Neu im Kino Warum sich Luzern nicht für sein dunkelstes Viertel schämen muss

Die Welt kennt Luzern als Postkartenidyll. Die Baselstrasse ist quasi ihr Schatten, wie die Doku «Rue de Blamage» zeigt.

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Die Luzerner «Rue de Blamage»

4:33 min, aus 10vor10 vom 4.4.2017

Nein, eine klassische Schönheit ist sie nicht, die Baselstrasse. Über 20‘000 Autos brausen täglich über ihren Asphalt, vorbei an Bordellen und baufälligen Häusern, die Menschen aus 70 Nationen günstigen Wohnraum bieten.

In den 1970er-Jahren wurde die Baselstrasse wegen ihrer unübersehbaren Ecken und Kanten im Volksmund verächtlich «Rue de Blamage» genannt. Eine pauschale Verunglimpfung, für die sich Luzern schämen sollte. Schliesslich besitzt die berüchtigte Strasse viel Charme, wie die neue, gleichnamige Doku von Aldo Gugolz beweist.

Die dunkle Seite der Leuchtenstadt

Wenn der Vierwaldstättersee das Herz der Innerschweizer Vorzeigestadt symbolisiert, ist die Reuss ihr Darm. Dass sich die Baselstrasse parallel zum Fluss wie ein Abfluss gen Westen schlängelt, passt ins Bild. Obwohl die dunkelste Seite Luzerns nur wenige Gehminuten von den einschlägig bekannten Sehenswürdigkeiten entfernt ist, kennt sie kaum ein Tourist.

Dabei birgt der «Untergrund», wie die Baselstrasse in Abgrenzung zur gepflegteren Obergrundstrasse genannt wird, die spannenderen Geschichten als die Einkaufsmeile. Seit dem Mittelalter hat man in Luzern alles Unliebsame in den Schatten des Gütschhangs ausgelagert. Im Scharfrichterhaus wurden Menschen hingerichtet, im Siechenhaus die Kranken isoliert und im Gefängnis die Kriminellen von der Gesellschaft ferngehalten.

Ungeschminkt ist heute hip

Im Laufe der Zeit wurde aus dem «Untergrund» ein Multikulti-Viertel, in dem die jeweils dominante Einwanderergruppe die Tonart bestimmte. «Little Italy» mutierte in den 1980er-Jahren zu «Tamil Town» und in den 1990er-Jahren zu «Neu Belgrad». Inzwischen beherbergt die Strasse viele Menschen aus Afrika und Syrien.

Wer an der Baselstrasse eine Bleibe sucht, fristet oft ein gesellschaftliches Schattendasein. Das soll sich ändern. Auf Anregung des Quartiervereins «Babel» wurden in letzter Zeit viele trendige Bars und Clubs eröffnet. Die Idee dahinter: Das Viertel soll hip werden, damit die Migranten nicht gleich wieder wegziehen, sobald sie Arbeit gefunden haben.

Raue Schönheit, zur Kunst verdichtet

Christoph Fischer in seinem Atelier vor der Büste seines geplanten Statue namens Heinz.

Bildlegende: Kunstobjekt «Heinz» und sein Schöpfer. Hugofilm

Der Zeichner, Illustrator und Bildhauer Christoph Fischer ist seiner Zeit diesbezüglich weit voraus. Für ihn ist die Baselstrasse kein Muss, sondern eine Muse. Seit Jahren lässt er sich vom Geschehen im Kleinstadt-Dschungel inspirieren, das er von seinem Balkon aus bestens beobachten kann.

Letztes Jahr wurde auf der Verkehrsinsel Kreuzstutz vor Fischers Atelier gar eines seiner Kunstwerke eingeweiht: eine vier Meter hohe Statue, die den Strassenfeger Heinz repräsentiert.

Der hatte bis zu seiner Pensionierung am Kreuzstutz viel ehrliche Arbeit verrichtet, was ihn für Fischer zur idealen Symbolfigur des «kleinen Mannes» machte.

Von Strassenfegern und «Putzsklaven»

Ein maskierter Mann apportiert wie ein Hund vor seiner Herrin.

Bildlegende: «Mir ist ein Putzsklave zugelaufen.» Typisch Baselstrasse! Hugofilm

Die Statue von Heinz ist aber nicht das einzige Kunstwerk, das in letzter Zeit an der Baselstrasse entstanden ist. Der gebürtige Luzerner Aldo Gugolz hat mit «Rue de Blamage» einen mindestens genauso kunstvollen Dokumentarfilm geschaffen.

In dessen Zentrum stehen neben Bildhauer Christoph und seinem Liebling, dem Strassenfeger Heinz, unter anderem auch die Bordellbetreiberin Cornelia und deren «Putzsklave».

Der unterwürfige Mann sei der deutschstämmigen Barbesitzerin «eines Tages zugelaufen» und verrichte seither ihre Hausarbeit.

Respekt vor der Menschenwürde

Glücklicherweise geht Dokfilmer Aldo Gugolz mit dem grossen Vertrauen, das ihm seine Protagonisten entgegenbringen, behutsam um. Keiner wird ausgestellt, kein einziges Schicksal ausgeschlachtet – obwohl es der Stoff anbieten würde. Daniele Martin, ein heroinabhängiger Strassenmusiker, verliert während der Dreharbeiten beispielsweise seine Wohnung.

Der 80-minütige Film dokumentiert dies mit viel menschlicher Anteilnahme – ohne das Thema Drogensucht plakativ zu bebildern. Ihm sei es wichtig gewesen, die Menschen der Baselstrasse in ihrer ganzen Komplexität zu portraitieren, erklärt uns Regisseur Gugolz im Interview. Das ist ihm mit «Rue de Blamage» bestens gelungen – dieser herzergreifenden Strassenstudie, die ihren eigenen Titel Lügen straft.

Kinostart: 06.04.2017

SRF-Koproduktion

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat diesen Film koproduziert.