Krankenkassen verlieren Interesse an jungen Männern

Junge, gesunde Männer waren bisher die idealen Kunden für Krankenkassen: Sie zahlten reichlich Prämien und beanspruchten kaum Leistungen. Entsprechend machten die Kassen Jagd auf sie. Damit ist nun Schluss: Mit dem neuen, verfeinerten Risikoausgleich werden ältere Kunden interessant.

Kassen mit vielen jungen, gesunden Versicherten konnten bisher tiefe Prämien anbieten, weil gesunde Versicherte kaum etwas kosten. Anders war es bei Krankenkassen die viele ältere, kranke Kunden hatten. Sie mussten hohe Prämien verlangen, um die Kosten zu decken.

Junge Männer kosten Kasse viel Geld

Um diese Ungerechtigkeit auszugleichen, wurde der sogenannte Risikoausgleich eingeführt. Das heisst: Kassen mit vielen guten Risiken müssen Ausgleichszahlungen leisten an die Kassen mit vielen teuren Versicherten. Zuerst wurde nur nach Alter und Geschlecht unterschieden. 2012 wurden zusätzlich noch Spitalaufenthalte in den Risikoausgleich einbezogen. Ab 2017 werden auch die Medikamentenkosten der Versicherten berücksichtigt.

«Das macht die jungen Männer immer mehr zum Verlustgeschäft für die Krankenkassen», sagt Josef Hunkeler. Er ist pensionierter Mitarbeiter des Preisüberwachsers und hat die Auswirkungen des neuen Risikoausgleichs berechnet: «Für die jungen Männer legen die Kassen Geld drauf. Darum mussten diese Prämien auch überdurchschnittlich erhöht werden.» Dies darum, weil die Kassen für junge Männer sehr hohe Beträge in den Risikoausgleichstopf bezahlen müssen.

Andererseits würden Frauen ab 40 Jahren «zu einem Kassenschlager für die Versicherung». Dies weil die Kassen für die Frauen hohe Ausgleichszahlungen erhalten. Die Jagd nach guten Risiken wird für die Versicherungen ziemlich schwierig.

Billigkassen werden verschwinden

Mit dem neuen Risikoausgleich werden auch die sogenannten Billigkassen mit vielen jungen gesunden Versicherten verschwinden, sagt Hunkeler. Dem pflichtet auch Paul Rhyn vom Krankenkassenverband Santésuisse bei: «Die heutigen Billigkassen sind ein Auslaufmodell.» Denn die Jagd nach guten Risiken wird immer schwieriger, sagt Rhyn: «Die Krankenkassen müssen sich in Zukunft vermehrt um ihre chronisch Kranken kümmern und einen guten Service bieten», sagt Rhyn. Die grossen Prämienunterschiede zwischen den Kassen würden sich immer ausgleichen, glaubt Rhyn: «Es wird immer wichtiger werden, wie gut die Versicherten durch ihre Kasse betreut werden.»

Ziel des Risikoausgleichs sei es, dass der Wettbewerb unter den Kassen über den Service und innovative Modelle spiele und nicht mehr über die Risikoselektion, sagt Helga Portmann, verantwortlich für die Kassenaufsicht beim Bundesamt für Gesundheit. «Es wird für die Kassen fast unmöglich, gezielte Risikoselektion zu betreiben. Denn wie findet man heraus, wer im Spital war und Medikamente bezieht?»