Leseverständnis: ungenügend Bessere Schulbücher braucht das Land

Jeder fünfte Schulabgänger hat Mühe, einen Text zu verstehen. Wenig erstaunlich, findet eine Expertin.

  • Beim Leseverständnis schneiden Schweizer Schüler seit der ersten Pisa-Studie von 2000 mittelmässig ab.
  • Die Reformen im Bildungswesen, die nach dem Pisa-Schock eingeführt wurden, haben bisher wenig Wirkung, wie der letzte Pisa-Test zeigt.
  • Didaktik-Professorin Claudia Schmellentin sieht vor allem Verbesserungspotenzial bei den Lehrmitteln und im Fachunterricht.

«Mit Deutschunterricht allein lernen Schüler das Verstehen von Texten nicht wirklich», sagt Claudia Schmellentin. Die Professorin für Deutschdidaktik
ist überzeugt, dass es dazu auch den Fachunterricht braucht. Nur wenn auch Biologie, Mathematik oder Geschichte verständlich vermittelt würden, erlangten die Schüler die gewünschte Sicherheit beim Lesen.

Pisa-Reformen wirkungslos

Nach dem ersten Pisa-Schock im Jahr 2000 lancierte die Konferenz der Erziehungsdirektoren einen Aktionsplan, der laut Schmellentin aber wenig Wirkung gezeigt hat.

«Man wollte zu schnelle Lösungen. Es war zu wenig untermauert. Man kann nicht einfach sagen: ‹Jetzt ist jeder Fachunterricht auch Sprachunterricht›. So passiert nicht viel.»

Der Pisa-Schock und seine Folgen

Im Jahr 2000 erschütterte der Pisa-Schock ganz Westeuropa. Im ersten grossen internationalen Schülervergleich schnitten Länder wie Deutschland, Frankreich und auch die Schweiz deutlich weniger gut ab als erwartet. Die 15-jährigen Schüler im Fernen Osten, in Australien, Neuseeland und Finnland waren ihnen beim Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften voraus.
Dem Schock folgte hektische Aktivität. An Schweizer Schulen wurden zahlreiche Reformen durchgeführt. Eine davon war, schon Kinder im Kindergarten spielerisch aufs Lesen und Schreiben vorzubereiten und spätestens in der Primarschule nur noch Standardsprache im Unterricht anzuwenden. Seither werden Leseschwache Schüler gezielt, integriert gefördert und die Sprachförderung findet in allen Schulfächern statt.
Als Folge des Pisa-Schocks wurden dazu nebenamtliche Rektoren mit vollamtlichen Schulleitern ersetzt und die Lehrerausbildung tetiarisiert, das heisst in pädagogische Hochschulen verlagert. Um bessere Vergleichsmöglichkeiten von verschiedenen Schulen und Schulsystemen zu schaffen, entwickelte man ausserdem interkantonal verbindliche Standards wie Harmos.

Lehrmittel greifen zu hoch

Ein weiteres Problem ortet Schmellentin bei den Schulbüchern, von denen viele schlecht seien. Die Deutsch-Didaktikerin hat kürzlich eine Studie fertiggestellt, die untersucht, wie verständlich Biologie-Lehrbücher für Sekundarschüler sind. Dabei habe sie festgestellt, dass «die Lehrmitteltexte weit höhere Kompetenzen erfordern, als sie bei Schülerinnen und Schülern vorhanden sind.»

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Das Leben ist die bessere Schule

4:14 min, aus Kulturplatz vom 15.1.2014

Und dabei wären es nur kleine Kniffe, mit denen man die Lehrmitteltexte verbessern könnte, wie Schmellentin betont. So seien Fachbegriffe nicht erklärt, es gebe viele Fremdwörter und anderes Unverdauliches. Oft fehlten einfachste Verständnishilfen, wie etwa Verweise auf Abbildungen, die in den meisten Schulbüchern fehlten. «Es sind kleine Dinge, die dem Schüler helfen würden.»

Es bräuchte nicht viel

Deshalb hat Schmellentins Team die untersuchten Texte im zweiten Teil der Studie umgeschrieben. Bildbezüge wurden eingefügt, Begriffe erklärt oder besser erklärt und mit Fragen ergänzt, die das Verstehen anregen sollen. Die Test-Schüler schlossen dann im Leseverständnis besser ab.

Aus den Erkenntnissen der Studie entwickelten Schmellentin und ihr Team Tipps für Lehrmittelautoren, wie sie ihre Texte an die «Verstehensmöglichkeit der Lernenden» anpassen könnten.

Der Pisa-Test

Das Programme for International Student Assessment (Pisa) ist der grösste internationale Schüler-Leistungstest. Die Studie wird alle drei Jahre von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführt. Die erste Studie wurde im Jahr 200 veröffentlicht. Beim Pisa-Test werden die Kenntnisse von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften getestet.

Lehrplan 21 als Chance

Jetzt sei ein sehr guter Moment, um Lehrmittel genauer anzuschauen, sagt Schmellentin. Mit dem neuen Lehrplan 21 wird sich bei den Schulbüchern ohnehin viel verändern und Verlage wie auch Autoren hätten dafür offene Ohren.

Mit guten Schulbüchern allein sei es allerdings nicht getan, schränkt Schmellentin ein. Um das Leseverständnis der Schüler zu verbessern, seien die Fachlehrer selbst ebenso stark gefordert. «Das geht nicht von einem Tag auf den andern. Es ist schon viel gemacht worden, aber wir haben noch viele Schritte zu tun.»

Schwächen im Schulsystem sind also noch immer stark mitverantwortlich dafür, dass es für viele Schüler beim Lesen oft einfach nicht weiter geht im Text.