WM 2002: Als der Titan daneben griff

Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea kam es zum Endspiel Deutschland gegen Brasilien. Es war ein Aufeinandertreffen der Fussballkulturen - das zwei Geschichten schrieb: Ein «Phänomen» wurde mit 25 Jahren unsterblich. Und ein «Titan» zeigte menschliche Züge.

Oliver Kahn am Pfosten.

Bildlegende: Untröstlich Oliver Kahn erlebte in Yokohama die dunkelste Stunde seiner ruhmreichen Karriere. Keystone

Bis heute ist die Szene unvergessen: Oliver Kahn sitzt, mit ausdrucksloser Miene, angelehnt an den Pfosten seines Tores. Soeben hatte Deutschland den WM-Final im fernen Japan verloren. Eine weitere Gelegenheit auf den grössten aller Titel sollte sich dem menschgewordenen Ehrgeiz nicht mehr bieten.

Nach einem Rivaldo-Schuss hatte der schier unfehlbare Herrscher des Strafraums einen fatalen Fehlgriff vollzogen. «Il Fenomeno», Brasiliens legendärer Ronaldo, brauste heran und vollstreckte in der 67. Minute das Urteil über den dreifachen Welttorhüter. Kurz darauf besiegelte Ronaldo mit seinem 8. Turniertreffer das Schicksal der Deutschen. Die Partie endete 0:2 - Brasilien feierte seinen 5. und bislang letzten Weltmeistertitel.

Ronaldo hilft Kahn

Bildlegende: Legenden unter sich Ronaldo half dem untröstlichen Kahn nach dessen Fehlgriff wieder auf die Beine. Reuters

Aufstieg und Fall zweier Helden

Mit gerade einmal 25 Jahren war Ronaldo zur brasilianischen Legende geworden. Oliver Kahn hingegen erlebte den negativen Höhepunkt einer ansonsten makellosen Karriere. Dass er als erster Torhüter überhaupt zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde, war nicht frei von Ironie. Doch der Titel war verdient: Mit seinen Paraden hatte Kahn den Final-Einzug der Deutschen erst möglich gemacht.

Typisch «deutsch»...

Dabei hatte Rudi Völlers Team seine wohl beste Turnierleistung abgerufen. Und das ohne den gesperrten Michael Ballack, der einer von Haudegen wie Jens Jeremies, Christian Ziege und Thomas Linke geprägten DFB-Elf einen Hauch spielerischen Glanz verlieh. Denn auch wenn die Deutschen mit Bernd Schneider den «weissen Brasilianer» in ihren Reihen hatten, war die neue Herrlichkeit im deutschen Fussball noch weit weg.

Vor dem Turnier hatte kaum jemand die Deutschen zum engsten Favoritenkreis gezählt, die vielbeschworenen Tugenden Kampfgeist und Wille schienen überholt. Und am Ende standen sie wieder einmal im Final. Die Turniermannschaft hatte es allen gezeigt.

...gegen typisch «brasilanisch»

Ganz andere Vorurteile - nämlich positive - lösten die Brasilianer ein: Mit Ronaldinho, Rivaldo und Ronaldo verfügten sie über ein Dreigestirn der Spielfreude, das die Fussballwelt entzückte. Die drei Ausnahmekönner machten auch im Final den Unterschied. Die Deutschen, die im Kollektiv keinesfalls schlechter waren als die «Selecao», verloren unglücklich.

Zwölf Jahre nach Yokohama kommt es nun in Brasilien selbst zur Neuauflage des Finals von 2002. Und fast wäre man geneigt zu sagen: Mit vertauschten Rollen. Denn wer hier die «Deutschen» und wer die «Brasilianer» sind, ist mit Blick auf die bisherigen Darbietungen der Mannschaften nicht ganz klar.

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WM-Final 2002 Deutschland - Brasilien

3:59 min, vom 3.5.2014

Sendebezug: SRF zwei, FIFA WM 2014 live, 04.07.14 18:00 / 22:00 Uhr.