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Oberster Impf-Experte Christoph Berger im Gegenwind
Aus Samstagsrundschau vom 08.01.2022.
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Corona: Trödelt die Schweiz? Oberster Impf-Experte Christoph Berger kontert Kritik

Rund 30'000 Neuansteckungen mit Corona pro Tag – aktuell grassiert das Virus in der Schweiz deutlich heftiger als in den meisten anderen westlichen Ländern. Wäre das zu verhindern gewesen? Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif), nimmt Stellung.

Christoph Berger

Christoph Berger

Kinderarzt und Infektiologe

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Prof. Christoph Berger ist Kinderarzt und Infektiologe am Universitätsspital Zürich. Er ist zudem Präsident der Eidg. Impfkommission.

SRF News: 30'000 Fälle – das ist eine grosse Zahl. Aber wie relevant ist sie noch?

Christoph Berger: Bisher haben wir vor allem auf die Hospitalisationen geschaut, also die Kapazität im Gesundheitswesen. Das war massgebend für Massnahmen. Aufgrund der aktuell sehr hohen Fallzahlen müssen wir nun aber auch noch berücksichtigen, wie viele Leute im Berufsleben, in der Versorgung ausfallen.

Ist dies der Ruf des Fachmanns nach einer Notbremse?

Die Impfung ist eine der Massahmen in der Pandemie – für diese fühle ich mich verantwortlich. Und: Je mehr Geimpfte wir haben, desto weniger andere Massnahmen brauchen wir. Aber ohne geht es nicht. Noch wichtiger aber als die Massnahmen des Bundes ist es, dass sich die Bevölkerung an jene Massnahmen hält, die wir schon haben: Abstand halten, Kontakte meiden, Maske tragen. Ich würde auch Grossveranstaltungen meiden. Hier geht es auch um Eigenverantwortung.

Die Eidgenössische Kommission für Impffragen spielt bei der Bekämpfung der Pandemie eine Schlüsselrolle. Jüngst wurde viel Kritik laut – etwa in puncto Boostern: Hier habe die Schweiz zu lange gezögert. Ist das so?

Wir haben klar gesehen: Bei den über 65-Jährigen braucht es einen Booster, weil der Schutz nachlässt. Wir verfolgten ganz lange das Ziel, mit der Impfung das Individuum vor einer schweren Erkrankung zu schützen und so die Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten. Danach gab es einen Switch. Seither wollen wir nicht mehr nur den Individualschutz, sondern dass es allen besser geht. Das ist ein Strategiewechsel, den wir retrospektiv vielleicht zu spät gemacht haben.

Ekif: Das sind die bisherigen Lehren

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Die 14-köpfige Eidgenössische Kommission für Impffragen (Ekif) hält in der Regel fünf Sitzungen pro Jahr ab. Deren Präsident Christoph Berger sagt selbst: Die Kommission ist für das Wahnsinnstempo dieser Pandemie und die grosse Belastung nicht gemacht. Es sei aber nicht so einfach, die Ekif krisentauglich umzubauen.

«Es gelten nach wie vor die ordentlichen Prozesse», so Berger. «Ich kann mich für diesen Job zur Verfügung stellen, aber das Kinderspital Zürich braucht in dieser Zeit einen Ersatz für mich. Für eine nächste Pandemie bräuchte es einen Führungsstab, der personell massiv unterstützen kann, damit Experten ihr Wissen vollumfänglich einbringen können.» Und: Es brauche eine noch stärkere Verbindung ins Innendepartement.

Personalisierte Kritik an die Adresse Bergers

Dass er quasi das Gesicht der Ekif ist, erklärt Berger mit der Einsetzungsverfügung des Bundes. Diese definiere, dass der Präsident die Kommunikation nach aussen mache. «Die Vizepräsidentin kümmert sich derweil um alle Belange, die nicht Covid betreffen.»

