Kuren, Allianzen schmieden und Ehen vermitteln

Ferien gab es vor 100 Jahren nur für Adlige und Reiche. Mit Zug und Dampfschiff reisten sie in die Schweizer Alpen und verbrachten den Sommer mit Flanieren, Kuren und Geniessen. Das Grandhotel Giessbach am Brienzersee war ein Treffpunkt für die grosse Welt.

Ferien waren anno 1914 ein Privileg für einige wenige: für Adlige und reiche Industrielle. Weil es die Bahnlinie Brienz-Interlaken damals noch nicht gab, mussten alle Reisenden zwischen den Tourismuszentren Interlaken und Luzern aufs Dampfschiff steigen. Mit Zylinder und goldener Taschenuhr, ihre Ehefrauen mit weiten Röcken und grossen Hüten, so standen sie an der Reling oder sassen im edlen Salon aus Holz, und liessen sich an den Ferienort bringen.

Die Wildheit der Natur geniessen – aber aus sicherer Distanz

Um ins Grandhotel Giessbach zu gelangen, mussten die edlen Damen und Herren an der Station «Giessbach See» aufs «Funiculaire» umsteigen. Heute ist das die älteste Standseilbahn Europas. Denn zu Fuss wäre 1914 sicher niemand gegangen, erzählt Historiker Albert Tanner schmunzelnd: «Man wollte ja nicht zuviel schwitzen! Da musste alles standesgemäss sein.»

Oben erwartet die Besucher eine grandiose Kulisse. Vorne glitzert der Brienzersee, hinten rauschen die berühmten Giessbachfälle. Für Historiker Albert Tanner sind die Wasserfälle ein wichtiger Grund für die grosse Anziehungskraft des Ortes. «Die Wildheit der Alpen aus sicherer Distanz bewundern, das hat man im Fin de Siècle geliebt. Der durchschnittliche Gast wollte zwar die Natur betrachten – aber nur aus dem Liegestuhl.» Kein Wunder verbrachten Könige und Adlige mit ihrem Gefolge, Staatsmänner, Diplomaten und gefeierte Künstler hier den Sommer, tankten neue Kräfte und tauschten Klatsch und Staatsgeheimnisse aus.

Ferien als Ehevermittlung

Wer heute ins Grandhotel Giessbach reist, trifft mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Archivar René Ingold. Mit seinen 83 Jahren gehört er hier schon fast zum Inventar. Stolz führt er die Gäste in die «Beletage». Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Es warten opulente Leuchter und Stuckaturdecken, auf den Tischen liegt Silberbesteck, stehen Kristallgläser – alles wie vor hundert Jahren. Historiker Albert Tanner: «Essen, Spaziergänge machen, Konversation treiben, gesellige Anlässe: Das waren damals die Ferienaktivitäten. Und ganz sicher nicht der Aktivismus, wie wir ihn heute teilweise pflegen.»

Im gediegenen Salon schmiedete man vor dem Cheminée Allianzen und plauderte mit Gleichgesinnten. Ferien waren vor allem auch eine gute Gelegenheit, eine Heirat anzubahnen. «Die Ferien waren ein Heiratsmarkt. Man schaute, welche gute Partie sich für die Tochter anbieten könnte. Für die Partnerfindung waren Aufenthalte in Hotels deshalb eine sehr wichtige Angelegenheit», so Albert Tanner.

Bergführer und Gepäckträger kamen mit

Angereist ist man damals samt Gepäckträger und Bergführer. Diese mussten im weniger noblen Gästehaus weiter oben übernachten. «Daneben gab es hier am Giessbach auch noch ein Kurhotel», erinnert sich Hotelarchivar René Ingold. «Die Ärzte verschrieben ihren Patienten das Wandern. Entweder, um die Kraft der Natur in sich aufzunehmen, oder um ein paar überflüssige Kilos loszuwerden.» Aber auch Alpinisten reisten an. Bis aufs Faulhorn oder gar auf die grosse Scheidegg sei man von hier aus gewandert, erzählt René Ingold vom Grandhotel Giessbach. «Das war damals aber ein mehrtägiges Unterfangen. Da musste man oben übernachten und kam erst am nächsten Tag wieder zurück ins Hotel.»

Krieg beendet Boom

Bis zum ersten Weltkrieg erlebte die Schweiz einen beispiellosen Tourismusboom. Bauerndörfer wie St. Moritz und Davos wurden in Rekordzeit zu weltbekannten Kurorten. Hotels, Pensionen und Sanatorien schossen wie Pilze aus dem Boden. Die gewöhnlichen Arbeiter konnten von Ferien nur träumen. Nur wer in die Kur musste, durfte ein paar Tage frei nehmen. Trotzdem entstanden damals auch erste Hotels für einfachere Leute. Die Idee der Jugendherberge wurde geboren. Und es gab Ferienkolonien für Kinder armer Familien. Die Möglichkeiten schienen damals unbegrenzt. Bis der Krieg kam.

Tourismus um 1914 - ein paar Eindrücke:

«Um diese Zeit kam der Tourismus in der Schweiz fast vollständig zum Erliegen. Zuerst bröckelte er, dann brach er ganz zusammen.» Zu Beginn des ersten Weltkrieges schlossen viele Schweizer Hotels ihre Tore. Die Bergführer und das Personal wurden arbeitslos. Und auch der Glanz und Ruhm des Grandhotels Giessbach verblasste für lange Zeit.

«Chrampfe & Chrömle»

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«Espresso» zeigt in einer Serie, wie vor 100 Jahren gearbeitet und konsumiert wurde. Zur Übersicht
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