Auch glückliche Paare streiten – aber anders

Konflikte gibt es in jeder Beziehung. Streiten muss nicht dramatisch sein, wenn er konstruktiv ist und zu einer guten Lösung für beide führt. Das kann man lernen.

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Streiten - aber richtig

16 min, aus Puls vom 30.6.2014

95 Prozent aller Paare starten glücklich in eine Ehe oder einen partnerschaftlichen Bund. Dass eine Beziehung von einem Tag auf den anderen zum Scherbenhaufen wird, ist eine Ausnahme. Meistens erodiert die Beziehung zwischen zwei Menschen im Laufe der Zeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dann auch tatsächlich zu einer Trennung kommt, ist heutzutage hoch: Etwa die Hälfte aller Ehen werden geschieden. Wie oft «zu viel Streit» ein Scheidungsgrund ist, ist nicht bekannt. Paare, die Konflikte positiv bewältigen, haben allerdings eine bessere Chance, zusammen zu bleiben.

Gut streiten kann man lernen

Partnerschaftskonflikte sind nicht per se negativ. Sie gehören zum Alltag eines Paares. Wenn sich zwei Menschen entschliessen, zusammen zu leben, dann geht das nicht ohne Spannungen. Unterschiedliche Bedürfnisse, Ziele, Wünsche und Einstellungen prallen immer wieder aufeinander und müssen auf einen Nenner gebracht werden. Ob ein Paar glücklich ist oder nicht, hängt also nicht davon ab, ob es streitet.

Vielmehr kommt es darauf an, wie gestritten wird. Wenn ein Konflikt konstruktiv verläuft, wird er keinen negativen Einfluss auf das Paarleben haben. Wenn die Partner allerdings destruktiv miteinander umgehen und das negative Gefühl die Partnerschaft überwiegt, dann sollte ein Paar handeln.

Alle streiten über dieselben Dinge

Die Ursachen für Streitigkeiten bei Paaren sind bei allen in etwa dieselben, bei «zufriedenen Paaren» wie «unzufriedenen Paaren». Typische Konfliktinhalte sind:

  • Eifersucht
  • Finanzen (Wer zahlt in der Beziehung wie viel?)
  • Kindererziehung (Meinungsdifferenzen bezüglich Strenge, Disziplin, Konsistenz zwischen Eltern)
  • Freizeitgestaltung (Was macht man in der Freizeit? Wohin in den Urlaub?)
  • Haushalt und Sauberkeit (Wer übernimmt vom Haushalt wie viel?)
  • Herkunftsfamilie (Schwiegereltern, die sich in die Beziehung einmischen)
  • Kommunikationsprobleme (Missverständnisse bei Abmachungen, falsche Deutungen, unklares Kommunizieren)
  • schlechte Angewohnheiten

Negatives Kommunikationsverhalten vermeiden

Ob ein Konflikt konstruktiv oder negativ verläuft, hängt von den beteiligten Partnern und ihrem Kommunikationsverhalten ab. Genauso wie es «gutes Streiten» gibt, gibt es auch «schlechtes Streiten».

Folgende Kommunikationsformen sind problematisch und haben einen negativen Einfluss auf die Konfliktbewältigung:

Negatives Kommunikationsverhalten

Nicht-Übereinstimmung

Man
widerspricht dem Partner, argumentiert aus der eigenen Sicht und lehnt den
Vorschlag des Partners ab.



Kritik und Vorwürfe



Ein
Partner kritisiert ein bestimmtes Verhalten, eine andere Meinung oder einen
Vorschlag des anderen und zeigt auf seine Schwächen.



Verallgemeinernde Kritik



Vorwürfe,
Verallgemeinerungen, Pauschalisierungen, Persönlichkeitszuschreibungen und
Du-Botschaften an den Partner helfen nicht, einen Konflikt positiv zu
beeinflussen. Sätze wie «Immer bist
Du müde, nie kann ich auf Dich
zählen», «gemeinsam unternehmen wir gar
nichts mehr» sollten unbedingt vermieden werden.