Dass als Konsequenz auch personalisierte Kritik an ihn resultiere, überrascht Berger wenig. «Ich bin offen für Kritik und möchte auch mit Leuten diskutieren, die eine andere Meinung haben. Was ich schwierig finde, ist, wenn man über mich diskutiert, aber nicht mit mir», sagt Berger. Da brauche er viel Rückendeckung vom BAG und vom Bund.

Er habe das Rampenlicht aber nicht gescheut. Und: «Ich habe noch viel Kraft und Energie, um weiterhin zu kommunizieren», sagt der Impfkommissions-Chef. «Wenn man das nicht mehr will, kann man mir das sagen. Aber ich möchte gerne dabei sein, wenn es mit der Pandemie besser wird.»

Israel ist bereits bei der vierten Dosis, Frankreich diskutiert sie – ist das für Sie medizinisch nachvollziehbar?

Man kann damit kurzfristig einen hohen Schutz vor einer Ansteckung erreichen, aber dieser ist zeitlich extrem begrenzt. Mittelfristig müssen wir einen Weg finden, bei dem man die Impfung zum Schutz vor einer schweren Infektion braucht.

Booster: Politische vs. wissenschaftliche Entscheide

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Dass Deutschland oder Österreich schneller mit Boostern angefangen haben, ist laut Christoph Berger einem politischen Entscheid geschuldet. «In Deutschland gab es beispielsweise eine Ministerkonferenz, die den Entscheid gefällt hat, ohne Fachleute», sagt der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen. Das  Statement der deutschen Impfkommission sei erst später gekommen. «Für das Vertrauen in der Bevölkerung und die Umsetzung ist es gut, haben wir diese Abkopplung in der Schweiz nie gemacht.»

Es gebe aber auch in der Schweiz immer wieder Impfempfehlungen ohne Zulassung – die Verkürzung des Sechs-Monate-Intervalls auf vier Monate beim Booster sei so ein Beispiel gewesen, sagt Berger. «Auch für den Booster hatten wir bereits eine Impfempfehlung parat, zeitgleich kam damals aber auch die Zulassung.»

Die Ekif habe die Impfdurchbrüche bei den über 65-Jährigen sehr genau beobachtet. «Im Oktober haben wir gesehen, dass es sie gibt und entsprechend eine Empfehlung abgegeben. Retrospektiv hätten wir das vielleicht zwei, drei Wochen vorher machen können.»

Aber auf welchen Impfrhythmus müssen wir uns einstellen?

Ich glaube nicht, dass wir uns auf Impfungen alle vier oder sechs Monate einstellen müssen. Irgendwann hat die Bevölkerung eine Grundimmunität gegen Sars-CoV-2. Und dann müssen wir wahrscheinlich und hoffentlich nur noch die besonders gefährdeten Menschen und Risikopersonen regelmässig impfen.    

Zertifikat: Gültigkeit ist vom Zweck abhängig

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Das Covid-Zertifikat gilt in der Schweiz nach der Zweitimpfung für zwölf Monate. Auf die Frage, ob diese Gültigkeitsdauer aufgrund von Omikron nun verkürzt werden muss, sagt Ekif-Präsident Christoph Berger: «Wir müssen uns fragen, wovor das Zertifikat schützen soll. Wollen wir einen Schutz vor Infektion, müssten wir vielleicht ein Zertifikat mit einer Gültigkeit von drei Monaten machen. Wenn wir aber ein Zertifikat wollen, das Geimpfte und Genesene vor einer Hospitalisation schützt, ist die Dauer wesentlich länger.» Das Zertifikat sei eine Zusatzmassnahme und soll der Bevölkerung aufzeigen, wie man sich verhalten soll.

Die Situation sei wegen Omikron derzeit schwierig. «Ungeimpfte zu impfen, ist zwar jederzeit gut. Aber bis die Wirkung aktuell zum Zug kommt, dauert es sechs Wochen», sagt Berger. Beim Boostern gebe es schon nach zwei Wochen einen Effekt. «Wenn die Zahlen derart steigen, braucht es definitiv andere Massnahmen.»

