Gehirnerschütterung – Keine Bagatelle

Hirnverletzungen machen etwa zwölf Prozent der Verletzungen unter Skifahrern, Snowboardern und Rodlern aus. Das Problem: Sie sind auf den ersten Blick oft nicht erkennbar. Und innerhalb der ersten 24 Stunden können sie sich dramatisch verschlechtern.

Egal, ob es beim Sport, bei Stürzen oder Verkehrsunfällen passiert: Bei einer Gehirnerschütterung ist der Kopf sehr grossen Kräften ausgesetzt. Das Gehirn kann beim Aufprall gegen die Schädeldecke stossen. Auf der gegenüberliegenden Seite kommt es zu Reissbewegungen – im Fachjargon «Coup» und «Contrecoup» genannt.

Die Definition einer Gehirnerschütterung reicht bis in die 1950er-Jahr zurück. Die Commotio Cerebri wird als ein «leichtes Schädel-Hirn-Trauma» beschrieben, «bei dem es zu keiner offensichtlich nachweisbaren Gehirnverletzung» kommt.

Doch ist die Aussage mittlerweile umstritten, denn inzwischen ist nachgewiesen, dass die Gewalteinwirkung auf den Kopf sehr wohl Folgen hat. Sie kann in einzelnen Nervenzellen die Signalübertragung stören. Manche Zellen sterben sogar ab. Die Verletzungen führen zu einem vorübergehend veränderten Stoffwechsel im Hirn. Das Problem: Diese Mikroverletzungen sind mit den üblichen bildgebenden Verfahren nicht nachweisbar.

Die Diagnose bleibt damit Ermessenssache des Arztes. Er kann so weder eine massgeschneiderte Therapie verordnen noch Prognosen zum Heilungsverlauf oder zu erwartenden Folgestörungen abgeben. Kurzum: Wann das Gehirn wieder das alte ist, lässt sich bislang mit den herkömmlichen Methoden nicht sagen.

Typische Merkmale, die bislang zur Diagnose «Gehirnerschütterung» führten:

  • Übelkeit oder Erbrechen
  • Kurze Gedächtnisstörungen
  • Bewusstlosigkeit über einige Minuten hinweg
  • Kopfschmerzen

Den Hirnschäden auf der Spur

Zürcher Forscher um den Neuropsychologen Jürgen Hänggi testen zur Zeit eine Methode, um Veränderungen der Nervenfasern nachzuweisen.

Mit einer speziellen Kernspin-Technik inklusive spezieller Software lässt sich erkennen, ob ein Unfall tatsächlich Strukturen auf der Zellebene verändert hat. Das wiederum lässt eine Abschätzung der Schwere der Verletzung zu und ermöglicht eine Prognose hinsichtlich der Heilungsdauer oder zu erwartender Einschränkungen.

Denn ein grosser Teil der Patienten leidet in den ersten Wochen nach einem leichten Schädeltrauma am «Postconcussion-Syndrom» – manchmal aber auch deutlich länger. Typisch sind beispielsweise:

  • Kopfschmerzen
  • Konzentrationsstörungen
  • Schlaflosigkeit
  • Schwindel
  • Reizbarkeit
  • Leichte Ermüdbarkeit
  • Geringe Frustrationstoleranz
  • Lichtempfindlichkeit
  • Unscharfes Sehen

10 bis 15 Prozent haben sogar ein Jahr nach dem Vorfall noch Beschwerden. Man spricht dann von einem «Persistierenden Post-Commotions-Syndrom» (PPCS).

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Gefahr trotz Helmen

2:50 min, aus Tagesschau vom 5.1.2014

Bis sich die Strukturen und der Stoffwechsel im Gehirn wieder normalisiert haben, ist das Denkorgan besonders sensibel. Kommt es in dieser Zeit zu einem erneuten Unfall, droht das «Second Impact Syndrome» mit deutlich schwereren Folgen.

Keine Medizin gegen Gehirnerschütterung

Die «Pille gegen die Gehirnerschütterung» gibt es nicht – bloss Handlungsempfehlungen, wie sich zu schonen und einen Gang zurückzuschalten, wenn man merkt, schneller als üblich an seine Grenzen zu stossen. Pausen und viel Schlaf sind wichtig. Nach und nach kann man dann auch wieder stärker belasten und schliesslich sogar mit Sport beginnen.

Gegen die schlimmsten Kopfschmerzen helfen Schmerzmittel. Aspirin ist nach einer Gehirnerschütterung jedoch nicht das Medikament der Wahl. Sollte es im Gehirn nachträglich zu Blutungen kommen, verschärfen die blutverdünnenden Eigenschaften des Medikaments das Problem zusätzlich.

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