft medizinisch gesehen ins Zeitalter vor den Antibiotika zurück, erklärt Isabel Hunger, Geschäftsführerin der eidgenössischen Fachkommission für Biosicherheit: «Dann wird selbst eine einfache Infektion zum Todesurteil.» Im «Kassensturz» bekräftigte Kommissionsmitglied Reinhard Zbinden die Bedeutung des Problems (siehe Video).

«Langfristig Landwirtschaft ohne Antibiotika»

Die Expertenkommission fordert deshalb sofortige Massnahmen in verschiedenen Bereichen. Unter anderem auch in der Tierhaltung. In Zukunft solle der Keimkiller bei Tieren nur noch im äussersten Notfall eingesetzt werden: «Wenn möglich sollte es eine Landwirtschaft ohne Antibiotika geben.» Neueste Zahlen zeigen, wie dramatisch mittlerweile die Situation ist. Drei von vier Pouletprodukte sind beispielsweise mit multiresistenten Keimen belastet, wie «Kassensturz» berichtete.

Vielen sei nicht bewusst, dass die Schweiz und Europa in diesem Thema anderen Ländern stark hinterherhinke. In den nordischen Ländern habe man den Einsatz von Antibiotika schon lange drastisch reduziert, «und man sieht jetzt, dass es dort viel weniger Resistenzen gibt», sagt Biosicherheitsexpertin Isabel Hunger.

Für Bauernverband «utopisch»

Der Bauernverband schüttelt auf Anfrage von «Espresso», dem Konsumentenmagazin auf Radio SRF 1, den Kopf. Den langfristigen Verzicht auf Antibiotika-Einsatz bei Tieren hält der Bauernverband für unrealistisch und utopisch. Die Argumentation: Tiere mit Infektionen könne und wolle man nicht leiden lassen oder gar töten.

Man hofft deshalb auf alternative Medikamente, die Antibiotika irgendwann ersetzen könnten. «Mit den heutigen limitierten Möglichkeiten können wir aber nicht gänzlich auf Antibiotika verzichten», sagt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands.

Diverse Vorschläge für Massnahmen

Derweil studieren Experten bereits an möglichen Lösungen – langfristigen und kurzfristigen. Hans-Ulrich Huber vom Schweizer Tierschutz fordert, man müsse den präventiven Einsatz von Antibiotika bei Tieren, die gar nicht krank sind, unterbinden. Die Experten des Bundes schlagen vor, robustere Rassen zu züchten sowie sinnvollere und gesündere Formen der Tierhaltung zu finden.

Was können Konsumenten tun?

Sich im Alltag konkret vor resistenten Keimen zu schützen, sei für Konsumentinnen und Konsumenten hingegen relativ einfach, sagt Mikrobiologin Isabel Hunger.

  • Rohes Geflügel immer auf demselben Schneidebrett schneiden und dieses ausschliesslich dafür benutzen.
  • Für rohes Geflügel kein Holz-, sondern ein Kunststoff-Schneidebrett benutzen.
  • Gründlich Hände waschen.
  • Messer und Schneidbrett in die Spülmaschine oder gründlich mit heissem Wasser abwaschen.
  • Durch das Erhitzen werden Keime im Fleisch abgetötet.
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Studiogespräch mit Markus Ritter und Reinhard Zbinden

7:39 min, aus Kassensturz vom 2.12.2014

«Kassensturz»

«Kassensturz»

Drei von vier Schweizer Poulet-Erzeugnissen sind mit Antibiotika-resistenten Keimen kontaminiert. Das zeigen neue Zahlen des Bundes. Die Kritik an der industriellen Hühnermast wird immer lauter. «Kassensturz» zeigt, was das für die Gesundheit der Konsumenten heisst und wer am Problem Schuld ist. Weiter