Hinterlistige Hilferufe per Mail

Beim Email-Account-Hacking gehen die Betrüger immer raffinierter vor und lassen sogar Skeptiker in die Falle tappen. Das musste auch Bernadette S. erfahren: Sie dachte, eine gute Bekannte sei in Not und war auf einen Schlag 7‘500 Franken los.

Maskierter Mann mit Laptop

Bildlegende: Um an Geld zu kommen ist den Hackern jedes Mittel recht. Colourbox

«Ich schreibe dir mit Tränen in den Augen. Ich wurde in Manila überfallen. Kreditkarte, Portemonnaie, Handy, meine ganzen Wertsachen sind weg. Alles, was ich noch habe, ist mein Pass.»

Dieses verzweifelte Mail erreichte Bernadette S. am 13. April 2012. Der Absender: Judy Turner. Eine gute Bekannte aus England, mit der sie regelmässig E-Mails austauscht. Weiter schrieb sie, dass sie dringend Geld brauche und bat Bernadette S. um Hilfe.

Kontrollfrage souverän beantwortet

Diese zweifelte. Warum ausgerechnet sie? Warum fragt Judy nicht ihre Verwandten? Sie versuchte, ihre Freundin in England zu erreichen. Dort kam nur der Telefonbeantworter. Eigentlich klar, da die Dame ja in Manila weilte. Bernadette S. war aber immer noch skeptisch. Daher fragte sie Judy Turner per Mail nach den Namen ihrer Kinder. Die Antwort kam umgehend: «Mein ältester Sohn heisst Jeff und er wurde beim Überfall schwer verletzt. Er liegt im Krankenhaus. Bitte hilf mir!» Der Name stimmte. Und es folgten weitere Mails von Judy, in denen sie immer wieder darlegte, wie gross ihre Not sei.

Nach einer schlaflosen Nacht mit vielen Zweifeln entschloss Bernadette S. zu helfen. «Die Vorstellung, dass Judy in Manila leidet, hat mich fertig gemacht. Wenn jemand in einer Notlage ist, muss man doch helfen!» Und schliesslich habe sie ja den Namen ihres Sohnes genannt. Ihre vermeintliche Bekannte in Not gab ihr sogleich Instruktionen: Das Geld müsse über Western Union überwiesen werden, zuhanden Judy Turner in Manila. Der Betrag: 7‘500 Franken.

Die richtige Judy meldet sich

Zwei Stunden nachdem Bernadette S. die Überweisung veranlasst hatte, klingelte das Telefon. Am Apparat: Judy Turner. Sie hatte Bernadette S.‘ Nachricht auf dem Beantworter gehört. Bernadette S. erinnert sich: «Judy meinte: Überweise auf keinen Fall Geld! Ich bin zu Hause in England und mir geht es gut.» Leider zu spät. Die 7‘500 Franken wurden in Manila bereits von einer falschen Judy Turner abgeholt – offensichtlich mit einem gefälschten Pass.

Bernadette S. ist einem sogenannten Email-Account-Hacker zum Opfer gefallen. Und sie ist kein Einzelfall. In letzter Zeit häufen sich die Meldungen von solchen Betrugsversuchen. Die Gauner verschaffen sich Zugriff auf Email-Konten und die dazugehörigen Kontaktdaten.

Dies gelingt ihnen meistens mittels Phishing oder durch den Diebstahl von Handys. Eine weitere Möglichkeit: Sie übernehmen das Email-Konto in einem Internetcafé, wenn der Vorgänger vergessen hat, sich auszuloggen.

Die Masche ist immer dieselbe

Dann wird ein verzweifeltes Mail mit einem Hilferuf an die Kontakte versendet. Der Inhalt ist immer sehr ähnlich: Ein Bekannter ist im Ausland, befindet sich in einer Notlage und braucht dringend Geld. Oft wird sogar die Nummer eines Hotels angegeben, wo der Hilfsbedürftige angeblich zu erreichen sei. Wer dort anruft, klingelt aber immer ins Leere.

Die Masche ist nicht neu. Doch die Betrüger werden immer raffinierter, wie Chantal Billaud von der Schweizerischen Kriminalprävention weiss: «Diese Betrugsform gibt es schon länger, doch sie hat sich verfeinert, sowohl sprachlich, als auch was die verfügbaren Informationen betrifft.»

Betrüger leisten Detektivarbeit

Tatsächlich betreiben die Internet-Gauner neuerdings aufwändige Recherchen: Sie lesen den gesamten Mail-Verkehr des Kontos, suchen im Internet und auf Facebook nach Informationen über den Email-Konto-Inhaber und sind so gewappnet für allfällige Kontrollfragen von skeptischen Adressaten. Genau wie im Beispiel von Bernadette S.: Der Betrüger kannte den Namen von Judy Turners Sohn.

Billaud rät deshalb, niemals Geld zu schicken, ohne vorher mit der Person am Telefon gesprochen zu haben. Falls man es doch getan hat, hilft nur noch eins: «Wir empfehlen, solche Fälle der Polizei zu melden und dann im Gespräch zu prüfen, ob eine Anzeige sinnvoll ist.» Genau das hat Bernadette S. getan. Doch die Chancen sind gering, denn Überweisungen via Geldransfer-Unternehmen wie Western Union hinterlassen kaum Spuren. Das Geld ist meist für immer verloren.

Ein kleiner Trost

Bernadette S. kann noch immer nicht glauben, dass ausgerechnet ihr so etwas passiert ist: «Ich ärgere mich so! Eigentlich bin ich doch ein sehr vorsichtiger Mensch.» Und natürlich schmerzt auch der Verlust von 7‘500 Franken: «Ich biete Fussbehandlungen an für rund 100 Franken. Wenn ich überlege, wie lange ich für diesen Betrag Füsse massieren muss …»

Ihre Bekannte Judy leidet ebenfalls mit und versprach, ihr einen Teil des Geldes zu schenken, falls es nicht mehr auftaucht. Immerhin: Auf die echte Judy Turner ist Verlass.