Spaniens Dreigestirn: Wie heilige Kühe auf der Schlachtbank

Für den Titelverteidiger geht es im Spiel gegen Chile um alles oder nichts. Der erfolgreichen Generation um Casillas und Xavi droht das Ende einer goldenen Ära und der Pranger in der Heimat. Coach Vicente del Bosque versucht wie ein Hirte, seine Schäfchen vor bösen Angriffen zu schützen.

Vicente del Bosque bespricht sich mit Xavi und Iker Casillas auf der Trainingsbank

Bildlegende: Kriegsrat Spaniens Coach Vicente del Bosque bespricht sich mit den Führungsspielern Xavi (links) und Casillas. Keystone

Spaniens Nationalcoach Vicente del Bosque liess sich im Abschlusstraining am Dienstagabend nicht in die Karten blicken. Der 63-Jährige hatte zwar Änderungen angekündigt, aber keine Namen genannt. Pedro Rodriguez, der im Nationalteam stets zu überzeugen wusste, dürfte für David Silva ins Team zurückkehren. Seine Kämpferqualitäten werden gegen Chile gefragt sein. Möglich ist auch, dass Cesc Fabregas als «falscher Neuner» anstelle von Diego Costa zum Zug kommt.

Xavi auf die Ersatzbank?

Dass Del Bosque die alternden Grössen Iker Casillas und Xavi nach dem blutleeren Auftritt im Startspiel absägt, ist dem gutmütigen Coach kaum zuzutrauen. Dabei steckt er in einem Dilemma. Seine Absicht, Xavi mit der Hereinnahme von Atleticos Koke zu entlasten, galt vor dem Turnier als fester Plan. An Xavi, dessen Wechsel nach Katar portiert wird, nach dem Fiasko ein Exempel zu statuieren, passt hingegen weniger in sein Konzept von Menschlichkeit.

Diesen Gefallen würde er Teilen der spanischen Presse nur höchst ungerne tun. Denn Del Bosque weiss: Auch er steht auf der Abschussliste von madrilenischen Medien, die ihn - weil dem «katalanischen» Kurzpassspiel verfallen - für einen Verräter halten. Da nützt es auch nichts, dass ihm Verbandspräsident Angel Villar nach der bitteren 1:5-Niederlage gegen die Niederlande den Rücken stärkte. Auf Del Bosque wartet bei einer schlechten WM ein Sturm der Kritik.

Die Verbindung mit Casillas

Das Bild am Tag nach dem Debakel hatte deshalb Symbolcharakter. Del Bosque sass väterlich neben Casillas und Xavi auf einer Bank im Trainingsgelände. Es galt, Erklärungen für die schier unfassbare Niederlage zu finden. Eine Standpauke schien aber dennoch ferner als die Titelverteidigung. Zu wichtig waren die beiden Akteure für die Erfolge der «Roja» der letzten Jahre.

Neben ihrer sportlichen Führungsrolle stellten Casillas und Xavi den historisch schwierigen Zusammenhalt im spanischen Team sicher. Dieser wurde mit den gehässigen Duellen zwischen Barcelona und Real Madrid, als dieses noch von Jose Mourinho trainiert wurde, auf eine harte Probe gestellt. Als die Situation eskalierte, kam die gute Beziehung zwischen Casillas und Xavi, die auf den gemeinsamen U20-WM-Titel 1999 zurückgeht, zum Tragen.

Frieden teuer bezahlt

Der mittlerweile 33-jährige Casillas rief den 1 Jahr älteren Xavi an, um die Situation zu bereinigen. Spanien holte 2012 den EM-Titel. Der Preis war für Casillas dennoch hoch. Mourinho degradierte ihn zur Nummer 2, radikale Real-Anhänger pfiffen ihn seither gnadenlos aus. Auch diverse Medien schossen sich auf Spaniens Captain ein. Das Spiel gegen Chile wird somit auch für ihn zu einer Art Gladiatorenkampf.

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Spielbericht Niederlande - Spanien

4:19 min, aus FIFA WM 2014 live vom 13.6.2014

TV-Hinweis

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Verfolgen Sie das wegweisende Gruppenspiel zwischen Spanien und Chile am Mittwoch ab 21:00 Uhr auf SRF zwei und hier im Livestream.