Umstrittene Tests auf Nahrungsmittel-Intoleranzen

Bei undefinierbaren Verdauungsbeschwerden versprechen sogenannte IgG-Bluttests Abhilfe. Die Menge an Antikörper G im Blut soll Aufschluss darüber geben, auf welche Nahrungsmittel Intoleranz besteht. Allergologen widersprechen heftig.

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Nahrungsmittelunverträglichkeit – Bluttests in der Kritik

6:14 min, aus Puls vom 22.2.2016

Wer unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten leidet, sucht Antworten. Woher kommen die Beschwerden? Was verspricht Besserung? Essen führt zu Bauchweh und Blähungen. Manche Betroffene führen Kopfweh und Müdigkeit auf falsches Essen zurück. Doch oft kann die Schulmedizin in solchen Fällen keine Klarheit verschaffen. Denn oft liegen weder klassischen Allergien vor noch nachweisbare Magen-Darm Krankheiten.

IgG-Immuntests versprechen hier eine scheinbar klare Antwort. Ein Bluttest, in dem Antikörper des Typs G gemessen werden, soll in Tabellenform Aufschluss geben über Intoleranzen auf einzelne Nahrungsmittel. Die Tests sind im Internet erhältlich, oder in Drogerien; oft bieten sie auch Therapeuten oder Ärzte an. Vollständige Analysen sind nicht billig und werden von den Krankenkassen nicht bezahlt.

IgG bildet nur den Speisezettel ab

Seit Jahren schon warnen Allergologie-Gesellschaften in der Schweiz oder im Ausland vor der gegen Null tendierenden Aussagekraft solcher Tests. «Wenn der Körper IgG oder Immunglobulin G gegen eine Nahrungsmittel-Komponente bildet, heisst das einzig, dass er bestimmte Nahrungsmittel schon einmal gesehen hat. Mit Allergie hat das überhaupt nichts zu tun», erklärt denn auch Thomas Kündig, Immunologe am Universitätsspital Zürich. «Allergien sind bedingt durch Immunkörper des Typs E, das ist eine völlig andere Antikörper-Klasse als IgG».

Allergie oder Intoleranz?

Nahrungsmittel-Allergie
Überschiessende Abwehrreaktion des Körpers gegenüber an sich harmlosen pflanzlichen oder tierischen Eiweissen. Geraten die Antikörper mit dem Allergen in Kontakt, wird umgehend eine typische allergische Reaktion ausgelöst. Oft genügen dafür schon kleinste Mengen des entsprechenden Nahrungsmittels.
Nahrungsmittel-Unverträglichkeit(Nahrungsmittel-Intoleranz) Der Organismus hat die Fähigkeit teilweise oder ganz verloren, einen bestimmten Stoff zu verdauen – oder diese Fähigkeit gar nie besessen hat. Der Körper bildet also keine Antikörper, sondern reagiert mit Beschwerden auf ein Nahrungsmittel. Geringe Mengen können jedoch häufig weiterhin ohne Beschwerden konsumiert werden.

Keine Studie habe bisher glaubhaft bewiesen, dass ein Zusammenhang zwischen IgG und Nahrungsmittelunverträglichkeit bestehe. Zudem bilde jeder Mensch unterschiedliche IgG-Mengen auf ein und denselben Stoff, ohne dass jemand mit höheren Werten automatisch grössere Probleme mit einer Substanz habe.

«Ausdruck von Kausalitätsbedürfnis»

Trotz wiederholten Aufrufen der Allergologen, das Geld für solche Tests zu sparen, boomen die Immun-Kits weiter. «Ich erkläre mir das mit dem sogenannten Kausalitätsbedürfnis», meint Immunologe Thomas Kündig. «Das treibt Menschen in die Alternativmedizin, zu der ich solche Tests zähle».

Wer Beschwerden habe, suche dafür eine klar benennbare Ursache oder noch besser klar messbare Ergebnisse.

Tests liefern Anhaltspunkte

Rolf Dünnenberger, Hausarzt in Liestal, benutzt die Immuntests in seiner Praxis trotzdem für Patienten, bei denen sonst keine Strategie zur Beschwerden-Linderung führt. «Mir helfen die Tests, herauszufinden, von welchen Nahrungsmitteln ein Patient zuviel isst. Denn unausgewogene Ernährung ist oft die Ursache für die Beschwerden.»

Gemäss Dünnenberger führe diese Anwendung des Tests samt anschliessender Ernährungsberatung in vielen Fällen zu einer Verbesserung des Gesundheitszustands: «Ich gebe den Allergologen recht, dass der Test keine Allergie nachweist. Aber er ist eine gute Basis, um Ernährungsempfehlungen mit dem Patienten aufzustellen.»

Allerdings beruht auch die Annahme, dass der IgG-Test jene Nahrungsmittel anzeigt, von denen man zuviel isst, auf Erfahrung und nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. «Die Schulmedizin hat bei bei Magen-Darm-Beschwerden zu wenig zu bieten, deshalb sind alternative Diagnose-Möglichkeiten wichtig», ist Dünnenberger überzeugt.

Weglass-Strategie als Alternative

Wer kein Geld für Tests ausgeben will, kann auch einfach versuchen, die eigenen Essgewohnheiten unter die Lupe zu nehmen und auszuprobieren, welche Nahrungsmittel Beschwerden verursachen. Schrittweises Weglassen und Hinzufügen kann oft helfen, Problemquellen zu orten.

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