Wie zwei Frühchen ihr Leben meistern

Sarah Benz und Giulia Keller kämpften die ersten Wochen nach ihrer Geburt auf der Intensivstation ums Überleben. Beide Mädchen kamen gut zwei Monate zu früh zur Welt. Beide gehen seither ihren Weg, mit mehr oder weniger Handicaps.

Die beiden frühgeborenen Mädchen Giulia Keller und Sarah Benz kamen beide gut zwei Monate zu früh auf die Welt.

Neun Wochen zu früh waren es 1992 bei Sarah. Vermutlich durch einen Hirnschlag nach der zu frühen Geburt kämpft die 23-Jährige bis heute mit den Folgen einer teilweisen Lähmung und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Geistig ist sie voll leistungsfähig, hat die regulären Schulen besucht und studiert heute an der Universität Bern Geschichte, Staatsrecht und Sportwissenschaft.

Zehn Wochen zu früh wurde 2004 Giulia geboren. Bei der Geburt wog sie weniger als ein Kilo. In regelmässigen Abständen musste Giulia zur Kinderärztin, die mit speziellen Frühgeborenen-Tests den Entwicklungsstand des Mädchens kontrollierte. Im Alter von dreieinhalb stellte die Entwicklungspädiaterin keine gravierenden Abweichungen mehr fest. Unterdessen ist Giulia 11 Jahre alt; sie besucht die 5. Klasse, braucht längst keine speziellen Therapien mehr und nimmt dreimal pro Woche am Ballettunterricht teil.

Ohne Intensiv-Betreuung keine Chance

Während sogenannte späte Frühchen vier bis sechs Wochen vor Termin zur Welt kommen und mit einem Gewicht von zwei bis zweieinhalb Kilo meist schon fit genug sind, um zwar mit guter Überwachung, aber weitestgehend ohne medizinische Hilfe zurecht zu kommen, haben es kleine und extreme Frühchen schwerer.

Portraitaufnahmen von Giulia Keller und Sarah Benz

Bildlegende: Giulia Keller und Sarah Benz haben ihren Frühstart ins Leben wettgemacht. srf

Kleine Frühchen werden vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren und wiegen weniger als 1500 Gramm.

Extreme Frühchen bringen nicht einmal 1000 Gramm auf die Waage und erblicken schon mehr als zwei Monate vor Termin das Licht der Welt. Ohne medizinische Rundum-Betreuung wären sie verloren. Ihre Haut ist noch zu dünn, Lunge, Niere und Verdauungstrakt funktionieren noch nicht selbständig.

Folgen der zu frühen Geburt

Nur etwa 20 Prozent der zu früh geborenen Kinder erleiden eine schwere geistige Behinderung. Doch was die Zukunft wirklich bringt, lässt sich auch bei Frühgeborenen, die sich gut entwickeln, nur schwer vorhersagen.

Durch die zu frühe Geburt finden wichtige Entwicklungsprozesse des Gehirns nicht im geschützten Mutterleib statt, sondern im Brutkasten der Intensivstation. Die häufigsten Folgen einer zu frühen Geburt sind Entwicklungsverzögerungen und Störungen in der Motorik und bei der Aufmerksamkeit. Die Schwierigkeiten, die diese Kinder im Alltag haben, fallen oft erst dann richtig auf, wenn sie in den Kindergarten oder in die Schule kommen. Mit Hilfe von speziellen Frühgeborenen-Test analysieren Entwicklungspädiater deshalb in regelmässigen Abständen die Entwicklung der Kinder.

Auffälligkeiten im Verhalten werden im Gegensatz zu körperlichen und geistigen Aspekten allerdings sehr viel seltener untersucht, was unter anderem daran liegt, dass sie schwerer zu messen sind. Zudem sind Verhaltensentwicklungen stark vom Umfeld abhängig und das erschwert die Zuordnung zur Frühgeburt. Am häufigsten sind soziale Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen, Ängste, ein geringeres Selbstbewusstsein sowie Aufmerksamkeitsstörungen.

Immer mehr Frühchen

Rund 6000 der jährlich 80'000 in der Schweiz geborenen Babys kommen zu früh auf die Welt, Tendenz steigend. Eine Folge zunehmender Mehrlingsschwangerschaften und immer älterer Erstgebärender. Überlebten in den 60er-Jahren nur fünf Prozent der zu früh Geborenen, sind es heute zwei von drei extremen Frühchen – wenn auch zum Teil mit Handicaps.

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