Sarajevo wagt das Experiment der Zivilgesellschaft

Das Attentat von Sarajevo – Auslöser für den Ersten Weltkrieg – jährt sich am 28. Juni zum hundertsten Mal. Ganz Europa blickt auf den Westbalkan, kaum aber auf die Menschen im heutigen Sarajevo und Bosnien-Herzegowina. Wie geht es ihnen heute, 20 Jahre nach Ende des Bosnienkriegs?

Menschen protestieren gegen die Regierung auf einer Strasse von Sarajevo.

Bildlegende: Menschen protestieren gegen die Regierung in Sarajevo (Februar 2014). Reuters

20 Jahre nach dem blutigen Bosnienkrieg liegen Sarajevo und Bosnien-Herzegowina im toten Winkel der westeuropäischen Aufmerksamkeit. Ganz anders das Interesse aus dem Osten: Al Jazeera und die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua sind sehr präsent.

Dabei verdient Sarajevo Aufmerksamkeit. Auch vom Westen. Und zwar jetzt. Weniger wegen des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren in Sarajevo ausbrach. Weniger wegen des brutalen Bosnienkriegs vor 20 Jahren. Sondern vor allem, weil die Menschen zum ersten Mal das Experiment der Zivilgesellschaft wagen.

Bosnien-Herzegowina war 400 Jahre unter osmanischer, 40 Jahre unter österreichisch-ungarischer Herrschaft und 70 Jahre lang Teil des königlichen und des Tito-Jugoslawien. Noch heute ist es unter Aufsicht der internationalen Gemeinschaft, als Folge des Bosnien-Kriegs.

Junge, smarte Frauen als Wortführerinnen

Im Februar 2014 kam es zum ersten Mal zu gewalttätigen Protesten. Einzelne Regionalregierungen traten zurück. In Sarajevo und anderen Städten bildeten sich Bürgerversammlungen, genannt Plenum. Einmal pro Woche treffen sie sich, formen Arbeitsgruppen parallel zu den Ministerien und entwerfen Forderungen. Ein Hauch von DDR-Montagsdemonstrationen liegt in der Luft.

Aber der Ausgang ist völlig offen. Man trifft junge, smarte Frauen als Wortführerinnen. Aber entweder haben sie im Ausland studiert oder stammen aus dem Ausland. Wie die 26-jährige Katarina Cvikl aus Slowenien, die für den Think Tank «Populari» in Sarajevo arbeitet. Sie hält der bosnischen Jugend gnadenlos den Spiegel vor. Nicht nur die schlimme Vergangenheit sei Grund für die bosnische Misere. Auch die Lethargie der Jugend.

Bosnische Lethargie: TV statt Proteste

Man sieht das alte Rathaus in Sarajevo.

Bildlegende: Das alte Rathaus von Sarajevo. Der Architekt reiste für den Entwurf zweimal nach Kairo. SRF/Peter Voegeli

An der Plenum-Veranstaltung in Sarajevo ist die intellektuelle «Crème de la Crème» zu finden. «Die Normalbürger warten ab und sitzen vor dem Fernseher», gibt Shejla Sehabovic zu, die in Tuzla die ersten Proteste mitorganisiert hat. Auf der Strasse demonstrieren täglich Ältere, Arbeitslose oder Rentner, nicht die Jugend.

Dennoch ist der Protest für Bosnien-Herzegowina etwas Aussergewöhnliches. Und das Land ist reif für einen Wandel. Denn es ist unglaublich bürokratisch, gibt es doch für 4 Millionen Einwohner 160 Ministerien, alle aussergewöhnlich korrupt. «Pro Jugendlicher pro Jahr gibt das Land einen Euro aus», sagt die Schweizer Nonne Schwester Magdalena, die seit 14 Jahren in Bosnien-Herzegowina lebt.

Sarajevo liegt im toten Winkel der westlichen Aufmerksamkeit. Dabei spielt sich hier ein spannendes Experiment einer entstehenden Zivilgesellschaft ab, und der Schmelztiegel der Religionen und Ethnien ist faszinierend.

Thementag 1. Weltkrieg

Am 28. Juni 1914 tötet ein serbischer Nationalist den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau. Der Doppelmord in Sarajevo wird zum Zündfunken für den Ersten Weltkrieg. SRF gedenkt diesem historischen Moment mit einem Thementag.

Sendung zu diesem Artikel