Die WHO am Tropf von Philanthropen?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) will die leitende und koordinierende Stelle im globalen Gesundheitswesen sein. Doch die Mitgliederländer zahlen dafür zu wenig. In die Bresche springen private Geldgeber, wie beispielsweise die «Bill and Melinda Gates Stiftung». Das ist nicht unproblematisch.

Grippe-Pandemien, Malaria, Übergewichtsprävention, Impfungen, sauberes Trinkwasser, Hygiene in Spitälern - kaum ein medizinisches Thema, das die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht in irgendeiner Art und Weise beackern würde, und zwar weltweit. Dafür stehen der WHO jährlich gerade mal rund zwei Milliarden Dollar zu Verfügung. Mit den Mitgliederbeiträgen der 194 Staaten kommt die WHO längst nicht mehr aus. Ganze drei Viertel des WHO-Budgets sind freiwillige Beiträge – von Staaten, von Nichtregierungsorganisationen oder von Stiftungen.

Die Stiftungen des Microsoft-Gründers Bill Gates und seiner Frau, die «Bill and Melinda Gates Stiftung» beispielsweise kommt für ein ganzes Zehntel des gesamten WHO-Budgets auf. Das sei ein Problem, denn private Geldgeber hätten oft andere Prioritäten als die Mitgliederländer, sagt David Stuckler, Soziologe an der University of Oxford.

Wer soll das Geld bekommen?

Die «Bill and Melinda Gates Stiftung» beispielsweise wendet gemäss einer Studie im Fachmagazin «Lancet» 97 Prozent ihrer Spenden für Programme gegen übertragbare Krankheiten wie Malaria oder AIDS auf und nur 3 Prozent für Programme gegen chronische nichtübertragbare Krankheiten.

Genau für letztere fehlt aber der WHO das Geld, sind doch von Diabetes, Herzkreislauferkrankungen oder Krebs weltweit am meisten Menschen betroffen.

Das Budget, über das die Mitgliederstaaten der WHO bestimmten, spiegle die Bedürfnisse der Empfänger recht gut, sagt David Stuckler. Das Geld fliesse dorthin, wo es um viele Tote oder Kranke gehe. Anders beim Geld, über das freiwillige Geldgeber bestimmten: Dort gebe es diese Übereinstimmun nicht.

Interessenkonflikte

Ursache dafür seien Interessenkonflikte, bemängeln Kritiker. Tatsächlich sind zumindest potenzielle Interessenkonflikte nicht von der Hand zu weisen.

Microsoft-Gründer Bill Gates bei einer Ansprache vor einer Flagge mit WHO-Logo

Bildlegende: Microsoft-Gründer Bill Gates ist ein wichtiger Geldgeber der WHO. Keystone

Die «Bill and Melinda Gates Stiftung» – um bei diesem Beispiel zu bleiben – hatte beispielsweise 2008 von ihren fast 30 Milliarden Dollar Stiftungsvermögen 13,5 Millarden Dollar in Aktien angelegt. Im Portfolio sind Aktien von Nahrungsmittelmultis wie Coca Cola, Kraft Foods oder McDonalds prominent vertreten. Diese Firmen verdienen ihr Geld ganz oder teilweise mit dem Verkauf von Nahrungsmitteln, die für Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht oder Herzkreislaufstörungen verantwortlich gemacht werden. Die «Bill and Melinda Gates Stiftung» hat also umso mehr Geld zur Verfügung, je mehr solche potentiell ungesunde Nahrungsmittel verkauft werden.

Schwieriger Nachweis

Die Stiftung verwehrt sich auf ihrer Webseite gegen den Vorwurf, sie habe Interessenkonflikte: «Die Stiftung ist höchster Integrität verpflichtet. (…) Die allgemeine Regel ist: Mitarbeitende der Stiftung müssen ethische, rechtliche, finanzielle oder andere Interessenskonflikte vermeiden und sich selber als Entscheidungsträger von Positionen zurückziehen, die Konflikte hinsichtlich der Stiftung verursachen könnten.»

Es ist denn auch schwierig, der «Bill and Melinda Gates Stiftung» nachzuweisen, dass potentielle Interessenkonflikte tatsächlich Auswirkungen haben auf die Spendebereitschaft für die Bekämpfung von Diabetes oder Übergewicht.

Woher das Geld nehmen?

Trotzdem will die WHO sich an der Weltgesundheitsversammlung vom 20. bis 28 Mai 2013 in Genf mit dem Thema private Geldgeber beschäftigen. Vorschläge zum Eindämmen von Interessenskonflikten liegen vor. Die Frage ist nur: Werden die privaten Geldgeber dann noch mitspielen? Und wenn nicht: Woher soll die Weltgesundheitsorganisation dann ihr Geld nehmen?

Von der Beantwortung dieser Fragen hängt nicht zuletzt ab, ob die WHO ihrer Rolle als leitende und koordinierende Stelle des globalen Gesundheitswesens weiter gerecht werden kann.