In der eisigen Warteschlaufe

US-Notfallmediziner wollen schwerverletzte Patienten mit Herzstillstand auf zehn Grad herunterkühlen, um Zeit für eine Operation zu gewinnen.

Durch ein Fenster aufegenommene Szene im OP.

Bildlegende: Immer wieder optimieren Mediziner die Behandlungsmöglichkeiten. Keystone

Der spektakuläre Versuch kann jeden Tag beginnen, sagt Sam Tisherman: «Es muss nur der passende Patient bei uns auf der Notfallstation des Presbyterian Hospitals in Pittsburgh eingeliefert werden.» Passend heisst: zwischen 18 und 65 Jahre alt, Opfer einer Messerstecherei oder einer Schiesserei – und ein stillstehendes Herz. Gestoppt durch den massiven Blutverlust, einige Minuten vor der Einlieferung, vielleicht auch länger.
«Bisher haben solche Patienten sehr schlechte Überlebenschancen», sagt Tisherman. Sie liegt unter zehn Prozent. Das soll die neue Studie ändern. Das Notärzte-Team um Tisherman wird dem Schwerverletzten die Brust öffnen und eine dicke Zuleitung in die Hauptschlagader legen. Dann pumpen sie ihm eine eiskalte Lösung in die Blutbahn. Innerhalb von 10 bis 20 Minuten ist der Körper ausgeblutet, das Herz steht noch immer still und vor allem, der Körper ist sehr kalt, zehn Grad.

Eine Art Winterschlaf

Diese drastische Unterkühlung versetzt den Patienten in eine Art Winterschlaf. Dies soll den Chirurgen Zeit geben, die lebensgefährlichen Stich- oder Schussverletzungen zu reparieren. Normalerweise, wenn das Herz nicht schlägt, und das Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wird, erleidet das Gehirn nach wenigen Minuten Schäden. Wenn es aber so kalt ist, so das Kalkül, läuft in seinen Zellen alles auf Sparflamme, und es braucht viel weniger Sauerstoff.

An Hunden hat Tishermans Team gezeigt, dass das Prinzip funktioniert. Für zwei bis drei Stunden schickten die Ärzte die Tiere in die kalte Warteschlaufe, ohne dass nach der Operation einer zuvor zugefügten Gefässverletzung erkennbare Nachwirkungen auftraten. Ein anderes Team in den USA hat dasselbe Kunststück mit Schweinen vorgeführt.

Kollegen sind skeptisch

Auch bei Menschen gibt es Hinweise, dass das Verfahren funktionieren könnte. Sie stammen von Unfällen, bei denen die Opfer stark unterkühlt wurden. Zum Beispiel die Schwedin Anna Bagenholm, die vor einigen Jahren beim Skifahren mit dem Kopf in ein Eisloch geriet. Unter dem Eis floss ein Bach, der ihren Kopf hinunterkühlte – etwa 80 Minuten verblieb Bagenholm in dieser Situation, ohne Sauerstoff, bald auch ohne Herzschlag. Bis die Ärzte das Organ wieder zum Schlagen bringen konnten, dauerte es fast drei Stunden. Bagenholms Körper war zeitweise auf 13.7 Grad gekühlt – das hat ihr das Leben gerettet und sie vor Spätfolgen bewahrt.


In der eisigen Warteschlaufe

9:05 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 12.04.2014

Trotzdem ist Roland Bingisser, Chefarzt der Notfallstation des Basler Universitätsspitals, skeptisch, ob Sam Tisherman bei der Abkühlung von schwerverletzten Menschen erfolgreich sein wird. Denn es gebe wichtige Unterschiede zwischen dem Unfall einer Anna Bagenholm und den Versuchen, wie Tisherman sie nun macht: «Wenn jemand bei voller Gesundheit gekühlt wird, ist die Blutversorgung des Gehirns normal, bis der Puls bei etwa 29 Grad einfach aufhört.»

Gekühlt bis zum Stillstand

Bei 29 Grad Körpertemperatur bekommt das Herz so viele Probleme, dass es stillsteht. Aber bei einem Kälteunfall ist das Hirn auch schon heruntergekühlt, wenn es soweit ist – das heisst, es geniesst durch die Kühlung bereits etwas Schutz. Bei Tishermans Patienten aber steigt das Herz aus, weil sie durch die Messerstiche zu viel Blut verloren haben, und das bei der normalen Körpertemperatur von 37 Grad.

Meistens wird es dann vom Herzstillstand bis zur Ankunft im Spital so lange dauern, dass das Gehirn bereits geschädigt sein wird, vermutet Bingisser. Er befürchtet, dass die Versuche in Pittsburgh zwar manche Patienten vor dem Tod bewahren, aber zum Preis einer schweren Behinderung. Dieses Risiko bestehe, gibt Tisherman zu. «Wir werden es gut im Auge behalten.» Zuerst wollen die Ärzte in Pittsburgh zehn Patienten behandeln, dann soll eine erste Bilanz gezogen werden.

Armband als Erkennungszeichen

Es gibt aber noch ein anderes, ethisches Problem: Die Patienten können nicht selbst entscheiden, ob sie dieses Risiko eingehen wollen. Sie sind ja quasi schon tot, bevor Tisherman sie herunterkühlt. Darum hat die Studie einen gesetzlichen Sonderstatus. Statt dass die Ärzte die Einwilligung jedes Patienten einholen, mussten sie die Bewohner Pittsburghs vorab von der Studie unterrichten – wer nicht teilnehmen will, muss ein spezielles Armband tragen. Bisher haben weniger als zehn Menschen ein solches bestellt. Die Frage ist nur, wie viele Einwohner die Sache wirklich mitbekommen haben.

In der Schweiz ist ein solches Prozedere nicht vorgesehen. Notfallmediziner Bingisser kann sich auch nicht vorstellen, dass es hier akzeptiert würde. Doch bei aller Skepsis ist er auch fasziniert vom Versuch in Pittsburgh: «Er ist spektakulär.» Ohne solche Wagnisse wäre die Medizin heute nicht da, wo sie sei: «Historisch betrachtet ist es unbedingt notwendig, auch spektakuläre Dinge zu wagen, um weiterzukommen.»

Neue Definition von Leben und Tod?

Bingisser nennt das Beispiel des Herzkathethers. Der deutsche Chirurg Werner Forssmann führte sich 1929 in einem Selbstversuch einen Blasenkatheter in ein Gefäss im Oberarm ein und von dort weiter bis ins Herz. «Heute ist das ein Routine-Eingriff, um das Herz zu untersuchen oder auch, um seine verängten Gefässe zu behandeln.»

Das neue Kühlverfahren von Sam Tisherman wird wohl nicht so schnell zur Routine. Nicht zuletzt, weil es die Definition von Leben und Tod verändere, sagt der Notfallmediziner Peter Rhee, der die Methode mitentwickelt hat. Denn plötzlich sei nicht mehr klar, ob das Opfer einer Messerstecherei mit stillstehendem Herzen tot sei oder nicht. Roland Bingisser sieht das ähnlich: «Diese Patienten sind eigentlich herztot. Das heisst wir müssten unsere Herztod-Diagnostik neu diskutieren, und vielleicht wäre danach der Herztod gar kein Tod mehr.»