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Siesta-Science Vier gute Gründe, sich nachmittags aufs Ohr zu hauen

Mehr Leistung, weniger Stress: Sie zweifeln noch an der Kraft von Powernaps? Diese wissenschaftlichen Untersuchungen werden Sie überzeugen.

Powernap, Nickerchen, Siesta, Mittagsschlaf: Namen hat das kurzzeitige Wegdriften so einige – übertroffen wird diese Vielfalt nur von den positiven Eigenschaften: Es soll leistungsfördernd wirken, gut fürs Immunsystem sein und das Herz stärken. Komisch also, dass die Siesta hierzulande immer noch mit Imageproblemen zu kämpfen hat.

85 Prozent der Säugetiere schlafen polyphasisch – also mehrmals täglich. Auch Kleinkindern und älteren Menschen reicht der Nachtschlaf nicht aus: Sie legen sich mittags ein zweites Mal hin. Nur Erwachsene schlafen vorwiegend monophasisch. Die aktuelle Studienlage zeigt allerdings, dass wir das nochmals überdenken sollten.

1. Siestas machen uns kreativ

Ein kurzes Einnicken kann bewusst für kreative Ideen und Lösungen genutzt werden, wie eine im Februar publizierte Studie der Pariser Sorbonne-Universität zeigt. 100 Testpersonen mussten eine mathematische Aufgabe lösen – vor und nach einer 20-minütigen Pause. Die Pause sollten die Probanden mit geschlossenen Augen verbringen, ausgestattet mit einer Flasche in der Hand, die herunterfiel, sobald sie eindösten.

Die Untersuchung zeigte: Die Personen, die in der Einschlafphase durch die runtergefallene Flasche geweckt wurden, lösten die Aufgabe dreimal häufiger als die Personen, die wach geblieben oder ganz eingeschlafen sind. Eine Erklärung dafür liefert die «Hypnagogie», einen Zustand, den wir kurz vor dem Einschlafen erreichen, eine Art Halluzination. 

Hypnagogie – der Sweetspot der Kreativität

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Anders als Trauminhalte, die wir meist später im Verlauf einer Nacht haben, handelt es sich bei der Hypnagogie um einzelne – oft visuelle – Eindrücke. In dieser Einschlafphase, die am einfachsten bei einem Nickerchen zu erreichen ist, können auch kreative Ideen entstehen. Die Forschenden bezeichnen das Siesta-Phänomen deshalb als «Sweet Spot der Kreativität».

2. Powernaps erhöhen unser Toleranzlevel bei Frust

In der Mittagspause Schäfchen zählen? Tun Sie’s! Eine Untersuchung der University of Michigan legt nahe, dass das unsere Produktivität steigern kann: In der Untersuchung mussten die Probandinnen und Probanden in einem Labor diverse mühsame Aufgaben und Tests absolvieren. Ausserdem gab es zahlreiche Fragen zum Schlafverhalten und Gemütszustand.

Siesta Science

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Beim Powernap steht die Wirkung in keinem Verhältnis zur Länge: Während ein paar Minuten mehr Schlaf in der Nacht keinen signifikanten Unterschied machen, steigert ein kurzer Powernap die Konzentration, die Motivation und das Wohlbefinden für mehrere Stunden.

Olaf Lahl und seine Kollegen von der Uni Düsseldorf fanden 2007 etwa heraus, dass schon sechs Minuten Power-Schlaf ausreichen, um das Gedächtnis zu verbessern.

Die Studienteilnehmer wurden um 13 Uhr in das Schlaflabor bestellt und bekamen eine Liste mit 30 Wörtern, die sie in zwei Minuten auswendig lernen sollten. Eine Stunde später wurden sie befragt. In der Zwischenzeit durften die einen sechs, die anderen 35 Minuten schlafen – die Kontrollgruppe blieb wach.

Die Wachgebliebenen erinnerten sich während der Tests an weniger Wörter als die Schläfer. Das Sechs-Minuten-Nickerchen reichte aus, um einen signifikanten Unterschied zu belegen.

