Die beste Hilfe bei Hirnschlag gibt's nicht überall

Bei schweren Schlaganfällen hat sich in den letzten Jahren die mechanische Thrombektomie als wirksamste Therapie durchgesetzt. Experten sprechen gar von einer «Revolution in der Schlaganfalltherapie». Die lebensrettende Methode wird aber nicht in allen Spitälern angewendet.

Bei einem Schlaganfall verschliesst ein Blutgerinnsel im Gehirn ein Gefäss. Wichtige Areale werden dadurch nicht mehr durchblutet, innerhalb kurzer Zeit kommt es zum Absterben von Nervenzellen.

Der grösste Feind ist die Zeit: Je schneller die «Verstopfung» aufgelöst werden kann, desto besser. Meistens kann man sie mit einer blutverdünnenden Infusion schon bekämpfen. Jedoch nur in den ersten maximal 4,5 Stunden. Danach ist diese Behandlungsart nicht mehr möglich.

Ein Nachteil der Behandlung ist auch, dass es bei Verschlüssen der grossen proximalen Hirnarterien nur bei der Hälfte der Patienten zu Verbesserungen kam. Ein wesentlicher technischer Fortschritt war daher die Entwicklung von Katheter-Systemen, mit denen es gelang, ähnlich wie in der Kardiologie eine Thrombektomie durchzuführen: Der Thrombus wird im Rahmen eines operativen Eingriffs mechanisch aus der Blutbahn entfernt.

Nach allfälligen Startschwierigkeiten konnten nun in fünf grossen randomisierten Studien mit 1200 Patienten positive Ergebnisse aufgezeigt werden. Vier der Studien wurden wegen eindeutiger Überlegenheit der Thrombektomie sogar vorzeitig abgebrochen.

«Revolution in der Schlaganfalltherapie»

«Die Ergebnisse sind so klar, dass derzeit von einer Revolution in der Schlaganfalltherapie gesprochen wird. So etwas werde ich in den kommenden Jahren kaum nochmals selber miterleben», sagt Chefarzt Jan Gralla vom Inselspital Bern.

Mit der mechanischen Thrombektomie wurden Rekanalisationsraten von 70 bis 90 Prozent erreicht. Bei der systemischen Thrombolyse – dem Auflösen des Blutgerinnsels – gelingt das Freimachen im Durchschnitt nur bei 40 bis 50 Prozent.

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Die Aufgaben einer Stroke Unit

0:45 min, vom 12.10.2015

Die Erfahrung des Neuroradiologen: «Patienten mit grossen Gefässverschlüssen, mit schweren Schlaganfällen, profitieren. Und zwar profitieren sie im Vergleich zu der Auflösung des Blutgerinsels über den Blutweg mittels Medikament so stark, dass man etwa 20 Prozent der Patienten die Behinderung ersparen kann.» Auch bezüglich Sterblichkeit ergab sich ein positiver Trend.

Ein solcher Eingriff mit der mechanischen Thrombektomie ist allerdings nur in spezialisierten Zentren möglich, da es speziell ausgebildetes Personal braucht – in sogenannten Stroke Centers. Kleiner Spitäler überweisen daher ihre Patienten so schnell wie nur möglich dorthin weiter.

Das macht Sinn, ist sich der Radioneurologe Jan Gralla sicher: «Alle Untersuchungen zeigen, dass Zentren, die sehr viele Personen behandeln, bessere Ergebnisse haben, als sehr kleine Zentren oder viele Zentren in derselben Region. Diese haben einfach zu wenige Fallzahlen».

Viele kommen zu spät ins Spital

Das grösste Problem: Gegen 80 Prozent der Schlaganfallpatienten suchen zu spät eine ärztliche Einrichtung auf. Meist ist eine Lyse überhaupt nicht mehr möglich. In der Stroke Unit probiert man dann, das gesunde Hirngewebe zu aktivieren, damit es Aufgaben des kranken Hirngewebes übernehmen kann. Dies ist aber ein langwieriger und mühsamer Prozess – der nicht immer mit einem Erfolg endet.

Tritt ein Schlaganfall auf, zählt jede Minute. Wählen Sie daher sofort den Notruf: 144 und melden der Rettungleitstelle: «Verdacht auf Schlaganfall».

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Symptome eines Schlaganfalls

0:47 min, vom 12.10.2015

Schlaganfall-Zeichen erkennen

SehstörungTritt plötzlich eine Einschränkung des Gesichtsfeldes ein, übersieht der Betroffene zum Beispiel Gegenstände und Menschen auf seiner linken Körperseite. Dies kann zu Stürzen oder Unfällen führen.

