«Eine heftige Niederlage für den IS»

Kurdische Einheiten haben IS-Milizen vom nordsyrischen Grenzübergang Tell Abjad vertrieben. Der Journalist Reinhard Baumgarten war in der Region. Er entwirrt die unübersichtliche Lage – und erklärt, warum die Dschihadisten einen empfindlichen strategischen Rückschlag erlitten haben.

Kurdische Kämpfer posieren mit der Flagge ihrer Partei in Tel Abjad.

Bildlegende: Der militärische Coup gegen den IS wird auch als Erfolg für die kurdische Sache wahrgenommen. Reuters

SRF News: Was können Sie über die Situation in diesem Gebiet berichten?

Reinhard Baumgarten: In den vergangenen Tagen haben zwischen 18'000 und 20'000 Flüchtlinge diesen Grenzübergang im Südosten der Türkei überquert. Weitere 3000-4000 Flüchtlinge sollen noch auf der anderen Seite des Grenzzaunes warten. Die YPG, ein Ableger der türkischen PKK, macht zusammen mit einer arabischen Rebellengruppe namens Burkan al-Firat Front gegen die Terrormiliz. Ganz offensichtlich haben sie erhebliche Geländegewinne gemacht. Die Bevölkerung – zwischen Hammer und Amboss – hat sich entschlossen, Tell Abjad massenhaft zu verlassen. Der IS hat versucht, das zu verhindern. Denn sie wissen: Solange die Stadt bevölkert ist, gibt es keine Luftschläge von den Amerikanern und ihren Alliierten. Aber viele Menschen sind schon gegangen, einige Stadtteile hat die YPG mit ihren arabischen Verbündeten schon erobert.

Wie klar ist der IS zurückgedrängt?

Als ich gestern vor Ort war, waren maximal noch 40-50 Kämpfer in der Stadt. In der näheren Umgebung der Stadt sollen noch ungefähr Tausend IS-Kämpfer sein. Aber der militärische Druck der YGP und der arabischen Rebellen ist wohl so gross, dass mit einem Rückzug des IS Richtung Rakka gerechnet wird.

Was bedeutet diese Niederlage für die Islamisten?

Es ist aus zwei Gründen eine ziemlich heftige Niederlage für den IS. Zum einen ist die Verbindungsstrecke zwischen Rakka in Nordsyrien und Mosul im Norden schwieriger geworden, denn sie führt über Tell Abjad. Zum anderen bedeutet der Verlust dieser Grenzstation, dass verletzte Kämpfer nicht mehr ohne weiteres in die Türkei geschafft werden können. Nach Auskunft ortsansässiger Kurden geschieht dies nach wie vor.

Sie sind momentan in der kurdischen Stadt Diyarbakir in der Türkei. Wie wird der Erfolg der Kurden in Syrien dort aufgenommen?

Mit sehr viel Genugtuung. Es wird auch eine Verbindung gemacht zwischen dem Kampf der syrischen Kurden, der sehr intensiv unterstützt wurde von der PKK und auch den Peschmerga aus Nordirak, und der aktuellen Politik in der Türkei. Die Regierungspartei AKP hat in den Kurdengebieten im Südosten der Türkei enorm verloren. Diese Regionen, in der die AKP sehr stark war, sind fast komplett übernommen worden von der pro-kurdischen HDP.

Die türkische Regierung fürchtet, die Kurden könnten in Syrien einen eigenen Staat ausrufen und damit die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden in der Türkei begünstigen. Ist diese Befürchtung berechtigt?

Hier in der sogenannten Kurdenmetropole spüre ich eigentlich überhaupt keine Unabhängigkeitsbestrebungen. Das ist überhaupt nicht das Ziel der gegenwärtigen Kurdenpolitiker. Ihr ausgewiesenes Ziel ist es, mit der Fraktionsstärke von 80 Abgeordneten die Politik in Ankara massiv zu beeinflussen – in Richtung Friedensprozess, Lösung der Kurdenfrage und kultureller Autonomie.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Flüchtlingsdrama am türkischen Grenzübergang

Reinhard Baumgarten

Porträt von Reinhard Baumgarten

ZVG

Reinhard Baumgarten ist langjähriger Nahost-Korrespondent der ARD in Istanbul. Der Islamwissenschaftler hat zahlreiche Publikationen über die Region veröffentlicht.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Kurdische Einheiten haben die IS-Terrormiliz vom nordsyrischen Grenzübergang Tell Abjad vertrieben. Für die IS war Tell Abjad das Einfallstor für ihren Nachwuchs.

    Schwerer Rückschlag für die Jihadisten

    Aus Echo der Zeit vom 16.6.2015

    Die IS-Terrormiliz hat die Kleinstadt Tell Abjad an der syrisch-türkischen Grenze an die Kurden verloren. Tausende Menschen sind auf der Flucht. Für Syrien und für die Türkei ist dies eine wichtige Entwicklung. Aber der türkische Präsident Erdogan freut sich gar nicht.

    Iren Meier