Auswandererdialekte: Spuren der Migration

  • Freitag, 27. Oktober 2017, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Freitag, 27. Oktober 2017, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Freitag, 27. Oktober 2017, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Schweizerdeutsch gibt es auch in Übersee. Migrantinnen und Migranten hatten ihre Sprache aus der alten Heimat mitgebracht. Heute aber steht es schlecht um die meisten Auswandererdialekte. Sie sind vom Aussterben bedroht.

Wer meint, Deutsch als Muttersprache spreche man nur in Zentraleuropa, täuscht sich gewaltig. Aufgrund von Migrationsbewegungen in den letzten knapp tausend Jahren gibt es heute deutsche Sprachinseln auf fast allen Kontinenten. So existieren heute deutsche Auswandererdialekte etwa in den USA, in Mexiko, Namibia, Papua-Neuguinea und in der Ukraine.

Diese Sprachinseln unterscheiden sich aber in ihrer Entstehungsgeschichte und in ihrer aktuellen Situation stark. Sie bildeten sich aufgrund von Auswanderung, Umsiedlung oder kolonialer Eroberung. Während in Namibia eine standarddeutsche Tageszeitung erscheint, leben die Schweizer Auswandererdialekte in den USA fast nur noch in den abgeschiedenen Täufergemeinschaften der Amischen weiter.
Kontext besucht Amische in Berne, Indiana, spricht mit einer Schweizerin, die in der deutschen Auswanderersiedlung Schabo in der Sowjetunion aufgewachsen ist, und stellt die neue Auflage des Variantenwörterbuchs des Deutschen vor, welches neu auch rumänien-, mennoniten- und namibiadeutsche Ausdrücke berücksichtigt.

Ausserdem ordnet die Linguistin Anita Auer von der Universität Lausanne die Beiträge sprachwissenschaftlich ein. Sie arbeitet derzeit an einem Projekt zu Schweizer Sprachinseln in Nordamerika.

Beiträge

  • Die Nachkommen von Täufern leben zurückgezogen auf ihren Bauernhöfen und lehnen die technologischen Fortschritte der Moderne ab.

    «Ig schwätze Schwyz!»

    Kutschen statt Autos, Jodel statt Pop-Musik, Schweizerdeutsch statt Englisch und dies im Herzen der USA. Die Amischen in Berne, Indiana leben noch wie ihre Vorfahren aus dem 19. Jh.

    Sie sind Nachkommen von Täufern aus dem Emmental und Berner Jura, die in die USA ausgewandert sind, weil sie in der Schweiz verfolgt wurden. Seither leben sie zurückgezogen auf ihren Bauernhöfen und lehnen die technologischen Fortschritte der Moderne ab. Untereinander reden sie eine Art Berndeutsch, wobei der Einfluss des Englischen deutlich hörbar ist. Ihr Verhältnis zur Schweiz ist distanziert bis nichtexistent.

    Priscilla Imboden

  • Das Variantenwörterbuch des Deutschen verzeichnet die Unterschiede im Vokabular der verschiedenen deutschen Standardsprachen.

    Vielfältiges Deutsch

    Das Variantenwörterbuch des Deutschen verzeichnet die Unterschiede im Vokabular der verschiedenen deutschen Standardsprachen.

    In der neuen, zweiten Auflage beinhaltet das Variantenwörterbuch nicht nur das Sprachgebiet in Mitteleuropa, sondern auch deutsche Sprachinseln in Rumänien, Namibia und Mexiko.

    Während in der Schweiz von einer Grillade die Rede ist und in Österreich von einer Grillerei, sagt man auf Namibiadeutsch Braai.

    André Perler

  • Denkmal für den Schweizer Friedhof in Schabo.

    Schweizerdeutsch in Bessarabien

    Im frühen 19. Jahrhundert wanderten Romands, Deutschschweizer und Süddeutsche ans Schwarze Meer aus, ins damalige russische Reich.

    Elvira Wolf-Stohler, direkte Nachfahrin eines dieser Pioniere, ist 1920 in der Schweizer Kolonie Schabo in Bessarabien geboren und aufgewachsen. Heute lebt die 97-jährige im Altersheim in Pratteln und erzählt von dieser seit der Flucht im Zweiten Weltkrieg verschwundenen Welt und vom Schabner Dialekt, einem Mischdialekt aus Baselbieterdeutsch, Schwäbisch, Russisch, Jiddisch und Rumänisch.

    Markus Gasser

Autor/in: André Perler, Priscilla Imboden, Markus Gasser, Moderation: Brigitte Häring, Redaktion: Dagmar Walser