Ist der Mensch im Stress, leiden die Fingernägel

Jeder zehnte Schweizer Erwachsene kaut an seinen Nägeln, unter Kindern und Jugendlichen sind es sogar rund 30 Prozent. Die Betroffenen ärgern sich oft selbst über ihr Laster, doch den meisten fällt es schwer, damit aufzuhören.

Betroffene kennen das Spiel: Ohne es zu wollen wandert die Hand zum Mund und sie beginnen, an den ohnehin bereits abgeknabberten Fingernägel zu kauen. Manchmal setzt Aufregung den Prozess in Gang, manchmal aber auch nur Langeweile, und manchmal auch Nachdenken.

Bis auf die Haut abgenagte Fingernägel mit abgezupften Häutchen und Blutkrusten sind für Betroffene ein echtes Problem. Zum einen ein gesellschaftliches: Die Hände wirken ungepflegt und erwecken bei anderen den Eindruck von Nervosität oder Unsicherheit. Die Betroffenen schämen sich zumeist für ihre Hände und versuchen, sie zu verstecken. Dadurch erhöht sich ihre innere Anspannung weiter, was wiederum den Drang zum Kauen verstärkt.

Zum anderen kann starkes Nägelkauen auch Entzündungen von Haut und Nagel fördern, denn die ständig aufgerissenen Stellen sind eine Angriffsstelle für Bakterien. Schwere Infektionen muss ein Arzt behandeln. Sie können sogar das Nagelwachstum anhaltend stören.

Eltern sind oft überfordert

Manchmal kann Nägelkauen auch der Ausdruck einer schwereren psychischen Störung sein – meist ist der Auslöser jedoch innere Anspannung. Sport, Musizieren oder jedes andere entspannende Hobby können Stress abbauen helfen.

Nicht in jeder Situation kann man sich dem Stress entziehen, in Stressphasen im Beruf beispielsweise, bei schulischem Leistungsdruck oder auch in belastendem Privatleben. Viele Menschen suchen sich dann, meist unbewusst, eine Ersatzhandlung. Der eine beginnt, mit den Füssen zu wippen, der andere spielt mit seinem Kugelschreiber, und wieder andere beginnen, an den Fingernägeln zu kauen. Experten bezeichnen das als eine Art Ersatzhandlung – ihr wissenschaftlicher Name: Onychophagie.

Dieses Phänomen ist auch unter Kindern nicht selten und macht viele Eltern ratlos. Oft beginnt dann die Spurensuche nach dem Auslöser, zum anderen aber auch die Überlegung, wie sie mit dem Nägelkauen ihres Kindes umgehen sollen – und ab wann das Nägelkauen «zur Sucht» wird.

Aufhören fällt nicht leicht

Hat sich das Nägelkauen erst einmal bis ins Erwachsenenalter fortgesetzt, wird das Aufhören sehr schwierig. Bitter schmeckende Nagellacke oder das Aufkleben teurer Plastiknägel helfen kaum.

Psychotherapeuten verwenden in der Behandlung des Nägelkauens die sogenannte Entkopplungsmethode. Hierbei lenkt der Patient die begonnene Nagelkau-Bewegung in eine andere Richtung um – und führt die Hand anstatt zum Mund zum Beispiel ans Ohrläppchen, an die Nase oder an die andere Hand. So kann er sein (entspannendes) Verhaltensmuster beibehalten, aber auf eine entschärfte Art und Weise. Auch Knetbälle können eine gute Ablenkung sein, denn die Hände sind dann bereits mit anderem beschäftigt.

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