Nachdem die Teilnehmenden fertig waren, durften die einen nappen, die anderen mussten sich in dieser Zeit ein Video anschauen. Anschliessend verkündeten die Forschenden, dass die Tests noch einmal absolviert werden müssen und beobachteten, wie sich die Teilnehmenden verhielten: Die Versuchspersonen, die zwischendurch ein Nickerchen machen durften, lösten die Aufgabe mit mehr Gelassenheit und blieben länger am Ball.

3. Nickerchen gleichen Schlafmangel aus

Durch zu wenig Schlaf gerät unser Hormonsystem aus der Bahn: Ein erhöhter Cortisolspiegel und diverse Entzündungsreaktionen sind die Folge. Forschende der Universität Descartes-Sorbonne Paris Cité konnten im Jahr 2015 allerdings zeigen, dass das kurze Schlummern diese Effekte wieder ausgleichen kann.

Nach einer kurzen Nacht (zwei Stunden) war bei allen Studienteilnehmenden die Noradrenalin-Konzentration um das 2.5-Fache angestiegen. Das Stresshormon erhöht die Herzfrequenz, den Blutdruck und den Blutzucker. Das Erstaunliche: Es gab auch Teilnehmende, die nappen durften – bei ihnen sanken diese Werte nach einem 20-minütigen Schläfchen wieder auf Normalniveau. Durch einen kurzen Power Nap lässt sich fehlende Nachtruhe also für kurze Zeit ausgleichen.

4. Der Mittagsschlaf stärkt unser Herz

Menschen, die regelmässig ein Nickerchen einlegen, haben ein 37 Prozent geringeres Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu sterben als Personen, die das nicht tun. Das Wort «regelmässig» ist hier entscheidend.

Powernapping: So geht's richtig

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  • Damit das Schläfchen wirklich erholsam ist, darf es nicht zu lange dauern. Bereits zehn Minuten reichen, um den optimalen Effekt zu erzielen: Wer länger schläft, könnte nämlich in die REM-Schlafphase gleiten, die auf die Emotion wirkt und viele Menschen antriebslos macht.
  • Auch der Zeitpunkt ist für einen gelungenen Powernap wichtig: Er sollte mittags nach dem Essen oder am frühen Nachmittag stattfinden. Bei empfindlichen Schläferinnen und Schläfern können die kurzen Naps das Einschlafen abends erschweren, da sie den Schlafdruck abbauen. Menschen mit Schlafstörungen sollten nach 15 Uhr gar nicht mehr nappen.
  • Eine Methode, um die für sich passende Dauer eines Powernaps einschätzen zu können, ist übrigens der sogenannte «Schlüsselschlaf»: Dazu setzt man sich entspannt auf einen Stuhl und nimmt einen Schlüsselbund so in die Hand, dass er beim Öffnen der Hand auf den Boden fällt. Bevor man beim Powernap in eine Tiefschlafphase fällt, entspannt sich die Muskulatur. Der Schlüsselbund fällt zu Boden und Sie wachen auf. Schon nach dieser kurzen Zeit sind Sie wieder fit und ausgeruht.

Laut Lausanner Forschenden können Menschen, die ein- bis zweimal pro Woche Mittagsschlaf halten, das Risiko für Infarkte um fast die Hälfte vermindern – im Gegensatz zu denen, die sich mittags nie hinlegen. Wer allerdings täglich nappt, hat ein nahezu ähnlich hohes Risiko wie die, die am Nachmittag gar keine Pause einlegen. Gesund ist also nicht nie, aber auch nicht jeden Tag zu schlummern. Klingt kompliziert, ist aber mit einer kleinen Gebrauchsanweisung umsetzbar.

Die Forschenden vermuten, dass der gelegentliche Powernap deshalb gesund sei, weil er «als physiologische Kompensation nach zu wenig Schlaf den Stresspegel senkt und so zu einem verminderten Herzkreislaufrisiko beiträgt», wie sie in ihrem Abstract schreiben.

Haben wir Ihr Interesse geweckt?

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SRF1, Einstein², 28.06.2022, 17:00 Uhr.

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