Auch Störungen des räumlichen Sehens können Folge eines Schlaganfalls sein. Der Betroffene fühlt sich in vertrautem Umfeld unsicher und kann sich nicht mehr orientieren.

Ebenso können Doppelbilder auf einen Schlaganfall hinweisen. Betroffene sehen Gegenstände überlappend und fassen beim Griff nach der Kaffeetasse daneben. Sie haben das Gefühl als schauten sie durch eine beschlagene Brille.
Sprach- und VerständnisstörungSprachstörungen können sich in leichteren Fällen als stockende, abgehackte Sprache äussern, aber auch das Verdrehen von Silben oder Verwenden von falschen Buchstaben beinhalten. Der Betroffene kommuniziert mit seiner Umwelt im Telegrammstil, hat eine verwaschene oder lallende Sprache. In seltenen Fällen kann er gar nicht mehr sprechen.

Bei einigen kommt es zu Verständnisstörungen. Durch die Fehlfunktion im Gehirn können sie nicht mehr verstehen, was man ihnen sagt. Kommt es im Notfall zu einer der oben genannten Störungen, ist es wichtig, die Störung möglichst genau zu beobachten, damit man dem Arzt berichten kann, ob der Sprachfluss ganz oder nur teilweise blockiert ist oder ob es sich nur um eine verwaschene Aussprache handelt. Diese Unterscheidung deutet darauf hin, welche Region des Gehirns betroffen ist.
Lähmung, TaubheitsgefühlEine plötzlich eintretende Lähmungserscheinung auf einer Körperseite kann auf einen Schlaganfall hinweisen.

Ebenso ein gestörtes Berührungsempfinden, wie zum Beispiel bei einem eingeschlafenen Fuss. Bei einigen Betroffenen stellt sich ein pelziges Gefühl auf einer Körperseite ein. Häufig sind Gesicht, Arm und Hand stärker betroffen. Ein typisches Merkmal ist ein herunterhängender Mundwinkel. Die Ausfälle können sich auch im Bein bemerkbar machen.

Nach einer vorübergehenden Störung ist es für den Arzt wichtig, ob nur die Kraft oder das Gefühl oder beides beeinträchtigt waren. Hieraus kann er Rückschlüsse auf den Ort der Durchblutungsstörung ziehen.
SchluckstörungEbenfalls kann Schluckstörung auf einen Schlaganfall hindeuten. Fataler ist jedoch, wenn der Schluckreflex aufgrund von Nervenschädigungen im Stammhirn nicht mehr richtig funktioniert. Normalerweise schliessen sich beim Schlucken die Stimmlippen, und das Gaumensegel blockiert den Zugang zum Nasenraum.

Ausserdem senkt sich der Kehldeckel und verschliesst den Eingang zur Luftröhre. Dieser Mechanismus verhindert, dass Speisen oder Flüssigkeiten in die Atemwege eindringen. Ist der Reflex gestört, fliesst der Speisebrei in die Luftröhre. Es kommt zu heftigen Hustenattacken.
Schwindel mit GangunsicherheitEin weiteres Schlaganfall-Symptom ist plötzlich auftretender Schwindel, verbunden mit Gangunsicherheit. Schwindel wird unterschiedlich empfunden: Man kann das Gefühl haben, Karussell zu fahren (Drehschwindel) oder auf einem Schiff auf bewegter See zu sein (Schwankschwindel).

Manche Betroffenen fühlen sich auch, als ob sie mit einem Fahrstuhl hinuntersausen würden. Generell ist Schwindel mit dem Empfinden verbunden, das Gleichgewicht und die Koordination zu verlieren oder verloren zu haben. Wichtig ist, dem Arzt das Gefühl genau zu beschreiben.
Sehr starker KopfschmerzVorher nicht gekannte, äusserst heftige Kopfschmerzen können auf einen Schlaganfall hinweisen. Ursache sind plötzlich auftretend Durchblutungsstörungen einer bestimmten Hirnregion oder Einblutungen in das Hirngewebe (meist hervorgerufen durch das Platzen oder Zerreissen einer in der Regel angeborenen Gefässaussackung). Diese starken Kopfschmerzen können mit Übelkeit und Erbrechen verbunden sein.

Das Symptom des Kopfschmerzes kann zunächst allein auftreten, aber mit etwas Zeitverzögerung auch zu Lähmungen, zu Bewusstseinsverlust oder Verwirrtheit führen. Wichtig für den Arzt ist, welche Tätigkeit der Patient unmittelbar vor dem Auftreten der Symptome ausgeübt hat.

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