Schweizer Spitäler spüren den Angelina-Jolie-Effekt

Angelina Jolie hat sich beide Brüste entfernen lassen, um nicht wie ihre Mutter an Brustkrebs zu erkranken. Seitdem lassen sich auch in der Schweiz mehr Frauen über diese vorsorgliche Brustamputation beraten.

Video «Brustkrebs - Der Angelina-Jolie-Effekt» abspielen

Brustkrebs - Der Angelina-Jolie-Effekt

5:47 min, aus Puls vom 1.6.2015

BRCA1: Das Kürzel dürfte Angelina Jolie durch Mark und Bein gefahren sein. Es bezeichnet den Gendefekt, den sie in sich trägt – vererbt durch ihre Mutter, die mit 56 nach fast einem Jahrzehnt ihrem Tumorleiden erlag.

Im Schnitt liegt für Frauen, die diese Genmutation in sich tragen, das Risiko zu erkranken bei 65 Prozent. In ihrem Fall jedoch, schrieb Angelina Jolie in einem offenen Brief in der «New York Times», hätten die Ärzte ein Risiko von 87 Prozent für Brustkrebs und 50 Prozent für Eierstockkrebs errechnet. Grund genug, sich zu einer vorsorglichen Brustentfernung und einer späteren Entfernung der Eierstöcke zu entschliessen. «Die Entscheidung für eine Mastektomie war nicht einfach. Aber ich bin sehr glücklich mit ihr. Mein Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, ist auf unter fünf Prozent gesunken», schreibt Jolie. «Ich kann meinen Kindern jetzt sagen, dass sie keine Angst haben müssen, mich an den Brustkrebs zu verlieren.» Nur kleine Narben würden noch an den Eingriff erinnern. Sie selbst empfinde sich in keiner Weise weniger weiblicher als zuvor.

Das Thema schlug grenzüberschreitende Wellen: Seit dem Outing von Angelina Jolie 2013 hat sich die Zahl der Brustkrebsberatungen am Inselspital auf 250 pro Jahr verdoppelt. In 60 bis 70 Fällen wird zu einem Gentest geraten. Fällt er positiv aus, muss die Frau wie Angelina Jolie selber entscheiden, ob sie die Brüste amputieren oder sich lieber regelmässig untersuchen lassen will. Für letzteren Weg entscheiden sich immerhin 80 Prozent der Betroffenen. Denn die Mastektomie ist ein grosser, aber oft auch sehr sinnvoler Eingriff, erklärt Brustkrebs-Experte Dr. Nik Hauser .

SRF: Bei Angelina Jolie wurde eine vererbbare Genmutation nachgewiesen, die das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs erhöht. Gibt es viele solcher Mutationen?

Dr. Nik Hauser: Es gibt wahrscheinlich ganz viele - gut kennen wir aber zwei, BRCA 1 und 2. In einem solchen Fall wissen wir: Wenn jemand so eine Mutation hat, ist das Brustkrebs- und Eierstockkrebsrisiko deutlich erhöht. Insgesamt lösen diese Mutationen aber nur fünf bis zehn Prozent aller Brustkrebserkrankungen aus. Die anderen Krebserkrankungen entstehen spontan – da sind natürlich auch Mutationen beteiligt, die sind aber wahrscheinlich nicht genetisch bedingt und damit nicht vererbbar.

Wie ermitteln Sie solche Risikopatienten?

Von Genetikern entwickelte Computerprogramme ermitteln anhand des Stammbaums der Patienten die sogenannte Gen-Mutations-Nachweis-Wahrscheinlichkeit – also ob es wahrscheinlich ist, dass eine entsprechende Genmutation vorliegen könnte. Dabei fallen neben dem Stammbaum auch die Zahl der an Krebs erkrankten Familienangehörigen, deren Erkrankungsalter, der Verwandtschaftsgrad und sogar die ethnische Zugehörigkeit mit ins Gewicht. Wenn der ermittelte Wert über zehn Prozent liegt, dann empfiehlt es sich, eine Beratung über einen Test zu machen.

Was fangen Ihre Patientinnen dann mit solchen Ergebnissen an?

Ganz wichtig ist mir die Beratung der Patientin vorher. Denn wenn sie z. B. Schwestern oder Brüder hat, können diese bei einem BRCA-Nachweis bei der Patientin ebenfalls ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko tragen. Man muss sich also vorher überlegen: Was wird meine Familie damit anfangen, falls das Ergebnis positiv oder negativ ausfällt? Viele Frauen entscheiden sich deswegen nach einer Beratung gegen einen Test.

Was geschieht, wenn sie sich dafür entscheiden?

Man testet immer die jüngste erkrankte noch lebende Person der Familie. Erst wenn man bei ihr eine Mutation findet, geht man weiter und kann auch andere Familienangehörige testen. Zum Beispiel: Gibt es eine 35jährige Frau und deren ältere Schwester, die schon vor ein paar Jahren erkrankt ist, macht es mehr Sinn, die in jüngerem Alter erkrankte Frau zu testen.

Wird tatsächlich eine entsprechende Genmutation nachgewiesen, stehen dann ja sehr schwerwiegende Entscheidungen an.

Ja – es gibt dann verschiedene Szenarien: Das radikalste Szenario ist das von Angelina Jolie Gewählte, nämlich, sich beide Brüste abnehmen zu lassen und sich auch zu überlegen, ob man auch die Eierstöcke zusätzlich entfernen lässt. Dazu entscheiden sich Frauen immer häufiger. Unter den Frauen mit bekannter Genmutation sind es etwa zehn Prozent. Das liegt sicher auch daran, dass wir heute bessere Möglichkeiten zur Rekonstruktion mit Silikon oder Eigengewebe haben. Die zweite Möglichkeit ist eine intensive Vorsorge inklusive jährlicher MRI-Untersuchung. Hier ist die Idee, eine mögliche Erkrankung früh zu erkennen und zu behandeln.

Welcher Form der Brustrekonstruktion geben Sie den Vorzug?

Das ist individuell – mit Silikonimplantaten ist der Eingriff deutlich kleiner und er geht schneller, das kosmetische Langzeitergebnis ist aber meist schlechter. Wird die Brust mit eigenem Gewebe aufgebaut, handelt es dabei um körpereigenes Material, das dem eigenen Brustgewebe wesentlich ähnlicher ist. Das Langzeitergebnis ist damit deutlich besser. Der Nachteil sind sicher die Narben, die an der Entnahmestelle des Eigengewebes entstehen.

Ist mit einer Entfernung von Brust und Eierstöcken dann die Gefahr für immer aus der Welt?

Leider nein – die Medizin kennt keine Null, das Risiko verschwindet nie ganz. Grund ist der kleine Anteil an Restdrüsengewebe, das man nicht vollständig entfernen kann. Das gleiche gilt für die Eierstöcke. Zu deren Entfernung entscheiden sich übrigens mehr Frauen als zu einer Entfernung der Brüste. Denn ohne Eierstöcke reduziert sich über die Hormonschiene auch ein Stück das Brustkrebsrisiko.

Dr. Nik Hauser ist leitender Gynäkologe am Interdisziplinären Brustzentrum des Kantonsspitals Baden.

Sendung zu diesem Artikel