Zum Inhalt springen

Alleinerziehend & Sozialhilfe «Ich finde es schrecklich, dass ich Hilfe brauche»

Die jüngste Sozialhilfestatistik zeigt: Vor allem Alleinerziehende sind armutsgefährdet. Eine Betroffene berichtet.

Legende: Video Alleinerziehende sind häufig auf Sozialhilfe angewiesen abspielen. Laufzeit 1:46 Minuten.
Aus Tagesschau vom 07.11.2017.
Junge Frau mit braunen Locken.
Legende: Rahel V. lebt mit ihrer Tochter im Grossraum Zürich. SRF/ZVG

Rahel V. ist 30 Jahre alt und seit einem Jahr alleinerziehend. Trotz eines 60-Prozent-Jobs ist sie seit März 2017 auf die Sozialhilfe angewiesen – denn ihr Lohn erreicht nicht das Existenzminimum und ihr Expartner verweigert die Unterhaltszahlungen für ihre einjährige Tochter.

SRF News: Warum sind Sie auf die Sozialhilfe angewiesen?

Rahel V.: Bevor meine Tochter zur Welt kam, arbeitete ich Vollzeit und mein Lohn lag über dem Existenzminimum. Danach reduzierte ich auf 60 Prozent. Vom Vater meines Kindes war ich zu diesem Zeitpunkt bereits getrennt. Er zahlt keinen Unterhalt. Weil wir keinen Unterhaltsvertrag vereinbart hatten, bekomme ich auch keine Alimentenbevorschussung. So musste ich auf die Sozialhilfe zurückgreifen. Ich gehe nun jedoch vor Gericht und werde den Unterhalt einklagen.

Wie fühlt es sich an, von Sozialhilfe abhängig zu sein?

Für mich ist es sehr schlimm, weil es nicht mein eigenes Verschulden ist. Mein Umfeld ist vor allem darüber erschüttert, dass der Kindsvater seinen Pflichten nicht nachkommt und ich deshalb Sozialhilfe beziehen muss. Mein Lohn alleine genügt nicht. Ich bin eine sehr selbständige Person und finde es schrecklich, dass ich Hilfe von jemandem brauche. Wenn ich Vollzeit arbeiten würde, würde das Geld wahrscheinlich reichen. Aber das möchte ich meinem Kind nicht antun. Ich bin selbst bei einer Tagesmutter gross geworden und ich hätte lieber gerne mehr von meiner Mutter gehabt als häufige Ferien.

Spürt Ihre Tochter, dass sie anders ist als andere Kinder?

Sie ist erst ein Jahr alt und leidet bisher nicht darunter. Ich rauche nicht und fahre kein Auto und so komme ich gut zurecht mit dem Geld. Natürlich kann ich mir keine Ferien oder grossartige Geschenke leisten – aber es genügt. Als erstes würde ich ohnehin bei mir sparen. Dann esse ich halt nur noch Nudeln mit Sauce. Aber niemals würde ich an meiner Tochter sparen.

Wo ist Ihre Tochter, wenn Sie arbeiten?

Auch bei einer Tagesmutter. Die Kosten dafür übernimmt das Sozialamt.

Welche Art von Unterstützung der Behörden wäre in Ihren Augen sinnvoll – sinnvoller gar als Geld?

Im Moment lebe ich in einer kleinen, schimmligen Wohnung. Ich würde gerne ein Kinderzimmer für meine Tochter haben. Doch ich darf einen Maximalbetrag für die Wohnung nicht überschreiten. Ausserdem hilft einem niemand bei der Suche. Hier würde ich mir Hilfe wünschen – jemanden, der mich im Alltag besser unterstützt.

45 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Christian Böhm (Sozialpunkt)
    Ich finde es nicht in Ordnung, das alle Menschen welche an der Existenzgrenze leben, sich noch rechtfertigen müssen, warum und wieso! Mit meiner Stiftung haben wir www.sozialpunkt.ch gegründet und verschenken Brillen, geben Lebensmittel und Kleider für 5 Franken ab, für Menschen welche nicht mehr als CHF 2250.- Einkünfte haben. Wir versuchen die Medien mittels Anschreiben zu Aktionen und Berichte zu bewegen. Die Antwort ist zumeist: kein Interesse unsere Leser interessiert das nicht. No Comment!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Werner Christmann (chrischi1)
    Irgend etwas stimmt an dieser Geschichte nicht. Sowohl Trennungen wie auch Scheidungen müssen von einem Gericht abgesegnet werden. Das Gericht hätte unter jeder Garantie eine Alimentenzahlung ins Urteil aufgenommen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Claudia Dolfi (Claudia D.)
      Es steht nichts davon, dass sie geschieden oder gerichtlich getrennt ist. Bei unverheirateten Eltern gibt es nicht zwingend eine Unterhaltsvereinbarung. Und bei einer faktischen Trennung von noch Verheirateten auch nicht, die gerichtliche Regelung der Trennung ist freiwillig.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von E. Waeden (E. W.)
    Was ich nicht verstehe ist, weshalb die junge Frau ihr Arbeitspensum nach der Trennung von 100 auf 60% reduziert hat. Eigentlich hätte sie ja wissen müssen, dass das nicht ausreichend ist. Und keine Alimentszahlungen mit ihrem Ex zu vereinbaren, war dann auch ziemlich naiv. Für eine solche Vereinbarung wäre sie von zuständige Ämtern auf der Gemeinde sicher unentgeldlich unterstützt worden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Werner Christmann (chrischi1)
      Mit einem 1-jährigen Kind ist selbst ein 60%-Pensum zuviel.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Aber noch mit ihrem Partner zusammen, hat sie ja 100% gearbeitet & erst nach der Trennung auf 60% reduziert. Fast könnte man meinen, sie hat es deshalb getan, weil sie dann auch auf finanzielle Unterstützung nicht nur fürs Kind, sondern auch für sich selber gehofft hatte. Uns stimmt: In der Regel werden bei nicht verheirateten Paaren, welche zusammen Kinder haben, Unterhaltszahlungen vorab, meist vom Jugendamt festgelegt. Zum Schutze der Kinder, wenn es zur Trennung kommt.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Claudia Dolfi (Claudia D.)
      Die freiwillige Regelung des Unterhalts und der Betreuung bei der Kindsschutzbehörde (KESB) resp. dem Familiengericht bei unverheirateten Eltern würde dem Problem des fehlenden Unterhaltstitels zur Bevorschussung vorbeugen. Diese kann bereits vor der Geburt des Kindes vereinbart werden. Seit der Revision des Unterhaltsrechts wird sie nicht mehr von Amtes wegen vorgenommen. Eine bessere Information der (werdenden) Eltern wäre hier sicher angebracht.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen