Seine Telefonnummer kennt jeder Bootsflüchtling

Tag und Nacht nimmt Mussie Zerai die verzweifelten Notrufe von Bootsflüchtlingen entgegen. Bereits Tausenden soll der eritreische Priester aus dem aargauischen Erlinsbach das Leben gerettet haben. Dennoch: Auch er kommt an seine Grenzen – und sein Frust über die europäische Politik wächst.

Eine schwarze Frau versteckt ihr halbes Gesicht hinter enem roten Tuch.

Bildlegende: Nach den Syrern bilden die Eritreer das grösste Kontingent der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kommen. Imago/ZUMA Press

Ja, es gebe auch bei ihm Tage, an denen ihm alles zu viel werde. Der 40-jährige Priester sitzt im Bus nach Aarau, er ist auf dem Weg ins Gefängnis, um einen seiner Schützlinge zu besuchen. Seit drei Jahren lebt er in der Schweiz, zuerst in Freiburg, jetzt in Erlinsbach. Er ist hier, um die ständig wachsende eritreische Diaspora seelsorgerisch zu betreuen.

Berufswunsch als Kind: Priester

Porträt Mussei Zerai mit Mikrofon und Kopfhörern.

Bildlegende: Gilt zurecht als «Schutzengel der Flüchtlinge»: Mussie Zerai. Flicker/Heinrich-Böll-Stiftung

Mussie Zerai verliess sein Heimatland Eritrea mit 17 Jahren, mit dem Flugzeug, es war keine gefährliche Flucht übers Mittelmeer. Er reiste nach Rom, wo er sich zunächst mit «Arbeiten, wie sie Migranten halt so machen» durchschlug. Mit dabei in seinem Herzen: der Wunsch, Priester zu werden.

«Meine Grossmutter, bei der ich aufwuchs, erzählte, ich habe schon als Kind gesagt, ich wolle Priester werden», sagt Mussie Zerai. Es dauerte aber noch einige Zeit, bis sich sein Wunsch erfüllte. Erst im Jahr 2000 begann er ein Studium in Philosophie und Theologie.

Mittlerweile steht er vor dem Gefängnis in Aarau, mit einem Bein schon beim nächsten Termin. Zeit für Pausen und Gespräche ist rar. Denn: In der Tasche von Mussie Zerai liegt jenes Handy, dank dem schon so viele Menschenleben gerettet wurden. Seine Telefonnummer ist beinah jedem bekannt, der in Afrika in eines jener winzigen Boote steigt, um die Überfahrt nach Europa zu wagen.

Seine Telefonnummer prangt an der Gefängnismauer

«Begonnen hat alles damit, dass ich von einem Journalisten um Übersetzungshilfe angefragt wurde. So kam ich in Kontakt mit eritreischen Flüchtlingen in Libyen, hörte deren Geschichten. Meine Telefonnummer wurde weitergereicht, jemand schrieb sie irgendwann auch auf eine Gefängnismauer», sagt Zerai. Sein Haar ergraut langsam, man sieht ihm die Müdigkeit an.

Wenn er schläft, liegt das Handy auf dem Nachttisch, wenn er die Messe feiert, bewacht es jemand. Um im Notfall sofort den Priester zu informieren. Im Notfall bedeutet hier, wenn auf dem Display eine Nummer mit der Vorwahl «+88» angezeigt wird. Dann ist es ein Anruf von einem Satelliten-Telefon, wie sie auf den riskanten Überfahrten auf dem Mittelmeer verwendet werden.

«Ihr habt die Flüchtlinge geschaffen»

«Ich bringe die exakte Position des Bootes in Erfahrung und auch in welchem Zustand es ist», beschreibt Mussie Zerai ein solches Telefonat. «Dann informiere ich die italienische Küstenwache und mache Druck, damit diese die Leute zu retten versucht.» Natürlich könne er keine Befehle geben, sagt Zerai. Aber er könne Druck aufbauen: Indem er mit den Medien spreche, nach Rom oder Brüssel reise, Gedenkgottesdienste halte für die vielen ertrunkenen Flüchtlinge.

Mussie Zerai ist immer in Bewegung, kämpft stetig für die Rechte und Bedürfnisse der Bootsflüchtlinge. Dabei prangert er die EU an, appelliert an Europa: «Die europäischen Länder sagen, nein, wir wollen keine Flüchtlinge bei uns. Doch ihr habt diese Flüchtlinge geschaffen! Ihr unterstützt Diktatoren, weil es euren Interessen dient, nicht weil es der lokalen Bevölkerung dient!» Diese Haltung müsse sich ändern, fordert Mussie Zerai.

Jesus muss eine Lösung finden

Woher kommt seine Motivation, sich mit seiner ganzen Kraft zu engagieren? Er sagt es so: «Wenn ich höre, dass jemand in Not ist, dann ist es doch meine menschliche Verpflichtung, ihm zu helfen. Mich trifft diese Pflicht gleich mehrfach, ich bin ja Christ und dazu noch Priester. Jesus lehrt uns, andere wie uns selbst zu lieben.»

Da liege das Problem: Die Menschen hier sähen nicht, dass die Flüchtlinge ihre Mitmenschen seien. «Es flieht niemand einfach so aus seiner Heimat, aus Lust am Abenteuer. Vielmehr sind diese Menschen so verzweifelt, dass sie bereit sind, ihr Leben auf dem offenen Meer zu riskieren.»

Und was sagt ein Priester am Ende eines Tages zu Gott, zu Jesus? Was legt er in sein Gebet? Mussie Zerai: «Ich sage, danke Jesus für diesen Tag, für alles was du mir heute gegeben hast, das Gute, das Schlechte. Ich tue, was ich kann, mein Bestes. Was darüber hinausgeht, ist deine Aufgabe. Denn ich, ich bin nicht der Retter der Welt. Aber du bist es. Also finde eine Lösung!»

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