Wo sich die Spreu vom Weizen trennt: Die Vorwahlen in den USA

Das Rennen um die US-Präsidentschaft geht in die heisse Phase: In Kürze beginnen die Vorwahlen – dabei bestimmen Demokraten wie Republikaner ihren offiziellen Kandidaten. Die Ausgangslage ist brisant.

Eine strahlende Hillary Clinton zeigt mit beiden Zeigefingern ins Publikum.

Bildlegende: Kann Hillary Clinton diesmal in Iowa punkten – oder holen sie die Geister von 2008 ein? Keystone

Die erste Runde der TV-Duelle ist vorbei, nun folgt die eigentliche Bewährungsprobe für die US-Präsidentschaftskandidaten: Bei den Vorwahlen, die am 1. Februar in Iowa beginnen und sich bis in den Frühsommer quer durch alle Bundesstaaten ziehen, wird der offizielle Kandidat beider Parteien herausgesiebt.

Wie laufen diese Vorwahlen genau ab und wie entscheidend sind sie? Kann Hillary Clinton ihr Iowa-Trauma von 2008 überwinden? Oder schlägt etwa die Stunde der Aussenseiter? Und welche Trümpfe zieht der unberechenbare Donald Trump noch aus dem Ärmel?

Die wichtigsten Daten und Eckpunkte

  • Iowa first: Seit 1972 wird im ländlichen Bundesstaat der Reigen der Vorwahlen eröffnet, 2016 ist das am 1. Februar der Fall. In Iowa kommt es allerdings nicht zu einer Urnenwahl, sondern zu einem sogenannten Caucus. Bei diesen Wahlversammlungen trifft man sich in Kneipen, Schulen oder Scheunen und bestimmt in einem sehr komplexen Verfahren Delegierte für die Parteitage im Juli.
  • Die erste eigentliche Urnenwahl (Primary) folgt am 9. Februar in New Hampshire. Auch hier werden nicht die Bewerber gewählt, sondern Delegierte für den Nominierungsparteitag.
  • Am 1. März ist «Super Tuesday», da gleichzeitig 13 Bundesstaaten Vorwahlen abhalten. Für die Kandidaten eine logistische Herkulesaufgabe.
  • Im Juli finden die Parteitage statt: Danach werden Republikaner und Demokraten ihren offiziellen Kandidaten wie auch den jeweiligen Vizerpräsidentschaftskandidat bekannt geben.
  • Am 8. November wird der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Barack Obama gewählt.
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Hillary Clinton hart bedrängt

2:26 min, aus Tagesschau vom 18.1.2016

Die Bedeutung von Iowa und New Hampshire

Wer seine Chancen auf den Präsidentensitz intakt halten will, sollte einen guten Start hinlegen. Iowa und New Hampshire kommen zwar nicht zuerst, weil sie wichtig sind – aber sie sind wichtig, weil sie zuerst kommen. «Zum ersten Mal nach fast zwei Jahren Meinungsumfragen werden konkrete Ergebnisse vorliegen», sagt SRF-USA-Korrespondent Beat Soltermann. «Iowa, New Hampshire, und in einem gewissen Grad auch South Carolina und Nevada – das sind die Orte, wo sich die Spreu vom Weizen trennt – und wo wohl einige Kandidaten, die schlecht abschneiden, das Handtuch werfen werden.»

Ein Blick in die Geschichtsbücher unterstreicht die Bedeutung der ersten Bundesstaaten: Denn noch nie erreichte ein Kandidat die offzielle Nominierung, der in Iowa schlechter als auf dem dritten Platz abschnitt. Geradezu ein Sprungbrett war die Vorwahl im «Hawkeye State» für Jimmy Carter. Dieser konzentrierte seinen Wahlkampf 1976 explizit auf Iowa, landete dort einen Überraschungserfolg und wurde US-Präsident.

