Wahlkampf in Frankreich Fillon bläst zum Gegenangriff

Selbst Parteifreunde wenden sich vom konservativen Präsidentschaftskandidaten ab. Um seine Kampagne zu retten, mobilisiert François Fillon jetzt die öffentliche Meinung gegen die Justiz, wie Frankreich-Mitarbeiter Rudolf Balmer sagt.

SRF News: Wie lange kann sich François Fillon noch als Präsidentschaftskandidat halten?

Rudolf Balmer: In Frankreich hat man den Eindruck, dass Fillons so schön organisierte Kampagne bröckelt. Immer mehr seiner Mitarbeiter ziehen sich zurück. Sie sagen, es sei für sie nicht mehr haltbar, einen solchen Kandidaten zu unterstützen.

30 republikanische Abgeordnete wandten sich in einem Appell an Fillon, jetzt sei der Zeitpunkt, um noch erhobenen Hauptes zurückzutreten. Auch in seinem Kampagnenhauptquartier sind mehrere wichtige Mitarbeiter, darunter der Schatzmeister, zurückgetreten.

Gegen Fillon wird ermittelt. Trotz seinem Versprechen, hat er seine Kandidatur nicht zurückgezogen. Ist er noch glaubwürdig?

Sein Meinungswechsel hat sein Lager sehr enttäuscht. Bei den Vorwahlen der bürgerlichen Rechten vom letzten Herbst war er als Mann mit sauberer Weste angetreten. Er wollte gerade in der Politik für Transparenz sorgen. Dass er jetzt trotz Ankündigung der Richter, gegen ihn werde Anklage erhoben, nicht auf seine Kandidatur verzichten will, hat ganz speziell enttäuscht.

Auch Pressesprecher tritt zurück

Soeben hat Thierry Solère sein Amt zur Verfügung gestellt. Über Twitter teilte er mit, er werde seine Aufgabe als Mediensprecher Fillons beenden. Solère hatte auch die Vorwahlen organisiert, aus denen Fillon als Kandidat der Republikaner hervorging.

Wie will er seine Kampagne retten?

Fillon mobilisiert jetzt die öffentliche Meinung gegen die Justiz. Er spricht von einem Komplott und versucht sich als Opfer darzustellen. Das kommt in Fillons Lager sehr schlecht an. Am Sonntag wollen einige seiner Anhänger eine Grosskundgebung durchführen. Präsident François Hollande hat aber erklärt, Demonstrationen gegen die Justiz seien nicht legal.

«  Fillon mobilisiert jetzt die öffentliche Meinung gegen die Justiz.  »

Die Kundgebung könnte für Fillon sogar kontraproduktiv sein, sollten sich nur sehr radikale Kräfte für ihn mobilisieren, die damit auch eine vermeintlich offene Rechnung mit der Justiz und den Richtern begleichen wollen.

Was können die Republikaner tun?

Fillon beruft sich ziemlich stur darauf, dass er nicht nur von seiner Partei, den Republikanern, nominiert worden sei, sondern bei offenen Vorwahlen, an denen sich im November rund vier Millionen Bürgerinnen und Bürger beteiligt hatten. Er habe das Mandat vom Volk erhalten, deshalb könne ihn die Partei jetzt nicht einfach absetzen, sagt er.

Die Republikaner könnten ihm zwar ihre Unterstützung entziehen und einen anderen Kandidaten nominieren. Es ist aber klar, dass zwei bürgerliche Kandidaten, die dasselbe Lager vertreten, keine Chance hätten.

Affäre um Scheinbeschäftigung

Dem konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon wird vorgeworfen, seine Frau jahrelang nur zum Schein als Assistentin angestellt und sich dafür mit Hunderttausenden Euro aus der Staatskasse bedient zu haben. Er selbst weist die Vorwürfe zurück. Am Mittwoch hatte der frühere Ministerpräsident bestätigt, dass es ein formelles Ermittlungsverfahren gegen ihn gibt. Dennoch will er an seiner Kandidatur festhalten.

Angenommen, Fillon tritt ab. Wer würde einspringen?
Alle denken an den früheren Premierminister Alain Juppé. Bei den Vorwahlen belegte er den zweiten Platz hinter Fillon. Er ist sehr populär und wäre durchaus in der Lage, in kürzester Zeit eine Kandidatur und eine Kampagne zu organisieren. Doch die Zeit wird knapp.

«  Fillon hat praktisch keine Chancen mehr, überhaupt in die Stichwahl zu kommen. »

Bis spätestens am 17. März müssen die Kandidaturen offiziell angemeldet sein. Juppé erklärte zudem, er würde nur antreten, sollte Fillon das ausdrücklich von ihm verlangen.

Haben die Konservativen überhaupt noch eine Chance, den nächsten Präsidenten zu stellen?

Das ist ja das Erstaunliche: Als Fillon als Kandidat nominiert worden war, sagten alle, er sei der nächste Präsident Frankreichs. Heute hat er praktisch keine Chancen mehr, überhaupt in die Stichwahl zu kommen.

Nach aktuellem Umfrage-Stand würden die zweite Runde Marine Le Pen vom Front National und der links-liberale Emmanuel Macron unter sich ausmachen. Doch diese Präsidentschaftswahl ist so speziell und unvorhersehbar, dass man mit allem rechnen muss.

Das Gespräch führte Tina Herren.

Rudolf Balmer

Rudolf Balmer

Der Journalist Rudolf Balmer berichtet für deutschsprachige Medien aus Paris über französische Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Darunter auch für SRF.

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