Die Schweiz – das Land der Pfeilbögen

Die Armbrust gilt als Symbol für die Urschweizer Waffentradition. Die Bogen-Technologie hat ihren Ursprung jedoch Jahrtausende früher, in der Jungsteinzeit. Pfahlbauer stellten bereits 3500 v. Chr. hochstehende Pfeilbögen aus Eibenholz her, vor allem für die Jagd, aber auch als Waffen.

Es war in den Jahren um 3200 v. Chr., in der Jungsteinzeit. In einem Pfahlbaudorf in Horgen am Zürichsee lagerten die Bewohner ungewöhnlich viel Eibenholz, das Ausgangsprodukt für Pfeilbögen. Archäologen haben die Hölzer bei Unterwasser-Grabungen entdeckt. Die Vermutung von Markus Graf von der Kantonsarchäologie Zürich: «Gut möglich, dass sich Handwerker im Dorf auf die Produktion von Pfeilbögen spezialisiert hatten und damit Tauschhandel betrieben.» In jener Zeit kam langsam der grossräumige Handel auf.

Eibenholz als ideales Material für Pfeilbögen

Die Technik der Pfeilbogen-Herstellung war in der Jungsteinzeit (in Mitteleuropa ab 5500 v.Chr.) weit entwickelt. Für die Bögen wurde fast ausschliesslich Eibenholz verwendet. Es ist leicht, widerstandsfähig und elastisch. «Es ist eindeutig das beste Bogenholz», urteilt der deutsche Archäologe und Pfeilbogen-Experte Jürgen Junkmanns, «und das war damals schon allgemein bekannt.» Bei der Herstellung der Bögen achteten die steinzeitlichen Handwerker darauf, innen das Hartholz und aussen weicheres Splintholz zu haben. Das erhöhte die Spannkraft und Elastizität. Eibenholz blieb bis ins Mittelalter das wichtigste Material für die Herstellung von Pfeilbögen – und für die Bögen von Armbrüsten.

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Archäologe Jürgen Junkmanns: Funde von Pfeilbögen in der Schweiz.

0:28 min, vom 28.11.2013

Viele Funde von steinzeitlichen Pfeilbögen in der Schweiz

Für den deutschen Archäologen Junkmanns beherbergt die Schweiz die wichtigsten Fundstätten für steinzeitliche Pfeilbögen: «Besonders viele wertvolle Funde aus der Jungsteinzeit gibt es an den Seeufern im Kanton Zürich.» Der Grund liegt nicht darin, dass in anderen Regionen Europas keine Pfeilbögen hergestellt worden wären. Aber in den Überresten der Pfahlbauten blieb das Holz im Wasser unter Luftabschluss über Jahrtausende gut erhalten. Bei den Bauarbeiten für das Opéra-Parkhaus am Zürcher Bellevue wurden nicht weniger als 20 Bögen freigelegt.

Spielzeug-Pfeilbögen für Pfahlbau-Kinder

Unter den reichen Bogenfunden in den Schweizer Pfahlbau-Dörfern fällt auf, dass viele sehr kurz sind, die kleinsten nur 30 Zentimeter lang. «Die ideale Grösse für einen Bogen ist etwa mannslang», sagt Spezialist Junkmanns, «es ist sehr wahrscheinlich, dass in der Steinzeit schon vierjährige Kinder mit Pfeil und Bogen erste Übungen fürs Jagen machten.»

Der Ötzi von Feldmeilen

Die Menschen in der Steinzeit benutzten Pfeil und Bogen vor allem für die Jagd. Doch auch der Einsatz als Waffe kam damals auf. Der Zürcher Archäologe Markus Graf verweist auf einen Fund in Feldmeilen am rechten Zürichsee-Ufer: «Dort fand man ein Skelett mit einer Pfeilspitze zwischen den Schulterblättern. Der Mann wurde circa 3000 v. Chr. höchstwahrscheinlich mit Pfeil und Bogen von hinten getötet.» Damit hat der Pfahlbauer vom Zürichsee das gleiche Schicksal erfahren wie Ötzi. Die berühmte Gletscherleiche war 3300 v. Chr. nach einer Arterienverletzung gestorben, hervorgerufen durch eine Pfeilspitze, die in seiner Brust steckte.

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Einstein vom 16.6.2011: Schweizer Pfahlbauten am Bielersee

6:33 min, aus Einstein vom 16.6.2011

TV-Tipp:

Wie im Mittelalter Pfeilbögen gebaut wurden: in Einstein 28.11.2013 um 21.00 Uhr

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