Therapietreue – Nachlässigkeit kann sich böse rächen

Jeder vierte Patient nimmt Medikamente nicht so, wie vom Arzt verordnet. Experten sprechen von «Non-Compliance». Vor allem bei chronischen Erkrankungen, die lange keine Beschwerden machen, sinkt die Therapietreue nach einigen Jahren auf teilweise weniger als 50 Prozent. Wann kann es heikel werden?

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Therapietreue – Nachlässigkeit ist keine Ausnahme

18 min, aus Puls vom 27.2.2017

Unter Compliance versteht man in der Medizin die Bereitschaft des Patienten zur aktiven Mitwirkung an den vom Arzt vorgeschlagenen Massnahmen.

Die Non-Compliance ist also das Gegenteil davon, nämlich das Nichtbefolgen von Therapiemassnahmen und Einnahmevorschriften. Das beginnt beim Ignorieren von gut gemeinten Ratschlägen (weniger rauchen, mehr Bewegung, gesünder ernähren) und reicht bis zu verschriebenen Medikamenten, die nicht oder nicht wie empfohlen eingenommen werden. Zum Beispiel, indem das Rezept für ein Medikament nicht eingelöst wird.

Weit häufiger wird ein Medikament zwar abgeholt, dann zuhause aber ungeöffnet abgelegt. Oder die Dosis wird nach einer Weile selbständig reduziert – oder das Medikament wird irgendwann gar nicht mehr eingenommen.

Mehr Risiken, höhere Sterblichkeit

Die Untreue der eigenen Therapie gegenüber hat viele Gesichter. Ärzte in der Schweiz gehen davon aus, dass jeder vierte Patient seine Medikamente nicht korrekt einnimmt.

Bei chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, die keine akuten Schmerzen oder andere Probleme machen, sinkt die Therapietreue mit jedem Jahr und beträgt nach fünf Jahren weniger als 50 Prozent. Das Risiko für Folgeerkrankungen steigt, und auch die Sterblichkeit nimmt zu – bei Bluthochdruck um das Fünffache, bei zu hohen Cholesterinwerten laut Studien sogar um das Doppelte.

Je akuter, desto therapietreuer

Menschen mit Krebs und Magen-Darm-Erkrankungen sowie HIV-Patienten sind ihrer Therapie gegenüber hingegen sehr seriös. Für Pharmakologe Alexander Jetter vom Universitätsspital Zürich nicht weiter erstaunlich: «Je akuter die Auswirkungen der Erkrankung sind, desto therapietreuer sind die Patienten grundsätzlich.» Je länger dieses, die Gesundheit beeinflussende Ereignis aber zurück liegt, desto weniger ist die Therapietreue gegeben.

Der Experte nennt ein eindrückliches Beispiel aus der Transplantationsmedizin: Für viele Patienten ist eine Transplantation ein durchaus einschneidendes Ereignis, das nicht so einfach weggesteckt wird. «Insbesondere weil die Patienten ja vorher im Prinzip sterbenskrank waren, was die Compliance zu ihrer Therapie sehr fördert.»

Aber selbst bei dieser ja extrem schwerwiegenden Erkrankung nimmt die Therapietreue anschliessend ab. «Nach knapp zwei Jahren liegt sie auch bei dieser Patientengruppe vielleicht noch bei 70 bis 80 Prozent.» Alexander Jetter schliesst daraus, dass die Dauer der Erkrankung, beziehungsweise die Gesundheit, die durch die Therapie erreicht wurde, eine zentrale Rolle bei der Therapietreue spielt.

Mit und ohne Absicht

Gründe, warum Medikamente weggelassen werden, gibt es viele. «Solange einem die Medikamenteneinnahme nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist wie das Zähneputzen oder das Kaffeetrinken am Morgen, solange wird es immer wieder mal Situationen geben, in denen man einfach vergisst das Medikament einzunehmen», ist Alexander Jetter überzeugt.

Vergesslichkeit ist denn auch der Hauptgrund für Non-Compliance. Und: Je mehr Tabletten pro Tag eingenommen werden müssen und je länger die Therapie dauert, desto schlechter die Compliance.

Oft begründen Patienten das Absetzen einer Therapie auch mit der Angst vor Nebenwirkungen. Hier kann ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis Abhilfe schaffen, ist Pharmakologe Alexander Jetter überzeugt: «Ein ganz wichtiger Punkt ist sicherlich, dass dem Patienten genau und in Laiensprache erklärt werden muss, wofür die Medikamente da sind, weswegen er sie einnehmen soll und dass es eben auch wichtig ist sie tatsächlich regelmässig und konsequent einzunehmen.» Denn die Einsicht, dass die Therapie für die eigene Gesundheit entscheidend ist, ist oft matchentscheidend.

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