«Es droht ein Massenansturm auf die Türkei»

Immer noch sitzen Zehntausende syrische Flüchtlinge aus Aleppo an der türkischen Grenze fest. Die Türkei lässt sie nicht ins Land. Ankara schicke damit Zeichen, sagt der Journalist Thomas Seibert: An die Syrer, die EU, aber auch an Russland.

Frauen und Kinder stehen zwischen Sträuchern herum, sie sind von der Flucht sichtlich mitgenommen.

Bildlegende: Aus Aleppo geflohen, doch die Türkei lässt sich nicht einreisen: Flüchtlinge im Grenzgebiet. Reuters

Bis zu 60'000 syrische Flüchtlinge aus Aleppo harren auf der syrischen Seite der Grenze zur Türkei aus. Die Grenze werde erst geöffnet, wenn dies nötig sei, sagt Ministerpräsident Davutoglu. Was das genau bedeutet, führte er bisher nicht weiter aus. Der Journalist Thomas Seibert analysiert die Haltung der Türkei.

SRF News: Wie lange will die Türkei die Grenzen noch geschlossen halten?

Thomas Seibert: Derzeit gibt es keine Pläne, die Grenze zu öffnen. Im Gegenteil: Das türkische Katastrophenschutzamt und Hilfsorganisationen bauen auf der syrischen Seite der Grenze weitere Zeltlager auf. Derzeit sind laut neusten Zahlen rund 60'000 Menschen an der syrisch-türkischen Grenze, sie sind in acht Lagern untergebracht.

Man hat den Eindruck, die Türkei wolle mit ihrer Weigerung, die Syrer einreisen zu lassen, ein Zeichen setzen. Gegenüber wem will die Türkei denn Druck machen?

Das eine ist ein Zeichen in Richtung Syrien: Syrische Aktivisten sagen, dass ein Massenansturm von bis zu einer Million Menschen auf die Türkei drohe, die aus Aleppo und Umgebung fliehen würden, sobald eine Flucht in die Türkei möglich wird. Deshalb das Signal der Türken an die Syrer, dass die Grenze vorerst einmal geschlossen bleibt.

Das zweite Signal geht an die EU: Diese fordert einerseits, dass die Türkei die Menschen ins Land lässt, andererseits müsse die Türkei aber mehr tun, damit nicht noch mehr Menschen in Richtung Europa weiterreisen. Es scheint also, dass die Europäer das ganze Problem auf die Türkei abschieben wollen.

Zudem ist es wohl ein Zeichen in Richtung Moskau. Denn die neuste Fluchtwelle geht ja auf die russischen Luftangriffe in Aleppo zurück. Indem die Türkei das Leid der Bevölkerung in den Fokus rückt, bringt sie auch die russische Diplomatie in die Defensive. Das ist Ankara zumindest nicht unrecht.

Die Flüchtlinge werden auf syrischem Boden von der Türkei versorgt. Damit schafft die Türkei eine Art Pufferzone, die sie schon lange fordert. Ein sicheres Gebiet für Flüchtlinge auf syrischem Boden ...

Tatsächlich fordert die Türkei seit längerem solche Schutzzonen auf syrischem Gebiet. Es wird nun spekuliert, dass die Türkei eine solche Zone quasi durch die Hintertüre ohne UNO-Beschluss schaffen will. Allerdings fehlt in diesem Szenario im Moment ein wichtiges Element, nämlich die militärische Absicherung der Flüchtlingslager. So gibt es keine türkischen Soldaten auf syrischem Gebiet und keine Flugverbotszone. Insofern kann man im Moment noch nicht von der Einrichtung einer Pufferzone durch die Türkei sprechen.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Der Journalist Thomas Seibert ist USA-Korrespondent des «Berliner Tagesspiegels». Zuvor berichtete er während 20 Jahren für verschiedene Zeitungen und Radiosender aus der Türkei.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Türkei befürchtet weitere Flüchtlinge

    Aus Tagesschau vom 9.2.2016

    Die Einwohner der syrischen Stadt Aleppo sind nach der Offensive des syrischen Regimes weiterhin auf der Flucht. Tausende haben sich erneut Richtung Türkei aufgemacht.

  • Ein syrisches Paar, das schon früher in die Türkei geflüchtet war, wartet im türkischen Kilis auf die Eltern, die aus Aleppo in Syrien geflüchtet sind.

    Flüchtlinge - kein Weg vorwärts und kein Weg zurück

    Aus Rendez-vous vom 9.2.2016

    Zehntausende Menschen fliehen zurzeit aus der syrischen Millionenstadt Aleppo in Richtung Türkei. Die syrische Armee zieht die Schlinge um die Stadt immer enger, mit der Untersützung russischer Kampfflugzeuge und iranischer Milizionäre. Die Türkei hat sämtliche Grenzen zu Syrien geschlossen.

    Veronika Meier