Medikamente: Wie Apotheker sich kaufen lassen

Für viele Krankheiten gibt es völlig identische Medikamente, die Apotheker unter verschiedenen Namen verkaufen. Der einzige Unterschied: der Preis. «Kassensturz» hat verdeckt in Apotheken eingekauft. Resultat: Apotheker drehen ihren Kunden fast ausschliesslich die teuersten Produkte an.

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Wie Apotheker sich kaufen lassen

16 min, aus Kassensturz vom 10.11.2009

«Kassensturz» kauft verdeckt Medikamente ein. Die «Kassensturz»-Reporter legen in 15 Apotheken in Bern, Basel und Zürich jeweils ein Arztrezept für den Wirkstoff Omeprazol vor, ein Mittel gegen zu viel Magensäure. Vom Original-Medikament gibt es heute ein Dutzend Generika mit der exakt gleichen Dosierung und dem exakt gleichen Wirkstoff; das günstigste von Adico-Pharma kostet 81 Franken, das teuerste von Sandoz 108.80 Franken, 34 Prozent teurer. Welches verkauft nun der Apotheker?

Ernüchternde Resultate

Die Resultate des «Kassensturz»-Testeinkaufs sind ernüchternd: Die Apotheker verkaufen fast immer das teuerste Sandoz-Produkt, bei Dr. Bähler in Bern, in der Bellevue-Apotheke in Zürich und in der Amavita-Apotheke im Bahnhof Bern. Die Sunstore-Apotheke an der Zürcher Löwenstrasse verkauft uns das zweitteuerste Produkt, das von Mepha für 105 Franken.

Warum verkaufen Apotheker teure anstelle günstiger Medikamente? Ein Grund: Sie profitieren von Rabatten und Vergünstigungen der Pharma-Industrie. «Kassensturz» weiss von mehreren geheimen Vereinbarungen zwischen Pharma-Unternehmen und Apotheken. Ein Pharma-Insider, der anonym bleiben will, weiss: Die Novartis-Tochter Sandoz und der Pharma-Grosshändler Galenica haben Rabattverträge ausgehandelt. Aber nicht nur sie: «Ich kenne solche Verträge. Das ist in der Branche allgemein bekannt. Besonders Apotheken-Ketten haben solche Abmachungen mit Generika-Herstellern und sichern sich so beste Bedingungen», sagt der Insider. Das sei eine Sauerei und widerspreche dem Sinn des Krankenversicherungs-Gesetzes.

Belohnungen, Geschenke

«Kassensturz» wurden Rabatt-Offerten zugespielt. Sie belegen: Apotheker und auch Ärzte bekommen auf viele Medikamente massive Preisabschläge. Astra Zeneca zum Beispiel gibt bei einer Bestellung ab 250 Franken 25 Prozent Rabatt. Sandoz bietet gleich listenweise Medikamente an, 10 Prozent unter dem Fabrikpreis. Das teure Omeprazol von Sandoz kostet in der Apotheke 108.80 Franken. Apotheker bezahlen im Einkauf dank eines Rabatts nur 70.65 Franken.

Viele Kunden wissen nicht: Apotheker lassen sich von der Pharma-Industrie nicht nur mit Rabatten kaufen. Sie kassieren zudem oft Rückvergütungen, so genannte Kickbacks: Am Jahresende belohnt die Pharmaindustrie den Apotheker mit Geschenken oder Geldzahlungen, wenn er viel verkauft hat.

Testkauf in der Bahnhof-Apotheke in Zürich: Auch sie verkauft «Kassensturz» das teuerste Präparat. Frage an die stellvertretende Geschäftsführerin, warum sie beim Omeprazol vor allem teure Präparate von Sandoz und Mepha an Lager hat und nicht günstige? Maria Neuhäusler: «Wir haben uns für die beiden Firmen entschieden, weil die ein Vollsortiment an Generika haben, das heisst, dass sie auch bei Medikamenten, die eigentlich wirtschaftlich uninteressant sind, ein Generikum zur Verfügung stellen.» Übers Gesamte würde das grössere Einsparungen bringen als eine Zusammenarbeit mit Firmen, die nur einzelne Generika anbieten.

Prämienzahler geprellt

Fazit der «Kassensturz»-Stichprobe: Von 15 Apotheken haben 13 das teuerste oder zweitteuerste verkauft. Keine hat uns darauf hingewiesen, dass es daneben noch bedeutend günstigere Präparate gäbe. Was kaum jemand weiss: das günstige Generikum 1A und das 24 Franken teurere Sandoz-Präparat stammen aus der gleichen Fabrik und sind absolut identisch.

Auf gleiche Art trickst Mepha: Das günstigste Generikum von Adico-Pharma ist absolut identisch mit dem zweitteuersten von Mepha. Das beweist, dass es günstiger geht. Die Prämienzahler werden um Millionen geprellt. Denn: Rabatte, die Pharmafirmen den Apothekern auf Medikamente gewähren, gehören dem, der am Schluss für das Medikament bezahlt: dem Prämienzahler oder der Krankenkasse. Das sagt das Kranken-Versicherungsgesetz KVG deutlich.

Apotheker müssen die Rabatte weiter geben in Form von tieferen Medikamenten-Preisen oder an die Stiftung Gemeinsame Einrichtung KVG weiterleiten, die das Geld an die Krankenkassen verteilt. Damit könnten die Krankenkassen-Prämien verbilligt werden. Wie viel Geld hat diese Einrichtung im Jahr 2009 bekommen? Geschäftsführer Rolf Sutter: «Von einem einzigen Leistungserbringer, das waren 528 Franken für Stützstrümpfe.» Und für Medikamente? «Ist bis jetzt nichts gekommen.» Auch für Sutter ist das erstaunlich: «Weil die Weisungen klar sind an die Leistungserbringer und weil das Gesetz klar ist», sagt er.

Mehrere Verfahren hängig

Die Krankenkassen rechnen mit einem enormen Sparpotenzial: Würden Apotheker und Ärzte konsequent das günstigste Generikum verkaufen, könnten die Prämienzahler jedes Jahr 160 Millionen Franken sparen. Andreas Balsiger von der Heilmittelbehörde Swissmedic kämpft seit Jahren vor Gericht gegen Pharma-Händler und Apotheken-Ketten. Er verlangt die Weitergabe der Rabatte: «Wir sind in einigen Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht, das diese Frage noch klären muss.» Um welche Beträge es geht, weiss Swissmedic nicht. Balsiger: «Es geht aber um erhebliche Rabatte, zwischen 33 und 40 Prozent.»

Rabatte bei Medikamenten: Sie setzen bei Pharma-Grosshändlern und Apothekern falsche Anreize. Die Konsumenten kommen sie teuer zu stehen.