Sucht im Alter – Familien in der Krise

Jeder Fünfte über 60 nimmt täglich vier oder mehr Medikamente ein. Ein Teil dieser Tabletten machen süchtig – und werden dann im fortgeschrittenen Alter tatsächlich zum Problem, das das ganze Umfeld betrifft.

Alter schützt nicht vor Sucht – auch nicht, wenn es um Tabletten geht. Bei jedem Dritten gerät die tägliche Tablettenflut nämlich erst nach dem 65. Lebensjahr ausser Kontrolle. Oft geht dem ein einschneidendes Erlebnis voraus: Der Partner stirbt, oder das Pensionsalter beginnt.

Besonders häufig werden dann Beruhigungs- und Schlafmittel geschluckt, gefolgt von Schmerzmitteln. Frauen rutschen doppelt so oft in den Medikamentenmissbrauch wie Männer, bei denen eher der Alkoholkonsum ausufert. Und nicht selten wird beides zum Problem: Der Mischkonsum von Alkohol und Medikamenten sind für über ein Drittel der Frauen und die Hälfte der Männer Alltag. Gerade bei Älteren scheinen nicht nur das Umfeld, sondern auch behandelnde Ärzte ein Auge zuzudrücken: 90 Prozent aller Medikamente mit Suchtpotenzial sind innerhalb dieser Patientengruppe von einem Arzt verschrieben worden.

Entzug nur unter medizinischer Aufsicht

Selbst wenn sich Abhängige ihre Sucht eingestehen und am liebsten sofort mit einem Entzug beginnen möchten: Eine betreute Entgiftung ist in jedem Fall unbedingt erforderlich. Fehlt beispielsweise die tägliche Dosis Benzodiazepine, drohen Halluzinationen und Delirzustände oder Entzugssymptome wie bei Heroinabhängigen.

Bettina Ugolini, Leiterin der Beratungsstelle LiA «Leben im Alter» vom Zentrum für Gerontologie der Uni Zürich, kennt das Dilemma – und weiss auch, dass unter dem Suchtproblem nicht nur die Abhängigen selbst leiden.  

SRF: Angenommen, ich habe den Eindruck, dass mein Vater ein Suchtproblem hat. Was soll ich tun?
Bettina Ugolini: In erster Linie muss man einmal genau beobachten: Liegt da wirklich ein Suchtproblem vor oder hat das mit meiner eigenen Einstellung, zum Beispiel zum Tablettenkonsum, zu tun? Denn manchmal übersteigt der Konsum einfach nur das, was ich für gut halte. Es geht immer darum, gut abzuwägen: Wie gravierend ist die Situation? Wenn jemand natürlich bereits am frühen Morgen schon betrunken ist, dann muss man’s ansprechen und dann muss man auch etwas tun.

Wenn ich nach dieser Beobachtungszeit das Gefühl habe, dass tatsächlich ein Problem vorliegt – spreche ich das Thema dann einfach an?
Ganz wichtig ist, dass man sich immer bewusst ist: Ein Gespräch ist immer gut und kann motivieren, die Situation zu verändern. Wenn ich ein Gespräch beginne zu einem solchen Thema, signalisiere ich meinem Gegenüber meine Sorge – und das allein kann schon zur Veränderung motivieren. Aber man muss darauf achten, dass man für solch ein Gespräch eine gute Phase erwischt. Das heisst, dass man das Thema sicher nicht in einer Situation anschneidet, in der der andere beispielsweise bereits angetrunken ist, sondern eher, wenn schon eine vertrauensvolle Atmosphäre in einem Gespräch herrscht. In so einem Moment könnte man fragen: Sag mal, ich beobachte das, wie siehst du das?

Kann man in so einem Gespräch auch Fehler machen?
Man sollte auf keinen Fall Vorwürfe und Anordnungen machen, wie: So solltest du dich verhalten. Das halte ich für ganz wichtig. Besser ist es, eher weich einzusteigen mit Vorschlägen, also zum Beispiel: Wollen wir uns mal informieren, wie viel Alkohol für dich in deinem Alter gut ist? Wollen wir mal eine Fachperson aufsuchen? Möchtest du das machen, oder wärst du froh, wenn ich dich begleite? Das ist wichtig, denn: Dieses Gespräch muss Vertrauen schaffen. Wenn ich direkt mit Lösungen und mit Erwartungen komme, dann muss ich wahrscheinlich mit Ablehnung rechnen.