Defensive
Kommunikation gepaart mit entsprechender Intonation


Rechtfertigungen,
die Abwehr von Kritik, das Verteidigen der eigenen Person, ohne dabei auf die
Argumente des Partners einzugehen oder sogar Gegenvorwürfe zu formulieren,
fördert nicht die Begegnung miteinander.

Formulierungen
wie «Ja natürlich hätte ich Dich anrufen können, um Dir zu sagen, dass ich zu
spät komme. Doch unter Stress vergisst man das halt. Kann doch jedem passieren
oder?» sind problematisch und sollten unterlassen werden.

Dominante
Kommunikation


Man
beharrt einfach auf seinem Standpunkt, wird auch laut, fordernd, man lässt den
anderen nicht ausreden, wird schulmeisterlich, walzt den anderen und seine
Meinung einfach nieder.

Verächtliche
Kommunikation mit entsprechendem Tonfall


Abwertende
und verächtliche Aussagen über den Partner, lächerlich und klein machendes
Verhalten wie zum Beispiel Augen verdrehen oder verächtliches Stöhnen verschlimmert
die Situation. Aussagen wie «Aber natürlich, dem Herr ist wieder mal alles zu
viel! Monsieur braucht Schonung, damit er sich ja nicht überanstrengt» sind
tabu.

Provokative
Kommunikation


Unbeantwortbare
Fragen stellen, Wissen vom Partner ausspielen und zynisches Verhalten sind
absolut unangebracht. Aussagen wie «Also verstehe ich Dich richtig? Wir müssen
jede Minuten unseres Lebens zusammen sein und Händchen halten? Ist es das, was
Du von mir verlangst?» bringen ein Paar nicht weiter.

Rückzug

In
der Situation wegblicken, sich abwenden, etwas anderes tun, aufstehen und
gehen.

Verbale
Gewalt


Dem
Partner drohen und ihn terrorisieren.

Körperliche
Gewalt


Den
Partner angreifen, schlagen, beissen, schubsen, Dinge nach ihm werfen, mit
Waffen bedrohen.

Konstruktive Kommunikation ist Übungssache

Neutrale und wohlwollende Gefühle gegenüber dem Partner, Kooperationsbereitschaft, die Suche nach konstruktiven Lösungen und eine positive Kommunikation helfen beim Finden von Lösungen, die beiden Partnern recht sind, ohne dabei einen negativen Streit zu erleben.

Auch wenn es einem vielleicht am Anfang etwas gestelzt daherkommt: Es gibt Kommunikationsformen, die tatsächlich helfen, einen Konflikt positiv zu gestalten:

Konstruktive Kommunikation

Zuhören,
sich für den anderen interessieren


Das
Wichtigste bei einem Streit ist das Zuhören, sich für die Position des anderen
zu interessieren. Wer schreit oder sich abwendet, will die Sicht des anderen
gar nicht mehr hören. Eine Lösung wird sich nicht finden. Wenn sich beide
öffnen, interessiert dem anderen zuhören, sich in den anderen versetzen und
sich gegenseitig Fragen stellen, kann eine Lösung gefunden werden.

Emotionale
Selbstöffnung


Wer
Türen verschliesst, lässt den anderen aussen vor. Beide Partner müssen sich dem
anderen öffnen, Relevantes erzählen und auch bei Konflikten bei sich und seinen
Gefühlen und Bedürfnissen bleiben.

Auf
nonverbale Botschaften achten


Mimik,
Tonfall, Körperhaltung – all das sind Botschaften, die beim Partner ankommen.
Beide Partner sollten darum auf ihre nonverbalen Botschaften achten. Sich
abwenden, mit den Augen rollen oder verächtlich stöhnen helfen beim Streiten
nicht.

Beide
müssen eine Lösung suchen


Nur
wenn beide Partner versuchen, konstruktiv nach einer fairen Lösung zu suchen,
die für beide stimmig und tragfähig ist, findet sich diese Lösung auch. Meist
fordert dies einen Kompromiss von beiden Seiten.