Schlechte Erinnerungen hat hingegen Hillary Clinton an den Kleinstaat. Obwohl 2008 lange Zeit als Favoritin gehandelt, rangierte sie in Iowa bloss auf Rang drei (hinter Barack Obama und John Edwards). Die offizielle Kandidatur blieb ihr schliesslich verwehrt.

Sanders im Aufwind

Droht ihr wieder dasselbe Schicksal? Die ehemalige First Lady galt bei den Demokraten quasi als gesetzt – doch Bernie Sanders holt auf. Jüngste Umfragen gehen davon aus, dass der 74-Jährige sowohl in Iowa wie auch in New Hampshire vorne liegen könnte. Dass Clinton derart stark unter Druck geraten ist, hat laut Soltermann verschiedene Gründe. Sie sei zwar sehr gut qualifiziert. «Aber viele Amerikanerinnen und Amerikaner trauen ihr nicht oder sie wollen ein neues Gesicht.»

Verliert Clinton tatsächlich wieder in Iowa, so droht ein Schneeball-Effekt. Während Sanders zusätzlichen Schub und mehr Spendengelder erhielte, könnten Wähler anderer Staaten ebenfalls auf ihn umschwenken. Die demokratische Ausmarchung würde sich auf jeden Fall in die Länge ziehen, so Soltermann.

Ein Mann spricht vor einer John-Wayne-Statue.

Bildlegende: Interessante Wahlkampf-Location: Donald Trump spricht im John Wayne-Museum in Iowa. Keystone

Weist Cruz «The Donald» in die Schranken?

Höchst spannend wird es auch bei den Republikanern, wo es auf einen Vierkampf hinauslaufen dürfte. Der umtriebige Multimilliardär Donald Trump steht drei offiziellen Kandidaten der Partei gegenüber: Senator Ted Cruz, Senator Marco Rubio und Jeb Bush, dem Sohn und Bruder früherer Präsidenten.

Noch hat Trump die Nase vorn – doch in einigen Umfragen ist ihm Cruz dicht auf den Fersen oder liegt gar gleichauf. Eine Prognose wagt USA-Korrespondent Soltermann nicht – «erst recht nicht, wenn sie ‹The Donald› betreffen». Schliesslich hätten sich in diesem Wahlkampf bereits einige Abläufe und Regeln der Vergangenheit als falsch herausgestellt.

Der Weg ist lang – und birgt Überraschungen

Dies ist auch den Mitstreitern bewusst. Selbst wer in Iowa und New Hampshire brilliert, ist längst nicht am Ziel. «In den Vorwahlen kann viel passieren», bekräftigt Soltermann. «Und schon mancher Favorit wurde am Ende nicht zum offiziellen Kandidaten erkoren.» Möglich auch, dass im Juli gar kein Kandidat eine Mehrheit der Delegierten-Stimmen auf sich vereint. Dann käme es zu einer sogenannten «brokered convention» – der Parteitag müsste den offiziellen Kandidaten frei bestimmen. Dies geschieht laut dem USA-Korrespondenten aber sehr selten.

Eher unwahrscheinlich ist wohl auch, dass sich ein Gerücht bewahrheitet, das derzeit in den USA für Wirbel sorgt: So heisst es, der aktuelle Vizepräsident Joe Biden könnte überraschend in den Ring steigen, falls es für Clinton in Iowa und New Hampshire nicht läuft. Und natürlich könnte sich theoretisch noch ein Unabhängiger ins Rennen stürzten – so wie Ross Perot im Jahr 1992. Der ehemalige Bürgermeister von New York City, Michael Bloomberg, werde in diesem Zusammenhang immer erwähnt, sagt Soltermann. «Doch bis jetzt ist das reine Spekulation.»

Beat Soltermann

Beat Soltermann

Beat Soltermann arbeitet seit 2011 als Korrespondent in Washington. Zuvor berichtete er als Wirtschaftsredaktor oft über die Finanzkrise und war als Gastgeber der «Samstagsrundschau» tätig. Der promovierte Jurist studierte in den USA und in der Schweiz Recht, Volkswirtschaft und Journalismus.