Thrombose – Wenn das Blut in den Venen stockt

Nach langen Flügen oder nach Operationen schwingt die Angst mit, eine Thrombose zu erleiden. Ein Blutgerinnsel, das schmerzhafte Schwellungen und Rötungen auslösen und zu einer gefährlichen Lungenembolie führen kann. Aber auch abgeheilte Thrombosen können noch Jahre später zu Komplikationen führen.

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Thrombose – Die Angst vor dem Gerinnsel

18 min, aus Puls vom 24.10.2016

Normalerweise ist das Blut in unserem Körper flüssig, damit es schnell jedes Gewebe des Körpers erreichen und mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen kann. Bei Verletzungen allerdings muss es auch den Blutaustritt verhindern.

Die Blutgerinnung ist ein Schutzmechanismus, ohne die der Mensch bei der kleinsten Verletzung verbluten würde. Problematisch wird es dann, wenn das Blut zur falschen Zeit am falschen Ort gerinnt und ein Blutgefäss verstopft, wie es bei einem Blutgerinnsel der Fall ist.

Häufig entstehen Thrombosen in den tiefen Beinvenen und dort vor allem im «Strömungsschatten» der Venenklappen. Der kleine Thrombus wächst über Tage und Wochen und kann mit der Zeit die Venen komplett verschliessen – es machen sich die typischen Stauungs-Symptome wie Rötung und Schwellung bemerkbar. Oft kommt bei ausgedehnten Beckenvenen-Thrombosen ein dumpfer, drückender Schmerz hinzu. Kleinere Thrombosen hingegen machen oft gar keine Symptome.

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Thrombose-Risiko nach einer Operation

0:32 min, vom 24.10.2016

In einer verstopften Vene weicht das Blut für den Rückfluss zu Herz und Lunge mit der Zeit auf andere Gefässe aus. Dass der Blutrückfluss nicht mehr optimal funktioniert, macht sich oft erst unter Belastung – etwa bei langem Stehen oder beim Sport – bemerkbar. Manchmal lösen sich Gerinnsel mit der Zeit auch ganz oder teilweise von selbst wieder auf oder wachsen an der Venenwand fest.

Löst sich ein Teil des Blutpfropfs und gelangt mit dem Blutstrom in die Lunge, kann allerdings eine lebensbedrohliche Lungenembolie die Folge sein. Bei typischen Beschwerden sollte deshalb rasch ein Arzt konsultiert werden.

«Wir setzen uns tagtäglich Thrombose-Risiken aus»

Im Normalfall führt nicht nur eine Ursache zu einer Thrombose, vielmehr steckt meistens eine Summe verschiedener Faktoren hinter der überschiessenden Gerinnungsneigung.

«Wir setzen uns tagtäglich Thrombose-Risiken aus», erklärt Gerinnungs-Spezialist Dr. Michael Nagler vom Inselspital Bern. «Das Problem ist, dass wir zum Beispiel nicht wissen, ob wir allenfalls bereits eine angeborene Neigung zu Thrombosen haben.» Langes Sitzen – etwa bei Langstreckenflügen –, Übergewicht und hormonelle Veränderungen während der Schwangerschaft erhöhen das Risiko für eine Thrombose ebenfalls, und auch mit zunehmendem Alter wird man für Gerinnungsprobleme anfälliger.

Besonders gefährdet ist auch, wer einen grossen, operativen Eingriff an den unteren Extremitäten hat. Hämatologe Nagler erklärt: «Thrombosen entstehen immer dann, wenn sich die Zusammensetzung des Blutes verändert, wenn es zu Schäden der Gefässwände kommt oder wenn das Blut deutlich langsamer fliesst als normal.»

Bei einem Patienten, der zum Beispiel eine Knieprothese eingesetzt bekommt, sind alle drei Kriterien erfüllt: Durch die Operation selbst werden die Gefässe mechanisch geschädigt. Anschliessend kommt es zu einer Entzündungsreaktion, die die Zusammensetzung des Blutes verändert. Und da das Bein längere Zeit nicht normal belastet werden darf, fliesst auch das Blut langsamer als normal.

Um in dieser Situation das Risiko einer Thrombose möglichst gering zu halten, bekommt der Patient deshalb für die Dauer der reduzierten Mobilität blutverdünnende Medikamente zur Prophylaxe.

Einmal Thrombose, immer Thrombose?

Blutverdünnende Medikamente sind auch die Therapie erster Wahl bei einer akuten Thrombose. Sie sollen als Sofortmassnahme ein Fortschreiten der Thrombosebildung unterbinden. Je frischer die Thrombose ist, desto eher kann sie sich durch die Gabe von Blutverdünnern komplett auflösen. Bei ältere Thrombosen hingegen bleibt immer «Material» an den Venenwänden zurück. Kompressionsstrümpfe können helfen, den gesunden Blutfluss möglichst wieder herzustellen.

Ziel dieser Behandlung ist es, das Wiederauftreten von Thrombosen effektiv zu vermeiden. Blutverdünner und Kompressionsstrümpfe sollten deshalb stets über längere Zeit angewendet werden:

  • Bei einer spontanen Venenthrombose, ohne erkennbare Ursache: 6 Monate
  • Bei einer Venenthrombose mit erkennbarer Ursache: 3 Monate
  • Bei einer gleichzeitig aufgetretenen Lungenembolie: 1 Jahr
  • Bei wiederkehrender Thrombose und/oder Lungenembolie und zusätzlichem Risikofaktor: dauerhaft

Wer einmal eine Thrombose ohne erkennbare Ursache hatte, hat ein deutlich erhöhtes Risiko für ein weiteres Blutgerinnsel, da möglicherweise erbliche Faktoren zugrunde liegen.

Männerhand hält Maschendraht-fömiges Rohr

Bildlegende: Venen-Stents funktionieren wie die Stents aus der Herzchirurgie, sind aber den Venen entsprechend grösser dimensioniert. SRF

Venen-Stents für optimalen Blutfluss

Einige Spitäler in der Schweiz setzen in der Behandlung und Therapie von Beckenvenen-Thrombosen vermehrt auf den Einsatz spezieller Venen-Stents. Diese funktionieren wie die schon länger bekannten Stents aus der Herzchirurgie, sind aber den Venen entsprechend grösser dimensioniert.

Bei akuten Thrombosen wird das Blutgerinnsel in einem ersten Schritt über Nacht mit Auflösungsmedikamenten an Ort und Stelle mit Hilfe eines Katheter-Zugangs in der Vene aufgelöst. Geht die betroffene Vene nicht komplett auf, wird tags darauf ein Venen-Stent eingesetzt, der in Zukunft den optimalen Rückfluss des Blutes wieder herstellen soll.

Dadurch wird das postthrombotische Syndrom verhindert, das bei rund der Hälfte der Thrombose-Patienten nach einigen Jahren zu erneuten Beschwerden im betroffenen Bein führt. Vor allem unter Belastung berichten die Patienten von schmerzenden, geschwollenen Beinen. Ursache sind die durch die Thrombose geschädigten Gefässwände und Venen-Klappen, die nicht mehr richtig funktionieren.

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Die Vorteile eines Venen-Stents

0:36 min, vom 24.10.2016

Der Einsatz eines Venen-Stents macht aber auch bei anderen Patienten durchaus Sinn, weiss Nils Kucher, Gefäss-Spezialist am Inselspital Bern: «Von der Anatomie her hat jeder vierte Mensch einen Engpass im Beckenbereich. Die grossen Gefässe müssen sich ja irgendwo im Körper überkreuzen und es ist eben so, dass die rechte Beckenarterie bei manchen Menschen die linke Beckenvene gegen die Wirbelsäule abklemmt. Es entsteht also ein Engpass, der bei einigen Patienten zu einer Beckenvenen-Thrombose führen kann.»

Ein eingesetzter Venen-Stent an der richtigen Stelle kann also das anatomische «Problem» beheben. Im besten Fall können diese Patienten sogar auf Blutverdünner und Kompressionsstrümpfe verzichten.

Risiko Alter

Im Alter lässt die Leistungsfähigkeit der Organe und damit auch die der Blutgefässe und der Kreislauforgane nach. Die Elastizität der Venen nimmt ab, und die Häufigkeit von Gefässschäden nimmt zu. Diese altersbedingte Zunahme der Blutgerinnungsneigung führt zu einem deutlichen Anstieg des Thrombose-Risikos.

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