Beide
suchen die Versöhnung


Falls
es bei einem Konflikt zu einer Entgleisung kommt, sollten beide Partner
versuchen, nachträglich an einer Versöhnung beizutragen. Dazu gehört zum Beispiel
sich ehrlich zu entschuldigen oder dem anderen mit Humor, Akzeptanz,
Verständnis und Kompromissen wieder positiv zu begegnen.

Nettigkeiten
im Alltag (kleine Gesten, Kommentare und Zeichen der Wertschätzung und Liebe)
helfen zudem, die Beziehung nach einem negativen Streit wieder ins Lot zu
bringen.

Beziehungen konfliktbeständiger machen

Eine Beziehung ist wie eine Pflanze: Sie muss stetig gepflegt werden. Wer sich um seine Beziehung kümmert, stärkt sie und macht sie beständiger gegen Konflikte. Folgende Elemente stärken eine Beziehung:

  • Gemeinsame Zeit ist wichtig: Gemeinsam Zeit zu verbringen ist die Grundlage für gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen, die persönliche Begegnung, die gegenseitige Unterstützung, eine verbindende Sexualität und das Entwickeln eines Wir-Gefühls. Verliert ein Paar das «Wir-Gefühl», können auch Konflikte weniger positiv angegangen werden.
  • Selbstöffnung ist für eine Partnerschaft sehr wichtig: Gegenseitiges emotionales Updating ist äusserst wichtig für eine intime Beziehung. Je mehr sich Partner wechselseitig positive Erfahrungen mitteilen, sich zu Mitwissern machen über das, was dem anderen wichtig ist, desto mehr baut sich eine intime Beziehung auf, die Konflikte besser tragen kann. Auch werden sich beide Partner einer Beziehung im Laufe der Zeit weiter entwickeln. Bei einem regelmässigen, wechselseitigen Update bekommt der Partner die Entwicklung mit und entfremdet sich nicht. Sich nahe sein trotz Veränderungen erreicht man nur durch stetige Kommunikation. Unter Stress kommt das emotionale Updaten häufig zu kurz.
  • Im Alltag häufig Positives zeigen: Kleine Dinge zeigen eine grosse Wirkung: Loben, zuhören, Komplimente machen, Zärtlichkeiten austauschen, Wertschätzung und Achtung, Interesse für Belange des anderen zeigen, auch kleine Gesten und Zeichen der Liebe platzieren sind gerade bei Langzeitpartnerschaften sehr wichtig.
  • Ausgewogenheit: Ein Paar sollte immer auf gleiches Geben und Nehmen achten. Fairness, Wechselseitigkeit und Ausgewogenheit zwischen zwei Partnern sind wichtig. Einer allein kann eine Partnerschaft nicht tragen.
  • Stressbewältigung: Chronischer Alltagsstress ist ein schleichender, erodierender Prozess – genau wie bei einem Auto: Ein solches kann von aussen wunderschön aussehen, wenn man dann aber genau hinblickt, entdeckt man, dass es unten rostet. Dieser langsame Zerfall ist bei den meisten Paaren ein Problem. Paare mit viel Stress fördern zudem den Rost. Paarexterner Stress führt zudem zu höherer Konfliktbereitschaft in der Partnerschaft. Stress verschlechtert nachweislich die Kommunikation in der Partnerschaft um 40 Prozent. Wenn sich die Partner gegenseitig beim Stressabbau helfen, geht es auch der Beziehung besser. Wenn einer der Partner Stress hat, dann sollte er das unbedingt dem anderen mitteilen. Die eigene Stressäusserung und das Eingehen des Partners auf die Stresssignale des anderen reduzieren die Belastung. Dieses sogenannte «dyadische Coping» baut nicht nur Stress ab, es fördert auch das Wir-Gefühl und die Verbundenheit mit dem Partner.
  • Vermeiden von Monotomie und Langeweile: Schönheit, Status, Prestige, Intelligenz, Sex Appeal sind zwar sehr förderlich bei der Partnerwahl, garantieren aber keinesfalls eine glückliche Beziehung. Die schöne Partnerin hat irgendwann auch mal einen Pickel, der Sex Appeal des Partners geht im Alltag unter und an das schicke Auto ist irgendwann ein üblicher Gebrauchsgegenstand. Was ursprünglich mal attraktiv war, verliert mit der Zeit an Spannung. Wichtig ist, andere Elemente in einer Beziehung zu finden und anzuwenden, die der Monotonie und Langeweile, die sich zwangsläufig mit der Zeit in eine Beziehung einschleichen, entgegenwirken.

