Nigeria – die Wirtschaft im Hoch, die Bevölkerung im Elend

Der westafrikanische Staat verfügt über wertvolle Bodenschätze, eine junge Bevölkerung und eine boomende Wirtschaft. Trotzdem lebt die grosse Mehrheit in bitterster Armut, der Nährboden für Konflikte ist gross. Das Land wird von Terror überzogen.

Ein heillos überfüllter Markt in Lagos.

Bildlegende: Der Bevölkerungszuwachs ist enorm. Heute leben über 170 Millionen Menschen in Nigeria. 1960 waren es noch 35 Millionen. Reuters

Beleuchtet man das Land Nigeria, fallen gleich mehrere Superlative ins Auge:

  • Die grösste Volkswirtschaft Afrikas: Nach Angaben des National Bureau of Statistics (NBS) übertraf das Bruttoinlandprodukt 2013 gar dasjenige von Südafrika. Zentrale Treibkraft ist die Ölindustrie.
  • Der grösste Ölproduzent Afrikas: Weltweit betrachtet ist Nigeria der achtgrösste Erdölproduzent.
  • Das bevölkerungsreichste Land Afrikas: Nigeria zählt rund 170 Millionen Einwohner. Jährlich wächst die Bevölkerung um über drei Millionen Menschen, und Millionen junger Menschen drängen auf den Arbeitsmarkt. Neue Jobs aber entstehen kaum.
  • Der Nigerianer Aliko Dangote ist der reichste Mann Afrikas: Der Selfmade-Man verdiente mit Zement ein Vermögen. Das US-Magazin «Forbes» schätzt sein Vermögen auf 22 Milliarden Dollar.

Nigeria gilt als Afrikas wirtschaftlicher Hoffnungsträger. Doch betrachtet man die Lebenserwartung, die Kindersterblichkeit oder das Tagesbudget, schneidet das Land schlecht ab. Über die Hälfte der Nigerianer und Nigerianerinnen lebt unter dem Existenzminimum. Ihnen steht pro Tag nur rund ein US-Dollar zur Verfügung.

Der wirtschaftliche Aufschwung findet nur im Süden des Landes und in der zentral gelegenen Hauptstadt Abuja statt. Während der von Christen (landesweit 49 %) dominierte Süden also boomt, ist der mehrheitlich von Muslimen (45 %) bewohnte Norden ärmlich.

Analphabetismus statt «westlicher» Bildung

Regiert wird das Land seit 2010 von dem christlichen Präsidenten Goodluck Jonathan. Und obwohl die Verfassung zwar eine strikte Trennung von Staat und Religion vorschreibt, wird in zwölf Bundesstaaten im Norden des Landes nach der Scharia Recht gesprochen. Propagiert wird die islamische Rechtsordung mitunter von der islamistischen Terrorsekte Boko Haram, die das Land seit geraumer Zeit mit Terror überzieht.

Ein Mann hält ein Transparent mit der Aufschrift «Help please, Nigeria ist dying»

Bildlegende: Nigeria droht an den religiösen, ethnischen, sozialen und politischen Gegensätzen zu zerbrechen. Keystone/Archivbild

Die Gruppierung, deren Namen übersetzt «Bildung ist Sünde» heisst, stemmt sich mit allen Mitteln gegen eine «Verwestlichung» des Landes und kämpft für ein islamistisches Kalifat. Dabei resultiert die tiefe Armut nicht etwa aus einem Übermass an Bildung: Ein Drittel der nigerianischen Kinder geht nicht zur Schule, die meisten davon im Norden des Landes. Bei den Frauen beträgt die Analphabetenquote 50 Prozent.

Kinder als Selbstmordattentäter

Boko Haram operiert im Spannungsfeld zwischen Süden und Norden, Christentum und Islam, Reichtum und Armut. Letzteres verschaffte den Terroristen von Boko Haram zunächst einfach neue Rekruten. Je mehr sich ihr Terror jedoch gegen einfache Zivilisten richtete, desto mehr musste sie auf die Zwangsrekrutierung entführter Jugendlicher zurückgreifen.

Kindesentführungen, Bombenanschläge und Selbstmordattentate – sie gehen zumeist auf das Konto von Boko Haram und sind in Nigeria nichts Neues. Neu ist, dass die Gewalt häufiger und grausamer wird. Meldungen, wonach bei den jüngsten Anschlägen vermehrt Kinder Selbstmordattentate begingen – nach unbestätigten Berichten zuletzt offenbar ein 10-jähriges Mädchen – erschüttern die Gesellschaft.

Die Attentate zielen längst nicht mehr überwiegend auf Christen ab, sondern auch auf Muslime – denn wer sich in den säkularen Staat eingliedert, gilt als Verräter. Bei den chaotischen Zuständen im Land scheint die Regierung heillos überfordert.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Nigerianische Regierung gegen Terror von «Boko Haram»

    Aus Tagesschau vom 9.1.2015

    Zum Auftakt des Präsidentschaftswahlkampfs in Nigeria verbreitet die islamistische Terrorgrupppe «Boko Haram» weiter Angst und Schrecken. Sechzehn Ortschaften sollen in den letzten Tagen niedergebrannt worden sein, hunderte Menschen getötet. Nun will die Armee das Gebiet zurück erobern.

  • Nigerias Präsident Goodluck Jonathan auf Wahlkampf in Lagos, Nigeria, am 8. Januar 2015.

    Nigeria: Vom Staat im Stich gelassen

    Aus Echo der Zeit vom 9.1.2015

    Die islamistischen Terroristen von Boko Haram haben in Nigeria brutal zugeschlagen. Eine Stadt wurde dem Erdboden gleich gemacht, Menschen getötet und in die Flucht gejagt. Gesicherte Informationen gibt es in Nordnigeria so wenig wie Sicherheit.

    Das hat auch mit dem Desinteresse der Regierung zu tun.

    Patrik Wülser