Sportsucht – Jenseits der körperlichen Grenzen

Wenn Sport Leben zerstört, die Gesundheit, sogar Beziehungen, dann steckt wahrscheinlich eine Sportsucht dahinter.

Eine Gruppe beim Stepaerobic, verschwommen aufgenommen.

Bildlegende: Sport, Sport, Sport: Das Pensum wird immer extremer. imago

Bei Kathrin F. hat alles vor 15 Jahren angefangen, mit einem Crosstrainer, den sie sich für daheim kaufte. «Ich bin jeden Morgen mindestens eine, eineinhalb Stunden drauf gegangen, über den Mittag ins Fitnessstudio zum Krafttraining, und am Wochenende wurde es ganz extrem: Da war ich bis zu vier Stunden täglich im Studio – zwei Stunden Ausdauer- und ein bis zwei Stunden Krafttraining», berichtet die heute 40-Jährige von ihrem Sportpensum.

Sie stellte alles hinter den Sport zurück – Freunde, Familie, den Partner. Gut fünf Jahre lange verlangte sie ihrem Körper alles ab. Und bekam prompt die Quittung: einen Fersenhalsbruch, ein klarer Erschöpfungsbruch. «Ich wollte auch das am Anfang nicht wahrhaben und habe einfach Schmerzmittel eingenommen und konnte damit einigermassen auf dem Crosstrainer weitertrainieren», beschreibt sie die damalige Situation. Wenn sie sich doch einmal körperlich schonen musste, hiess das: weniger essen. Sie rutschte von der Sportsucht in die Essstörung.

Wenn nur noch der Sport bleibt

Ein solcher Verlauf sei typisch, sagt Sportpsychologe Alexander Liatowitsch. Plötzlich merken die Betroffenen: «Sie stehen ganz alleine da. Sie haben andere Menschen verscheucht und durch Sport ersetzt.»

Aus diesem Teufelskreis wieder herauszufinden, ist sehr schwer. Da ist nicht nur das psychische Verlangen nach immer mehr Verausgabung, sondern auch der Körper hat sich durch die Extrembelastung verändert. Er hat sich an die ständige Ausschüttung von Hormonen durch den Sport gewöhnt und wie ein Junkie vermisst er sie, wenn sie ausbleibt: eine Sucht, wie jede andere Abhängigkeit auch.

Betroffene haben das Gefühl für die eigenen Grenzen, körperlich und seelisch, längst verloren. «Diese Menschen neigen auch sehr stark zu einem gestörten Essverhalten, was für den Sport wiederum sehr gefährlich ist. Sie treiben sehr oft noch Sport, wenn sie dafür eigentlich gar keine Kraft mehr haben. Dann droht der totale Zusammenbruch.»

Probleme ansprechen

Doch schon vor einem Zusammenbruch gibt es deutliche Zeichen für eine Sportsucht. Meist zeigt sich eine schwere Erschöpfung, die den Betroffenen selbst, aber auch Angehörigen auffällt: eine zunehmende Schwäche und Antriebslosigkeit. Fallen einem solche Warnhinweise auf, gilt: Nur keine falsche Scheu, sondern das Problem ansprechen. Die Einsicht ist für Betroffenen jedoch schwer, sich zu ändern nochmal um ein Vielfaches schwieriger. «Diese Menschen haben versucht, den gesamten Selbstwert im Sport zu spüren. Ohne Sport fühlen sie sich fast als Nichts. Die ganze Identität, das Spüren von sich selbst, läuft via Bewegung, via sportlicher Leistung», erklärt Alexander Liatowitsch.

Kathrin F. treibt auch heute noch Sport, aber viel weniger – nicht zuletzt, weil Osteoporose und andere Folgen des Exzess sie heute in ihre Schranken weisen.