Stammzellen, Strom und Nogo-Proteine

Drei Forschungsansätze führen beim querschnittgelähmten Tier zu erstaunlichen Resultaten. Beim Menschen geht es langsamer voran.

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Der Heilung auf der Spur

5:09 min, aus Puls vom 24.6.2013

Weltweit forschen zahlreiche Wissenschaftler an Methoden, Verletzungen des Rückenmarks zu heilen. Prinzipiell besitzen verletzte Nerven nämlich durchaus die Fähigkeit, wieder zusammenzuwachsen, so wie dies oft bei Nervenverletzungen am restlichen Körper geschieht.

Es gibt mehrere Punkte, an denen angesetzt werden kann; davon haben sich drei als am erfolgversprechendsten herausgestellt:

  • Stammzellen. Die Idee hinter den Stammzellen-Therapie ist einfach: Aus embryonalem Nervengewebe werden Nervenstammzellen entnommen. Weil diese noch nicht zu erwachsenen Zellen ausgereift sind, haben sie ein grosses Vermehrungspotential. Ins verletzte Rückenmark eingespritzt, sollen sie sich einerseits vermehren und zu funktionsfähigen Rückenmarkszellen ausreifen, andererseits aber auch die umliegenden Zellen zur Ausheilung anregen.
  • Elektrostimulation. Nach Rückenmarksverletzung verfällt das unterhalb der Verletzung liegende Rückenmark in einen inaktiven Zustand. Mittels einem chemischen Cocktail und danach folgenden Elektroschocks soll das «schlafende» Rückenmark in einen hochaktiven Zustand versetzt werden. In diesem reichen schon kleinste verbleibende Nervenfaser-Verbindungen über den verletzten Bereich hinweg aus, um Bewegungen auszulösen.
  • Nogo-Antikörper. Ein Grund, dass ein durchtrenntes Rückenmark nicht wieder zusammenwächst, sind sogenannte Nogo-Proteine. Sie sind ein starker Hemmstoff, der die verletzten Nervenfasern davon abhält, zusammenzuwachsen. An der Universität Zürich hat eine Forschergruppe Antikörper entwickelt, welche die störenden Nogo-Proteine aus dem Verkehr ziehen. Ist dies geschehen, wachsen die Nervenfasern im Tierversuch zusammen.

Forschung in den Kinderschuhen

Bei allen drei Ansätzen bleibt es nicht nur beim Tierversuch. Die erste Studie mit Nogo-Antikörpern wurde bereits letztes Jahr an der Uniklinik Balgrist abgeschlossen. Die erste Stammzell-Studie läuft dort zur Zeit. Die erste Studie zur Elektrostimulation am Menschen wartet nur noch auf endgültige Bewilligung. Jedoch wäre verfrühter Optimismus fehl am Platz.

Wenn man zum ersten Mal Erkenntnisse vom Tierversuch auf den Menschen überträgt, geht es zunächst hauptsächlich um Sicherheit; also darum, dass es beim Menschen zu keinen unvorhergesehenen Nebenwirkungen kommt. Danach muss man herausfinden, welche Dosierungen zu welchen Zeitpunkten an welchen Ort genau es beim Menschen braucht – auch hier gehen die Fortschritte viel langsamer als beim Tier, weil man am Menschen nicht einfach herumexperimentieren kann.

Die Forschung am Menschen befindet sich ganz in der Anfangsphase; mit einer tatsächlichen Heilung von Querschnittgelähmten ist also in absehbarer Zeit noch nicht zu rechnen.

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