Nach dem Knall wackelt das Knie

Alle 90 Minuten reisst in der Schweiz ein Kreuzband. Bis vor 15 Jahren waren sich Ärzte einig: Ein Kreuzbandriss gehört rasch unters Messer. Seither findet ein Umdenken statt.

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Kreuzbandriss operieren oder nicht?

15 min, aus Puls vom 21.9.2015

Für die Stabilität im Knie sind – gemeinsam mit Innen- und Aussenband sowie den Menisken – das vordere und das hintere Kreuzband verantwortlich. Dabei übernimmt das vordere Kreuzband die Hauptaufgabe der Stabilisation.

Reisst dieses nach einem Unfall, berichten Betroffene oft von einem lauten Knall – ab dann wackelt das Knie. Meist schwillt es danach an, schmerzt bei jedem Schritt und ist instabil. Die Folge: Sportpause von sechs Monaten bis zu einem Jahr.

Anders als etwa bei einer Verletzung des Innenbandes heilt ein vorderer Kreuzbandriss nicht von alleine aus. Bis vor 15 Jahren wurden in der Schweiz deshalb 80 Prozent der Kreuzbandrisse operiert – mit dem Ziel, das Knie wieder zu stabilisieren. Dabei ersetzt der Arzt das gerissene vordere Kreuzband mit einer körpereigenen oder künstlichen Sehne.

Pausieren statt sofort operieren

Seit einigen Jahren hat jedoch bei den Ärzten ein Umdenken stattgefunden. Es hat sich gezeigt, dass konservativ Behandelte zwei Jahre nach dem Unfall nicht stärker beeinträchtigt waren als rasch Operierte. Zudem haben Patienten mit operierten Knien nach zehn Jahren etwa gleich häufig Entzündungen oder Arthritis wie Nichtoperierte. Diese Erkenntnisse zeigten ihre Wirkung: In der Schweiz werden nur noch etwas mehr als die Hälfte der Kreuzbandrisse operiert – und man wartet mit einer Operation mindestens vier bis sechs Wochen ab und schaut, wie sich das Knie entwickelt.

Spitzensportler und junge Sportler haben jedoch eigentlich keine Alternative zur Operation. Gerade bei Ballsportarten wie auch dem Skisport ist ein stabiles Knie von zentraler Bedeutung. Ohne Stabilität schert das Knie aus. Weitere Verletzungen im Kniegelenk sind die Folge.

Abwägen und entscheiden

Massgeblich für den Entscheid pro oder contra Operation sind also Alter, Sportlichkeit und die Begleitverletzungen des Kreuzbandrisses. Wenn das Kniegelenk mehrfach geschädigt ist, also nebst einem Kreuzbandriss auch der Meniskus und das Seitenband betroffen sind, wird eher operiert. Alter und Sportlichkeit werden miteinander betrachtet: Ein junger Betroffener, der weiterhin alle Sportarten betreiben möchte und sich zudem noch den Meniskus verletzt hat, wird er eher operiert als der ältere Leidensgenosse, der nicht mehr zwingend Fussball spielen will. Somit hängt der Entscheid für oder gegen eine Operation meist von der Frage ab, wie stark man sein sportliches Leben einschränken will – oder eben nicht.

Verhindern kann man einen Kreuzbandriss nicht, ist er doch die Folge eines Unfalls, sei es eines Sturzes oder eines Umknickens bei der Landung nach einem Sprung. Dennoch schützt eine gute Beinmuskulatur das Kniegelenk. Deshalb sind Aufwärmübungen vor dem Sport wichtig. Gezielte Kraftübungen für die Beine unterstützen die Stabilität des Knies. Zudem sind eine Sprung- und Landeschulung hilfreich, um die Koordinationsfähigkeit zu verbessern und so das Verletzungsrisiko zu vermindern.

Frauen vs. Männer

Frauen reissen sich das vordere Kreuzband öfter als Männer. Besonders anfällig sind die Frauenknie bei Stopps, Drehungen und Landungen mit gestrecktem Knie sowie bei Stürzen nach hinten mit gebeugtem Kniegelenk. Die Ursache sind anatomische Unterschiede zwischen dem weiblichen und männlichen Knie: Kreuzbänder von Frauen sind schmaler und können Belastungen so schlechter absorbieren – und reissen deswegen schneller.

Kreuzbandriss-Symptome

  • Riss des Kreuzbandes als Knall hörbar
  • Starke Schmerzen im Knie, die zwar abklingen, aber bei Belastung wieder auftreten
  • Knie ist weniger beweglich, maximale Dehnung und Streckung ist wegen der Schwellung nicht möglich
  • Blut im Kniegelenk wegen Verletzung kleiner Blutgefässe
  • Instabilitätsgefühl im Knie, spürbar beim Treppensteigen oder Bergabgehen

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