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Zwei Ärzte am Spitalbett einer Patientin.
Legende: In grossen Spitälern gibt es für komplexe Fälle Teams, in denen Spezialistinnen und Spezialisten aus mehreren Disziplinen zusammen arbeiten. SRF
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Das Ende der Regionalspitäler Weniger Spitäler – mehr Qualität?

«Hurra, mein Spital schliesst!» Niemand würde so reagieren. Dennoch sagen Experten, die Qualität werde besser mit weniger Spitälern. Wirklich?

Jedem Tal sein Spital. Das war über Jahrzehnte das Motto der Schweizer Spitalplanung. Doch diese Zeiten sind vorbei. Vielen Spitälern geht das Geld aus. «Bei jedem 10. Spital ist die Lage prekär», sagt Philip Sommer, Gesundheitsökonom bei der Beratungsfirma PWC. Wenn der Kanton als Eigentümer nicht mit Steuergeldern nachschiesse, müssten die Spitäler schliessen.

Kanton St.Gallen: 4 Regionalspitäler weg

Viele Kantone scheinen nicht mehr bereit zu sein, aus regionalpolitischen Gründen die Regionalspitäler mit Steuergeld zu erhalten: In Baselland wurde letztes Jahr das Spital Laufen geschlossen. Die stationären Patienten und Patientinnen wurden in andere Spitäler verlegt. Im Kanton St. Gallen hat das Parlament entschieden, gleich vier der neun kantonalen Spitälern zu schliessen.

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Lucie Straumann war die letzte Patientin im Spital Laufen
Aus DOK vom 04.03.2021.
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Der Umbruch ist politisch gewollt

Spitalschliessungen führen zu einem Aufschrei in den betroffenen Regionen. Aber die Entwicklung ist politisch gewollt. Der Bund hat mit der neuen Spitalfinanzierung 2012 den Umbruch provoziert.

Zwei Dinge sind fundamental anders geworden: Die Patienten und Patientinnen haben die freie Spitalwahl in der ganzen Schweiz – so sind die Spitäler stärker dem Wettbewerb ausgesetzt. Gleichzeitig müssen die Spitäler mit den Fallpauschalen der Patienten auskommen. Ihnen werden nicht mehr einfach die Kosten gedeckt.

In den letzten Jahren kam verschärfend dazu: Viele Eingriffe können oder müssen ambulant gemacht werden – aus Spargründen und weil der medizinische Fortschritt dies erlaubt. Das heisst: Grosse Bettenabteilungen werden überflüssig.

«50 Spitäler am richtigen Ort würden genügen»

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«50 Spitäler am richtigen Ort würden genügen»
Legende: Philip Sommer, Gesundheitsökonom PwC SRF

SRF DOK: Herr Sommer, hat die Schweiz zu viele Spitäler?

Philip Sommer: Die Spitaldichte ist hoch. Aktuell gibt es über 200 Spitalstandorte. Zukünftig wird es weniger stationäre Spitalstandorte benötigen. Wir haben in einer Studie 2018 berechnet, dass wir ab rund 50 Spitälern eine gute Grundversorgung in der Schweiz sicherstellen können.

50 statt über 200 Spitäler. Dreiviertel wären nicht mehr nötig. Wie kommt diese Zahl zustande?

Wir haben dies mit einem umfangreichen Modell errechnet. Fragestellung war, wie viele Spitäler es braucht, um welchen Grad der Versorgung zu erreichen. Und wo geographisch die Spitäler stehen müssten.

Wichtig zu betonen ist: Diese Spitäler stünden im Modell zum Teil dort, wo heute noch kein Spital steht, es aber gute Autobahnanschlüsse oder gute Bahnverbindungen gibt. 50 ist somit sicher eine hypothetische Zahl.

Doch wäre mit viel weniger Spitälern die Versorgung gesichert?

Es ging uns bei diesem Szenario nicht um eine exakte Zahl. Vielleicht sind es 60 oder auch 100 Spitäler, aber es braucht nicht über 200. Mit 50 Spitälern am richtigen Ort hätte 90 Prozent der Bevölkerung immer noch weniger als 30 Minuten bis zum nächsten Spital.

Einhergehend müssten aber, wie in einer unserer weiteren Studien aufgezeigt, neue Versorgungsmodelle entstehen, welche die Spitäler über Sektoren integrieren – also Akutspitäler, Rehabilitation, Psychiatrie und Pflegeheime.

Was bringt ein solcher Umbruch für das Gesundheitswesen und die Patienten?

Angesichts des Fachkräftemangels bringt ein solcher Umbruch den Patientinnen eine bessere Versorgung. Mit diesen grösseren Zentren könnte man Fachkräfte bündeln, die ja ohnehin schon knapp sind.

Dazu kommen zeitgleich geringere notwendige Investitionen in Milliardenhöhe und tiefere Betriebskosten. Kleinere Spitäler haben weiter ihre Berechtigung in der Versorgung – zunehmend jedoch in ambulanten Angeboten und als Teil von regionalen Versorgungsnetzwerken.

Wichtig: Eine solche Transformation ist ein Generationenprojekt. Die COVID-19 Pandemie hat dies jedoch beschleunigt.