Ablehnen oder leugnen sind aber doch bestimmt sowieso häufige Reaktionen.
Gerade erwachsene Kinder neigen häufig dazu, die Rollen umzukehren. Wenn ich mit Vorwürfen oder Erwartungen in so ein Gespräch einsteige, muss ich damit rechnen, dass der andere anfängt, zu leugnen oder zu sagen, das geht dich gar nichts an, ich bin erwachsen, das ist doch meine Sache. Das Thema muss immer vorsichtig, wertschätzend und auf Augenhöhe angesprochen werden. Und, was ganz wichtig ist, man sollte die eigene Sorge in den Vordergrund stellen. Also nicht fordern: Du musst dich verändern, sondern entgegenkommen: Ich mache mir Sorgen, wenn ich dich beobachte. Das hilft, in eine vertrauensvolle, fürsorgliche Beziehung einzutreten, und dann im zweiten Schritt zu schauen: Welche Unterstützung darf ich dir geben? Was wäre dir in deiner Situation eine Hilfe?

Wenn der Süchtige dennoch zuerst einmal abstreitet und sagt, «das geht dich gar nichts an», ist dann die Chance zur Veränderung verspielt?
Das hat erst einmal gar nichts mit einem Suchtproblem zu tun: Wenn wir auf irgendetwas hingewiesen werden – von unseren Kindern, vom Partner, von wem auch immer – dann sagen wir ja auch nicht alle gleich laut: Oh, danke, dass du mich darauf hinweist. Wir werden alle nicht gern auf Fehlverhalten hingewiesen. Kritik anzunehmen ist ein schwieriger Punkt. Hier kommt noch der Punkt hinzu, dass ich als Betroffene eigentlich weiss: Ich schade mir selber mit dem Alkohol oder den Medikamenten. Also ist es mir peinlich, darauf angesprochen zu werden. Und die erste Reaktion ist klassischerweise die Ablehnung. Ich glaube, dass man das als Gesprächspartner auch erst einmal akzeptieren muss. In den Prozess der Begleitung eines Abhängigen einzusteigen, bedeutet ja nicht: Wir reden da jetzt einmal drüber und dann verändert sich alles. Der andere braucht seine Zeit. Aber der gesunde Teil kann signalisieren: Denk einfach mal drüber nach und wir kommen vielleicht in einem zweiten Gespräch nochmal darauf zurück.

Die Sucht eines Angehörigen ist oftmals aber nicht nur den Abhängigen, sondern auch den Nahestehenden unangenehm. Vielfach wird das Problem dann doch einfach unter den Teppich gekehrt.
Es geht darum, dass man sein eigenes Schamgefühl irgendwann überwinden muss. Man darf das nicht unterschätzen: Damit, dass man als Partner oder Kind das Problem bagatellisiert, unterstützt man, dass das Verhalten die Gesundheit schädigt und die Lebensqualität einschränkt. Die zweite Gefahr ist, dass man beginnt, Dinge hinzunehmen, die der Beziehung schaden, die das eigene Wohlbefinden einschränken, die überfordern – dass ich mich sozusagen in die Situation mitverstricke. Wir reden dann von Co-Abhängigkeit. Das bedeutet, dass ich, lapidar gesagt, das ganze Spiel mitspiele, dabei über eigene Grenze gehe und am Schluss vielleicht sogar mitabhängig werde. 

Wer kann helfen bei Sucht im Alter?
Ich kann mich einerseits direkt an Fachleute wenden: an Fachstellen zur Prävention, für Alkohol- und Medikamentenmissbrauch im Alter. Oder an Fachstellen wie die Pro Senectute, die beraten, wohin man sich wenden kann. Dazu gehört meines Erachtens auch der Hausarzt. Manchmal kann es aber auch hilfreich sein, die Schwelle etwas niedriger zu setzen und sich erst einmal eine Person des Vertrauens zu suchen, einen Freund, vielleicht der Hausarzt, vielleicht die Spitex-Schwester, die regelmässig kommt.  

Dr. phil. Bettina Ugolini, Diplompsychologin und dipl. Pflegefachfrau

SRF

Dr. phil. Bettina Ugolini, Diplompsychologin und dipl. Pflegefachfrau

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