«Umfragen sind keine Prognosen»

Das wuchtige Nein zu Ecopop- und zur Goldinitiative war viel deutlicher, als Polit-Beobachter erwartet hatten. Eine Umfrage zehn Tage vor der Abstimmung zeigte bei beiden Initiativen noch einen Ja-Stimmenanteil, der mehr als zehn Prozentpunkte über dem Resultat liegt. Warum der grosse Unterschied?

Abstimmungsplakate zur Goldinitiative

Bildlegende: «Umfragen sind keine Prognosen für Abstimmungen», sagt Polit-Beobachter Claude Longchamp. Keystone

Ecopop und Gold: Für beide Initiativen gibt es eine ähnliche Abweichung zwischen Umfrage und Resultat. Und das weist für Politologe Claude Longchamp auf gemeinsame Ursachen hin. Die Stimmbeteiligung sei tiefer gewesen als in der 2. Umfrage und auch tiefer, als am 9. Februar, als es um die Masseneinwanderungs-Initiative ging. «So gingen die Beteiligungsabsichten bei den SP-Wählern hoch und bei den SVP-Wählern nach unten.»

Geschlossenes Auftreten als grosse Mobilisierung

Sprich: Viele SVP-Wähler seien der Urne ferngeblieben. Die SVP alleine mit 26 Prozent Wählerstärke kann eine Initiative aber nicht alleine retten oder versenken. Das bestreitet Claude Longchamp nicht. Der Leiter des Forschungsinstituts gfs zieht aber einen Vergleich zum 9. Februar, als die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP angenommen worden ist. «Wenn eine Partei, die gross und stark ist und in ihrem besten Thema der ganzen Migrationsfrage geschlossen auftreten kann, kann sie mit einer Schlussmobilisierung starke Wirkung erzielen.»

Starke Schlusskampagnen

Wenn sie aber gespalten sei, die Mutterpartei Nein sage und einzelne Kantonalparteien Ja, dann habe das eine demobilisierende Wirkung.

Eine weitere Ursache für die Diskrepanz zwischen Umfrage und Resultat sieht der Politologe im Finish vor dem Abstimmungstag: «Die Schlusskampagnen bei der Gold- wie auch bei Ecopopinitiative waren viel heftiger und somit auch wirkungsvoller als diejenige der Befürworterseite.» Dass dabei dann eher ein Nein resultiere, sei eine Binsenwahrheit.

Gfs-Umfragen sind keine Prognosen

Longchamp betont, dass die gfs-Umfragen keine Prognosen seien. Die letzten Befragungen würden 18 Tage vor der Abstimmung gemacht, und wenn in diesen Tagen noch etwas passiere, wie in diesem Fall die Anti-Kampagnen, dann könne das Resultat eben etwas anders aussehen.

Beim Thema Ausländer nicht in Karten schauen lassen

Doch gerade mehr als 10 Prozentpunkte Unterschied? Fachleute vermuten: Geht es bei Initiativen um das Thema Ausländer, würden die Befragten eventuell nicht sagen, was sie wirklich denken. So die Interpretation beim Ja zur Minarett-Initiative.

Ging man beim gfs-Institut von diesem Modell aus? Longchamp verneint. «Wir haben keine Modelle. Wir berichten, was in den Umfragen an Antworten gekommen ist. Wir haben 2010 nach der Minarett-Initiative unser Konzept einmal gründlich überprüfen lassen. Seither haben wir keine Änderungen vorgenommen. Es ist also nichts modellartiges darin.»

Sicher aber wird diese Abstimmung beim gfs-Forschungsinstitut intern noch diskutiert. Zum Beispiel, was in den letzten drei Wochen bei der Meinungsbildung passiert ist.