Paartherapien

Es gibt keine Definitionen für «normal» und »richtig« in «guten» Beziehungen. Man kann nur herausfinden, worauf sich zwei in einer Beziehung einigen können. Schuld platzieren, Probleme verstehen oder deren Ursache definieren, PartnerInnen nach Wünschen und Vorstellungen verändern – das alles geht nicht. Es gibt nur die Suche nach einer Lösung, die für beide attraktiv ist. Wenn es so viel Streit gibt, dass die Stimmung in der Beziehung grundsätzlich leidet, dann sollte man genauer hinsehen und sich helfen lassen.

Die Hälfte aller Paartherapien ist erfolgreich. Viele Paare such sich allerdings zu spät Hilfe – erst dann, wenn die Beziehungsprobleme schon ausgeprägt sind. Nebst frühzeitigem Gang zur Therapie setzt man darum auch auf die Prävention. Ziel ist dabei nicht Konflikte zu verhindern, weil sie einen wichtigen Bestandteil des Zusammenlebens sind. Sondern die Partner sollen ihre Fähigkeiten steigern, die helfen, mit künftigen Unstimmigkeiten besser umzugehen. Eine Vielzahl von Studien belegen, dass solche Kompetenzen mit der Beziehungsqualität einhergehen. Mit Kompetenzen sind gemeint: Kommunikation, Problemlösung, dyadisches Coping.

In der Regel werden Präventionsangebote für Paare als Wochenend- oder Abendkurse angeboten oder mit autodidaktischen Material wie zum Beispiel einer DVD. Nebst Theorie, Anschauungsbeispielen und Übungen gibt es auch verhaltenstherapeutische Programme, bei denen die Kompetenzen trainiert werden. Ein Betreuer kümmert sich dabei um maximal zwei Paare gleichzeitig und gibt dem Paar während der Übung direkt Hilfestellung und korrigiert das Verhalten. Die angestrebten Kompetenzen werden intensiv geübt.

Die Effektivität von DVDs zur Übung der Kompetenzen ist noch wenig untersucht. Studien über die Kurse haben jedoch ergeben, dass acht Wochen nach Beginn des Programmes die problematische Kommunikation abgenommen hatte, die wechselseitigen Verletzungen sich reduziert und sich die Symptome von Depression und Angst verringert hatten.

Ganz abgesehen von der Kommunikation in einem Konflikt: Streit in einer Beziehung bedeutet auch, dass die Gestaltung in einem gemeinsamen Lebensbereich noch nicht eingespielt ist. Kreatives Ausprobieren ist gefragt – genauso wie Geduld.

Konfliktverhalten vererbt sich

So wie Eltern mit Konflikten umgehen, so streiten später auch die Kinder in ihrer eigenen Beziehung. Das Streit-Muster kann sich sogar über Generationen halten. Allerdings nehmen Kinder erst Schaden, wenn die Eltern chronisch destruktiv streiten. Eltern, die Konflikte konstruktiv umsetzen können, haben einen positiven Einfluss auf das Streitverhalten der Kinder. Es lohnt sich also auch für die Kinder, wenn sich ein Elternpaar das eigene Konfliktverhalten genauer ansieht.

Quelle: Auszüge aus dem Buch von Bodenmann, G. (2013). Lehrbuch Klinische Paar- und Familienpsychologie. Bern: Huber.

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