Neue Brustkrebs-App in der Kritik

Eine neue, von drei Zürcher Frauenärztinnen lancierte App erklärt Schritt für Schritt, wie Frauen die eigene Brust auf Krebs untersuchen sollen. Dabei zeigen wissenschaftliche Studien: Regelmässiges Selbstabtasten schadet womöglich mehr als es nützt.

Die neue App «Brust-Selbstcheck» ist didaktisch gut, graphisch ansprechend und gratis. Am Bildschirm erklären die Frauenärztinnen Brida von Castelberg und Stephanie von Orelli kurz und verständlich die Anatomie der Brust und die korrekte Untersuchung vor dem Spiegel und in der Dusche, um einen allfälligen Knoten selbst zu entdecken.

Mit der App sollen Frauen die Brustkrebs-Früherkennung sprichwörtlich selbst in die Hand nehmen. Es gehe darum, ihnen die Angst zu nehmen, sagt Brida von Castelberg, ehemalige Chefärztin der Frauenklinik am Zürcher Triemlispital.

«  Die meisten Frauen kennen ihre Brust nicht. Sie untersuchen sie nicht – und wenn sie sie untersuchen, untersuchen sie sie falsch. »

Brida von Castelberg

Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs und noch mehr fürchten sich davor: «Ich habe meine Patientinnen meistens gefragt, ob sie ihre Brust untersuchen würden», sagt von Castelberg. «Häufig antworteten sie nein. Sie würden es nicht tun, aus Angst, etwas zu entdecken. Das ist eine paradoxe Reaktion.» Die Folge davon sei: «Die meisten Frauen kennen ihre Brust nicht. Sie untersuchen sie nicht – und wenn sie sie untersuchen, untersuchen sie sie falsch.»

Doch was bringt das regelmässige Selbstabtasten überhaupt? Zwar entdecken tatsächlich viele Frauen, die Brustkrebs haben, einen Knoten oder eine Hautveränderung selbst, doch das geschieht meist zufällig beim Duschen oder Eincremen. Die Veränderungen sind offensichtlich und nicht zu übersehen.

Systematisches Abtasten umstritten

Das systematische Abtasten der Brust auf Veränderungen hingegen, wie es die App lehrt, ist umstritten. Fachgesellschaften empfehlen das systematische Abtasten explizit nicht.

«Ich bin sehr überrascht, dass es in der Schweiz Ärztinnen gibt, die das Selbstabtasten empfehlen», sagt der bekannte Kritiker der Brustkrebs-Früherkennung Peter Gøtzsche. Der streitbare Mediziner arbeitet für die Cochrane Collaboration, eine unabhängige Organisation, die medizinische Massnahmen auf ihren Nutzen prüft.

Peter Gøtzsche fand zwei Studien, die mit Hundertausenden von Frauen in China und Russland durchgeführt worden waren. Das Resultat: Frauen profitieren nicht vom Selbst-Abtasten – das Risiko an Brustkrebs zu sterben wird so nicht gesenkt.

Im Gegenteil: den Frauen droht sogar ein Schaden: Denn häufig ertasten sie harmlose Knoten und müssen dann eine Biopsie über sich ergehen lassen, also die Entnahme von Brustgewebe zur genaueren Untersuchung. «Dadurch sind viele Frauen unnötigerweise der Angst ausgesetzt, Brustkrebs zu haben», sagt Gøtzsche. Für ihn ist die Situation beim Selbstabtasten vergleichbar mit jener beim Mammographie-Screening, also beim regelmässigen Brüsteröntgen: Wenig bis kein Nutzen bei gleichzeitigem Schaden.

«  Ich bin sehr überrascht, dass es in der Schweiz Ärztinnen gibt, die das Selbstabtasten empfehlen. »

Peter Gøtzsche

Damit nicht einverstanden ist Brida von Castelberg: «Wir sind der Meinung, dass wenn man die Brust kennt und die Scheu davor verliert, das auch selber machen soll.» Und auch wenn nicht bewiesen sei, dass das regelmässige Selbstabtasten einen Brustkrebs-Tod abwende, sei ein Vorteil gewiss: Je früher Krebs entdeckt werde, desto schonender könne operiert werden.

Zwar bestreitet Kritiker Peter Gøtzsche auch dies. Doch immerhin sind sich beide Seiten in einem Punkt einig: Entdeckt eine Frau zufällig eine Veränderung an einer Brust – sei es ein Knoten, eine Veränderung der Haut oder an der Brustwarze – soll sie ihre Frauenärztin aufsuchen. Die Behandlungsmöglichkeiten heute sind gut und die meisten Frauen überleben den Krebs.