«Es wurden weniger Wut-, sondern Vollblutbürger mobilisiert»

Von der «Zivilgesellschaft» war im Vorfeld der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative, aber auch am Abstimmungssonntag selbst viel die Rede. Gegen die Vorlage der SVP soll sie besonders aktiv gewesen sein. Ein Experte erklärt, was sie genau ist, die Zivilgesellschaft.

SRF News: Was ist sie – diese Zivilgesellschaft?

Markus Freitag: Die Zivilgesellschaft beschreibt eine gesellschaftliche Selbstorganisation, die auf dem Engagement von Bürgern beruht. Mit diesem Engagement helfen beispielsweise Bürger anderen Menschen. Oder sie versuchen Einfluss zu nehmen auf die öffentliche Meinung, wie das geschehen ist in den letzten Wochen und Monaten durch Debatten, Proteste, Soziale Medien und die Beteiligung an öffentlich wirksamen Aktionen.

Im vorliegenden Fall waren es eben nicht nur die etablierten Parteien und die finanzstarken Wirtschaftsverbände, die dies getan haben, sondern eben verschiedene Bewegungen und Zusammenschlüsse über Generationen, Parteilinien und Professionen hinweg. Diese Zusammenschlüsse von Jungen, ehemaligen Politikern und Künstlern haben die Bevölkerung wach gerüttelt und mit Informationen versorgt.

…diese Zivilgesellschaft ist nun in aller Munde. Doch bei wem hat sie nun effektiv dazu geführt, dass man sich auch eingesetzt hat gegen die Initiative und abstimmen gegangen ist?

Die hohe Stimmbeteiligung lässt darauf schliessen, dass vornehmlich die sogenannten selektiv Teilnehmenden erreicht wurden, das sind Menschen, die nur dann an die Urne gehen, wenn sie sich besonders betroffen fühlen vom Abstimmungsgegenstand. Wir haben am Sonntag immer wieder gehört, dass es vielleicht die Jungen waren, die besonders politisiert und zur Abstimmung getrieben wurden. Wir könnten aber genauso gut annehmen, dass es vielleicht die älteren Stimmbürger sind, die sich bis anhin immer zufrieden gezeigt haben mit den politischen Vorgängen und aus diesem Grunde eben nicht immer abstimmen gehen – aber dieses Mal schon.

Ganz genau wissen wir das nicht. Das werden die künftigen Analysen zeigen müssen. Aber in den beiden angesprochenen Fällen wurden wohl Bürger erreicht, die nicht so sehr aus Politikverdrossenheit aufbegehrten, sondern weil sie sich in besonderem Masse betroffen fühlten. Damit wurden weniger Wutbürger, sondern eher Vollblutbürger mobilisiert – also Menschen, die aus ihrer Zurückhaltung erwachen und ihre Rechte einsetzen und verteidigen.


Prof. Freitag über den Aufstand der Zivilgesellschaft

6:02 min, aus SRF 4 News aktuell vom 29.02.2016

Und mit welchen Motiven sind die Menschen an die Urne gegangen?

Ganz wichtig war das Motiv, dass man suggeriert bekommen hat, dass jede Stimme zählt. Inhaltlich ging es um das Eingemachte: um das politische Miteinander der Schweiz, also um die Wahrung des Ausgleichs und der Machtteilung statt um einseitige Zwängerei und die Aushebelung von Fundamenten des politischen Systems.

Und es ging zweitens um ein rechtsstaatliches Grundprinzip, also dass es einen Anspruch auf Gleichbehandlung vor dem Gesetz gibt, es soll keine Zweiklassengesellschaft bestehen: hier die Schweiz und dort die in der Schweiz integrierten Ausländer. Zum dritten ging es auch um das soziale Miteinander, um die vielen Nachbarn, Bekannten, Freunde und Kollegen mit einem Migrationshintergrund, die den Alltag vieler Schweizer prägen. Insofern hat die Abstimmung die Mittel des Volkes erreicht.

Eine umstrittene Initiative hat stark mobilisiert. Wie geht es nun weiter angesichts dieser Dynamik: wird sich diese Zivilgesellschaft auch künftig gegen die SVP zur Wehr setzen?

Das lässt sich nicht genau prognostizieren. Ich denke kurzfristig bedeutet dies vor allen Dingen, dass die Schweizer Zivilgesellschaft intakt ist, es sind also Strukturen da, die abgerufen werden können. Langfristig sollte das Abstimmungsergebnis vor allem auch die Mobilisierungsfähigkeit und zivilgesellschaftliche Ambitionen stärken. Es hat sich gezeigt, dass eine Abstimmungs- und Wahlmüdigkeit zu überwinden ist und die Bevölkerung sich durchaus mobilisieren lässt. Es hat sich auch gezeigt, dass sich ein Engagement lohnt, dass die politische Meinung und das politische Geschehen beeinflusst werden können.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Markus Freitag

Porträt von Markus Freitag

Seit August 2011 ist Freitag Direktor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern und Inhaber der Professur für Politische Soziologie. Im Zentrum seiner Lehr- und Forschungstätigkeit stehen die politischen wie sozialen Einstellungen und Verhaltensweisen in der Schweiz und im internationalen Vergleich.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Benjamin Fischer und Flavia Kleiner.

    Im Tagesgespräch: Benjamin Fischer und Flavia Kleiner

    Aus Rendez-vous vom 29.2.2016

    Als Präsident der Jungen SVP Schweiz hat sich Benjamin Fischer für die Durchsetzungsinitiative seiner Mutterpartei eingesetzt. Als parteilose Co-Präsidentin der «Operation Libero» hat Flavia Kleiner für ein Nein mobilisiert. Die beiden sind Gäste von Susanne Brunner.