So könnte sich die Spitallandschaft verändern

Bildvergleich

Regler nach links verschieben Regler nach rechts verschieben
Legende:Weniger Spitäler, dafür an gut erreichbaren Verkehrsknotenpunkten

Gefragt sind hohe Fallzahlen

Ist die Gesundheitsversorgung in Gefahr? Im Gegenteil, die Qualität werde besser mit weniger Spitälern. Davon sind viele Experten und Politikerinnen überzeugt. «Die Qualität in den kleinen Spitälern wird immer schwieriger zu gewährleisten», sagt der St. Galler Regierungsrat Bruno Damann.

Als Vorsteher des Gesundheitsdepartements und langjähriger Arzt hat er die neue St. Galler Spitalstrategie mitentwickelt. Man habe zu wenig Fachpersonal. Dieses gelte es in Zentren zu bündeln.

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Bruno Damann: «Es ist nötig, die Spitalstrategie umzubauen.»
Aus DOK vom 04.03.2021.
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Unbestritten ist ausserdem, dass die medizinische Behandlung besser wird, wenn ein Spital mehr Routine hat mit einer Operation. Vor allem bei komplexen Eingriffen werden Fallzahlen zu einem wichtigen Qualitätsindikator.

Der Direktor der Stiftung für Patientensicherheit, David Schwappach, erklärt warum: «Es ist nicht nur die handwerkliche Routine des Chirurgen. Das ganze Team im Operationssaal, das Pflegepersonal, die Physiotherapeutinnen – sie alle haben mehr Erfahrung mit höheren Fallzahlen.» Ausserdem seien grössere Teams besser beim Bewältigen von Komplikationen.

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David Schwappach: «5 Prozent der Patienten erleiden vermeidbare Komplikationen.»
Aus DOK vom 04.03.2021.
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Regionen fühlen sich abgehängt

Doch der Frust ist gross, wenn in der Region das Spital schliesst. «Es geht um die medizinische Grundversorgung und um die Attraktivität des Ortes», sagt der Altstätter Stadtpräsident Ruedi Mattle.

Wenn sein Spital schliesst, verliert er auch einen der wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Zudem verlieren Bäckereien, Floristen und Lieferanten Umsatz. «Wenn man das Spital betriebswirtschaftlich betrachtet, werden Landregionen abgehängt», kritisiert er die Spitalstrategie seines Kantons.

Qualität habe zudem auch eine andere Seite, ist Mattle überzeugt: «Es geht nicht allein um hohe Fallzahlen. Nähe zum Wohnort, familiäre Atmosphäre und menschlicher Umgang sind für die Genesung auch wichtig.» Gerade die ältere Bevölkerung will bei einem Spitalaufenthalt am liebsten in der Region bleiben.

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Ruedi Mattle: « Das Spital ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.»
Aus DOK vom 04.03.2021.
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Der unerwartete Corona-Effekt

Als die Pandemie ausbrach, witterten viele Landspitäler wieder Morgenluft. Corona würde die Diskussion um Spitalschliessungen zum Schweigen bringen. Doch es kam anders. «Corona hat die Konzentration beschleunigt», erklärt Felix Sennhauser, VR-Präsident aller St.Galler Spitalverbunde.

Die Pandemie habe gezeigt: Es mangelt nicht an Betten, sondern an Fachpersonal. Viele Kantone haben in der Pandemie genau das gemacht, was sowieso im Trend liegt: Die Leistungen der Spitäler auf weniger Standorte konzentriert, um das Fachpersonal zu bündeln und effizienter zu arbeiten. «Die Pandemie hat unsere Strategie bestätigt», sagt der oberste Chef der St.Galler Spitäler.

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43 Kommentare

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  • Kommentar von Dietmar Logoz  (Universalamateur)
    Man könnte auch zur Einsicht kommen, dass das Fallpauschalensystem ein zentralistisch-planwirtschaftlicher Unsinn ist. Selbstverständlich sollen Spitäler nicht verschwenderisch funktionieren, dies könnte aber auch dadurch erreicht werden, dass die einzelnen Fallkosten mit Zusatzangaben jährlich publiziert würden.
  • Kommentar von Bruno Hochuli  (Bruno Hochuli)
    Was nützen Ambultorien wo Patienten operiert werden und am gleichen Tag wieder nach Hause und etwas später wegen Infektionen in ein Spital eingeliefert werden müssen? Es gibt sehr gute Ärzte welche gerne in einem kleineren Spital arbeiten würden, aber das Personal fehlt.
    1. Antwort von Johann Meier  (Hans321)
      Jede Branche beklagt über zu wenig Arbeitskräfte. Wieviele Lehrstelle bleiben jedes Jahr unbesetzt? Wir übernehmen uns, wir wollen zu viel mit zu wenig. Früher gings doch auch?!
      Die Linken sagen das wird mit Flüchtlingen ausgeglichen. Wohl kaum.
  • Kommentar von Michael Mauerhofer  (mmhofer)
    Und wenn's zum nächsten Mal zu wenig Betten und Personal hat, um dem Unstand gerecht zu werden, dass viele alte Personen für Tage, Wochen einen Spitalplatz benötigen, dann machen wir wieder einen Lockdown und starten eine Impfkampagne. Wir wissen ja nun wie es geht.