Vergebliche Anti-Stress-Übungen

Gestresst fühlt sich jeder manchmal. Abhilfe versprechen zahlreiche Anti-Stress-Ratgeber. Doch wirken die darin vorgeschlagenen Übungen tatsächlich? Sie können es gar nicht. Das zeigt eine im Fachmagazin PNAS erschienene Studie. Doch das muss nicht an der Qualität der Ratgeber liegen.

Eine Frau sitzt an ihrem Computer, den Kopf in die Hände gestützt.

Bildlegende: Was tun bei Stress? Entspannungs-Übungen helfen genau in den anstrengensten Momenten nicht – weil unser Hirn mit dem Stress beschäftigt ist. Colourbox

Anti-Stressratgeber tragen so klingende Titel wie «Stressmanagement für Dummies», «Die 50 besten Stresskiller» oder «Ich coache mich selbst! Das Erfolgstraining gegen Stress». Die Message ist klar: Wer sich weiter stressen lässt, ist selber schuld. Denn mit ein paar wenigen Übungen lässt sich der Stress im Büro, auf der Baustelle oder zu Hause in Schach halten.

Blockiertes Gehirn

Doch so einfach ist es leider nicht. Neuere Forschung zeigt: Bei Stress wird im Gehirn der sogenannte präfrontale Kortex empfindlich bei seiner Arbeit gestört. Leider ist das just jener Teil des Gehirns, der für die Stressbewältigung – Psychologen sprechen von emotionaler Selbstregierung – ausschlaggebend ist. Die Übungen aus den Anti-Stressratgebern können also möglicherweise gerade unter Stress ihre Wirkung gar nicht entfalten.

Dass dem tatsächlich so ist, konnte die Psychologin Candace Raio von der New York University mit einem cleveren Experiment nachweisen. Sie setzte Versuchspersonen leichten Stromstössen aus, immer während bestimmte Bilder von Spinnen und Schlangen gezeigt wurden. Bei anderen Bildern gab es keine Stromstösse. Die Versuchspersonen waren also stets auf der Hut vor den wiederkehrenden Stromstössen – eine milde Angstreaktion, wie man sie auch im Alltag erlebt, war die Folge.

Psychologische Tricks nützen nicht immer

Im Anschluss absolvierten die Versuchspersonen einige Anti-Stress-Übungen, wie man sie auch in besseren Ratgebern findet. Sie lernten, den Stress anders zu bewerten, ihn nicht überhand nehmen lassen – kurz: einige psychologische Tricks aus der Verhaltenstherapie. Die Forschung hat gezeigt, dass diese Tricks durchaus funktionieren.

Tatsächlich reagierte ein Teil der Probanden im Experiment nach den Übungen viel weniger gestresst auf die Bilder und Stromstösse. Bei einem anderen Teil aber versagten die Übungen, und zwar bei jenen Probanden, die mit einer zweiten Aufgabe zusätzlich gestresst worden waren. Sie mussten nämlich ihre Hand drei Minuten lang in eisig kaltes Wasser tauchen. Dies sollte weiteren milden Stress abbilden.

Stressabbau erfordert viel Üben

Die zusätzlich gestressten Probanden profitierten von der Anti-Stress-Übung praktisch nicht, das zeigten sowohl ihre eigenen Angaben als auch körperliche Stressindikatoren wie Hautleitfähigkeit oder Blutwerte. Bei zu viel Stress greifen Anti-Stressübungen also offensichtlich nicht mehr, es sei denn, sie werden so lange eingeübt, dass sie quasi automatisch ablaufen, vermutet Candace Raio.

Eine andere Lösung wäre, stressige Lebensbedingungen schlicht zu reduzieren. Das umzusetzen aber ist als Einzelner in einer auf Tempo getrimmten Gesellschaft jedoch schwierig. Und so greift man eben doch ins Ratgeberregal. Nun ist aber zumindest klar: Einmal durchlesen reicht nicht.