Topaktuell ist das Thema des Boosters für 12- bis 15-Jährige. In den USA, in Österreich und Israel ist die Auffrischimpfung für jene schon zugelassen, in der Schweiz noch nicht. Warum ist die Schweiz im Hintertreffen?

Die US-Behörde FDA hat die Auffrischimpfung zugelassen, die Europäische Arzneimittel-Agentur meines Wissens aber noch nicht. Die Ekif befasst sich mit dem Thema.

Die ungeimpften Erwachsenen können wir nicht mit der Impfung von Kindern und Jugendlichen kompensieren.

Wir müssen uns fragen: Was ist das Ziel des Boosters? Ungeimpfte 12- bis 15-Jährige müssen aufgrund von Covid nur ganz selten hospitalisiert werden, geimpfte noch viel seltener. Abgesehen von Long Covid verhindern wir bei jenen nicht Hospitalisationen oder schwere Verläufe. Sie müssen weniger in Isolation und Quarantäne und es ist ein Beitrag an die Viruszirkulation. Aber: Die ungeimpften Erwachsenen können wir nicht mit der Impfung von Kindern und Jugendlichen kompensieren.

Trotzdem: Sind Kinder inzwischen der Treiber der Pandemie? 

Je mehr und kurzfristiger Erwachsene geimpft sind, desto relevanter wird die Viruszirkulation bei Kindern. Deshalb empfehlen wir die Impfung insbesondere Kindern, die mit Personen zusammenleben, die sich nicht impfen lassen können – ein Kind eines nierentransplantierten Vaters zum Beispiel.

«Wollen keine Vorbehalte gegenüber normalen Impfungen»

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Impfungen würden für die Gesundheit von Kindern eine ganz wichtige Rolle spielen, beispielsweise gegen Hirnhautentzündungen, sagt Berger. Mit Blick auf die aktuellen Diskussionen sagt er: «Wir müssen schauen, dass wir grundsätzlich die Impfung von Kindern nicht gefährden.» Er befürchtet, dass zu viel Druck negative Folgen haben könnte. «Wir wollen keine Vorbehalte gegenüber den normalen Impfungen. Aber es ist auch nicht gefährlich, wenn man Kinder gegen Covid impft, dafür stehe ich ein. Aber es soll am Schluss ein individueller Entscheid sein.»

Die Schweiz hat in dieser Pandemie häufiger langsamer agiert als andere Länder. Ist sie eine Trittbrettfahrerin oder noch böser formuliert eine Schmarotzerin?

Wenn man es negativ formulieren will, kann man dies bis zu einem gewissen Grad so sagen. Auf der anderen Seite: Wir waren bei vielen Entscheiden sehr aktiv dabei, etwa beim Impfstart an Weihnachten 2020. Und: Wir haben sehr dezidiert auf mRNA-Impfempfehlungen gesetzt – anders als andere Länder um uns herum.

Ist es denn auch eine Frage der Mentalität?                 

In Europa haben Portugal und Spanien ganz schnell hohe Impfraten geschafft. Das gelang den deutschsprachigen Ländern nicht.

Wir haben in der Schweiz einen sehr ausgeprägten Individualismus.

Das macht mir Sorgen. Ich glaube, wir haben in der Schweiz einen sehr ausgeprägten Individualismus. Das macht es schwierig, eine Empfehlung abzugeben. Es ist nicht die Mentalität der Schweiz, zu sagen: Geht impfen, sonst könnt ihr nicht mehr arbeiten oder zur Schule gehen.

Ihre Amtsdauer als Ekif-Präsident läuft noch bis ins Ende 2023. Ist die Pandemie bei den nächsten Wahlen Geschichte?

Das Virus wird bleiben, doch die Situation dürfte sich in den nächsten Monaten bessern. Bis die Normalität zurückkehrt, dürfte es aber im Minimum Winter werden.

Das Gespräch führte Eveline Kobler.

SRF 4 News, Samstagsrundschau, 08.01.2022, 11:30 Uhr;

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