Taggeld-Versicherung: Krank werden verboten

2000 Franken Prämie pro Monat. Taggeldversicherungen nützen Gesetzeslücken aus. Sie verlangen horrende Prämien von ihren kranken Kunden. «Kassensturz» deckt auf: Die Abzockerei hat System.

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Taggeld-Versicherung: Krank werden verboten

17 min, aus Kassensturz vom 10.4.2007

Das Krankentaggeld ist keine obligatorische Sozialversicherung. Arbeitnehmer sind jedoch in der Regel einer Kollektivversicherung des Arbeitgebers angeschlossen. Aber: Wer diesen Kollektivvertrag verlässt, weil ihm gekündigt wird oder er sich beispielsweise selbstständig macht, riskiert einen Lohnausfall, sollte er ernsthaft krank werden.

Vor diesem Risiko schützt eine Taggeld-Einzelversicherung, die bei einem Lohnausfall einspringen soll. Wie bei Ignaz Meli, 58 jährig, selbstständigerwerbender Metzger aus Mels SG. Vor fünf Jahren wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Meli wechselte damals von der Kollektivversicherung seiner Arbeitgebers, der CSS, in die Einzeltaggeldversicherung der CSS. Die anfängliche Monatsprämie von 250 Franken stieg über die Jahr auf unglaubliche 715 Franken an. Die Gegenleistung für die Monatsprämie: 150 Franken Taggeld nach ab dem 90 Krankheitstag. Eine Rechnung, die für das Ehepaar Meli nicht mehr aufgeht. Sie haben die Versicherung gekündigt. Der Übertritt in einem andere Taggeldversicherung ist im Alter von Ignaz Meli fast aussichtslos. So bleibt den Melis nichts anderes, als selbst für den Notfall zu sparen.

Arbeitslose fallen bei Krankheit in ein Loch

Aber nicht nur selbstständig Erwerbende kämpfen mit überhöhten Taggeld-Prämien. Hanspeter Kessler und sein Team der Agentur Fairsicherungsberatung in Zürich müssen ratsuchende Einzelpersonen punkto Taggeldversicherung oft enttäuschen. Sie können keine bezahlbaren Versicherungen vermitteln. Gerade für Arbeitslose ist dies ein Problem, wie Hanspeter Kessler erklärt: «Sie wissen ja, man muss sich regelmässig beim RAV melden und wenn sie krank sind können Sie das nicht. Die Arbeitslosenkasse zahlt nur 30 Tage, sie fallen in ein Loch. Dafür bräuchten Sie eine Taggeldversicherung.»

Kessler vermutet, dass Versicherungen bewusst den Risiken, die Einzelversicherte darstellen, ausweichen - und darum die Prämien so hoch ansetzen. Der Verband der Krankenversicherer santésuisse widerspricht. Für die Versicherungen seien Einzelversicherte trotz hoher Prämien kein Geschäft. Peter Marbet, Direktionsmitglied santésuisse : «Man hat ein gewisses Kollektiv das zahlt. Und weil Taggelder teuer sind und über längere Zeit ausbezahlt werden führt das zu diesen hohen Prämien.»

Solidaritätsgrundsatz spielt nich mehr

Was die Versicherungen nicht offen sagen: Die Prämien für Einzelversicherungen sind darum hoch, weil der Solidaritätsgrundsatz zwischen Gesunden und weniger Gesunden nicht mehr spielt. In der Einzelversicherungen landen eher die schlechten Risiken. Einige Versicherungen schieben sogar bewusst Kranke in die Einzelversicherung ab. Das zeigt die Geschichte von Silvo Jug in Herisau: Die Kündigung von seinem Arbeitgeber, für den er 30 Jahre lang gearbeitet hat, war für Jug ein Schock: «Nach der Kündigung konnte ich nicht arbeiten. Ich war kaputt, psychisch krank. Habe 20 Kilogramm abgenommen». Ein weiterer Schlag war der Bescheid von der CSS. Die Krankentaggeldversicherung wollte nicht zahlen. Sie zwang Jug in eine Einzeltaggeldversicherung zu wechseln - erst dann würde CSS das Taggeld zahlen. Die Prämie, die Jug für die von der CSS aufgedrängte Versicherung zu bezahlen hätte: 1445 Franken. Fürs Erste: Denn gleich darauf stieg die Prämie sogar auf 2000 Franken an. Die Gegenleistung: 6000 Franken monatlich.

Die CSS verweist auf die Allgemeinen Versicherungsbestimmungen, die auch für Silvo Jug galten, und die das Vorgehen der Versicherung legal machen. Seit 2004 habe die CSS diese Bestimmung aber geändert. Die CSS sei daran die Verträge ihrer 200'000 Versicherten den neuen Bestimmungen anzupassen.

Das heisst: Immer noch könnte bei Zehntausende CSS-Versicherten dasselbe passieren wie Jug. Das Abschieben von Kranken in die teure Einzelversicherung hat System. Auch bei anderen Gesellschaften.

Zum Beispiel bei der Konkordia. Sie wollte Bruno Brunner, der wegen anhaltenden Rückenproblemen die Stelle aufgeben musste, in eine Einzelversicherung abschieben. Über 2000 Franken hätte Brunner pro Monat bezahlen müssen. Der Chef seiner ehemaligen Firma wehrte sich für ihn, die Konkordia willigte schliesslich ein, Brunners Taggeld weiterhin der Kollektivversicherung der Firma zu belasten. Eine Ausnahme: Concordia bestätigt Kassensturz, dass in der Regel Kranke die aus der Firma scheiden, die teuren Einzelprämien bezahlen müssen. Der Arbeitgeber könne aber etwas anderes vereinbaren. Konkordia schreibt: «Wir haben das Problem der Versicherten bereits erkannt und sind seit Jahresbeginn dabei, eine bessere Lösung für diesen Personenkreis zu finden.»

Kassensturz kennt weitere Konkordia-Fälle: Ein 64jähriger kranker Arbeiter, dem gekündigt worden ist. Er bekommt von der Taggeldversicherung pro Monat 3720 Franken. Dafür zahlt er monatlich 1674 Franken Prämie.

Eine Versicherung, die keine mehr ist. Der Branchenverband schiebt die Verantwortung an die Politik ab. Häufen sich die Einzelfälle, heisst es bei santésuisse, so sei es Aufgabe des Gesetzgebers, die Rahmenbedingungen zu ändern und eine Lösung zu suchen.

Ein schwacher Trost für die Betroffenen und Tausende anderer, die in einem ähnliche Situation geraten könnten.