Fairtrade-Produkte nicht mehr komplett fair

Nach den vielen Etikettenschwindeln mit Lebensmitteln ist man froh um vertrauenswürdige Labels wie Max Havelaar. Nun soll es auch Fairtrade-Produkte geben, bei denen nicht alle Zutaten aus fairem Handel stammen. «Espresso» hat mit dem Fairtrade-Label Max Havelaar über die Konsequenzen gesprochen.

Max Havelaar Logo

Bildlegende: Max Havelaar sieht grosse Chancen in den neuen Halb-Labels Keystone

«Espresso»-Redaktor Oliver Fueter sprach mit Nadja Lang, Geschäftsführerin von Max Havelaar.

Wenn Fairtrade nicht mehr 100 Prozent Fairtrade bedeutet: Schadet das der Glaubwürdigkeit von Max Havelaar?

Nadja Lang: Es gibt eine wichtige Unterscheidung. Die Produkte mit dem bekannten Fairtrade-Logo werden weiterhin zu den genau gleichen Regeln auf den Markt kommen. Die jetzigen Regeln werden nicht aufgeweicht. Es geht nur darum, zusätzliche Absatzchancen zu schaffen für Bauern, die für komplizierte Produkte liefern. Das Ziel ist, höhere Mengen zu generieren.

Sehe ich in Zukunft im Laden, ob ein Produkt 100 Prozent Fairtrade ist oder ob beispielsweise nur gerade 20 Prozent Fairtrade-Nüsse drin sind?

Nadja Lang: Das werden Sie in Zukunft sehen. Es ist übrigens heute schon so, dass bei zusammengesetzten Produkten wie beispielsweise Guezli angegeben ist, wie hoch der Fairtrade-Anteil ist. Und in Zukunft ist es ganz wichtig, dass das für Konsumentinnen und Konsumenten klar ersichtlich ist. Es ist uns auch ein grosses Anliegen, dass wir die Unterstützung der Konsumentinnen und Konsumenten auch in Zukunft haben.

Besteht mit dieser neuen Regelung nicht das Risiko, dass viele Leute denken: Max Havelaar ist auch nicht mehr, was es einmal war?

Nadja Lang: Das glaube ich nicht. Es ist wichtig, dass man hohe Transparenz schafft und die Produkte unterschiedlich kennzeichnet. Und ich bin überzeugt, dass die Konsumentinnen und Konsumenten, die Fairtrade unterstützen, die gleiche Idee haben wie wir: Nämlich, dass es viel wichtiger ist, dass viel mehr hilfsbedürftige Bauernfamilien von fairen Bedingungen profitieren können. Das geschieht, indem man innovative Lösungen auf den Markt bringt.

Welche Probleme haben denn diese Bauernfamilien?

Nadja Lang: Das Problem ist, dass sie grosse Mengen produzieren, die sie nachher nicht zu Fairtrade-Konditionen verkaufen können. Ein Beispiel dafür sind die Kakao-Bauern in Westafrika. Dort herrschen sehr schwierige Bedingungen. Sie können nur rund 10 Prozent ihrer Produktion in den Fairtrade-Markt einbringen. Genau deshalb braucht es neue Modelle, die bei zusammengesetzten Produkten wie zum Beispiel Schokolade die Chancen erhöhen.

Also kann ein Bauer im Moment lediglich zu Fairtrade-Preisen verkaufen, wenn sein Produkt nur in Ware fliesst, die 100 Prozent Fairtrade ist?

Nadja Lang: Genau. Und dadurch wird natürlich ein extremes Limit gesetzt.

Das kann aber auch zum Feigenblatt für ein Unternehmen werden. Wenn ein Schoggistängeli-Produzent nun 5 Prozent Fairtrade-Nüsse verwendet, kann er so ein Max-Havelaar-Halb-Label auf das Stängeli kleben. Mit diesem Label kann er es teurer verkaufen und muss sich nicht weiter um Fairtrade kümmern.

Nadja Lang: Das Produkt ist ja transparent gekennzeichnet. Hinzu kommt: Der Produzent hat zwei Möglichkeiten: Entweder bringt er zwei seiner vielleicht 100 Produkte auf den Markt, die komplett aus Fairtrade-Rohstoffen bestehen. Oder er stellt bei all seinen Produkten auf Fairtrade-Kakao um. Hinter letzterem steckt dann eine riesige Menge und viel mehr Bauern können davon profitieren. Wenn man an die Kleinbauern-Familien dieser Länder denkt, dann ist klar, welcher Weg gegangen werden sollte.