«Man kann einen Crash nicht live miterleben»

Aviatik-Apps wie Flightradar24 ermöglichen es, jederzeit und überall den Flugverkehr zu beobachten. Sind sie eine Gefahr für die Sicherheit oder bloss eine Spielerei mit viel Realitätsbezug? Aviatik-Experte Stefan Eiselin erklärt, wie sie funktionieren.

Ein Mann mit Brille auf einen Bildschirm, auf dem die Flugroute der abgestürzten Germanwings-Maschine angezeigt wird.

Bildlegende: Flightradar24: Damit kann jeder in Echtzeit den Flugverkehr weltweit im Auge behalten. Keystone

Als vor zwei Tagen eine Germanwings-Maschine über den französischen Alpen vom Radar verschwand, gab es sofort Gerüchte, sie sei abgestürzt. Denn Aviatik-Fans wissen heute fast zeitgleich mit den Fluglotsen im Kontrollturm, wenn ein Flugzeug in Schwierigkeiten ist. Möglich machen es kostenlose Apps wie Flightradar24.

SRF News: Wie funktionieren diese Programme genau?

Stefan Eiselin: Sie basieren auf der Technik ADS-B. Das ist eine relativ neue Technik, bei der Flugzeuge Daten aussenden. «B» steht für Broadcast, also das laufende Senden von Daten, die von Empfängern aufgefangen werden können. Das sind zum Beispiel Positions-, Richtungs- oder Geschwindigkeitsdaten. Programme wie Flightradar24 nutzen das aus. Denn solche ADS-B-Empfänger kann jeder bei sich haben. Es gibt sie – in der schlechtesten Qualität – ab 25 Franken zu kaufen. Diese Daten werden zum Beispiel in Europa von rund 4000 Empfangsstationen von Privatpersonen gesammelt. Sie aggregieren sie, rechnen sie hoch und schneiden sie mit Daten von Flugplänen gegen. So kommen sie zu einer relativ akkuraten Aufzeichnung des Flugverlaufs.

Sind alle Flieger erfasst, die im Moment in der Luft sind?

Nein, absolut nicht. Denn es gibt einerseits Gegenden, in denen diese ADS-B-Abdeckung nicht gut ist. Zum Beispiel in Afrika haben die Leute kaum solche Empfänger zuhause. Und natürlich gibt es auch über dem Meer keine Empfänger. Das ist das Eine. Das Andere ist auch, dass die Technik relativ neu ist und noch nicht alle Flugzeuge mit dieser ausgestattet sind. In Europa sind es erst rund 75 Prozent. In Nordamerika sind es auch ungefähr so viel. In anderen Weltregionen sind es weniger. Insgesamt sind es rund zwei Drittel der Maschinen. Das heisst, es gibt doch noch viele Flugzeuge, die man so nicht erfassen kann.

Wie gut lässt sich ein Absturz auf so einer App beobachten? Konnte man so etwas feststellen, als der A320 der Germanwings vom Bildschirm verschwand?

Ich glaube, zuerst konnte man einfach nur feststellen, dass da vielleicht ein komischer Flugverlauf ist, dass ein komischer Sinkflug stattfindet. Das heisst aber noch nicht, dass man dann wirklich einen Crash live miterleben kann. Denn es kann auch sein, dass einfach die Daten ausfallen. Als Laie weiss man nicht genau, was in diesem Flugzeug passiert. Es kann sein, dass die Empfänger ausgefallen sind in der Region. Dann ist das Flugzeug auch weg vom Schirm. Das heisst aber noch nicht, dass etwas passiert sein muss.

Es gibt also Lücken. Doch ein Laie kann sehr viele Daten sammeln. Kann das nicht auch gefährlich sein, etwa wenn Terroristen diese Apps benutzen?

Ich sehe diese Gefahr eigentlich nicht. Denn zum Einen sind die Daten eben lückenhaft. Zum Anderen sind die Flugplandaten sowieso bekannt. Also man weiss mehr oder weniger, wo ein Flugzeug von Zürich nach New York durchfliegt. Dazu braucht es keine App, auf der man live verfolgen kann, wo es nun genau ist. Man muss sich auch vorstellen: Das wäre schon eine logistische Meisterleistung, wenn man diesem Flugzeug dann direkt folgen könnte.

Das Gespräch führte Iwan Santoro.

Stefan Eiselin

Stefan Eiselin ist Aviatik-Experte und Chefredaktor des Luftfahrt-Nachrichtenportals «Aerotelegraph».